Roger Willemsen – ein Nachruf

Roger Willemsen ist tot. Jeden berühren andere Todesfälle von Menschen, von denen man irgendwie das Gefühl hatte, sie zu kennen ohne sie zu kennen. Weil der Mensch einen mit seinem künstlerischen Werk, sei es musikalisch, schriftstellerisch oder sonstwie, berührt hat etwa. Erinnert sich an einen ganz bestimmten Moment – einen von denen, die das Leben eben ausmachen, von denen man glaubt, dass man sich an sie erinnert, wenn es mit einem selbst zu Ende geht – eine Lebensphase, in der das Werk eine Rolle gespielt hat; Musik als Teil des ganz persönlichen (Lebens-)Soundtracks oder ein Buch im Rucksack als steter Begleiter bei der Art von Reisen, wie man sie nur in jungen Jahren unternehmen kann.

Roger Willemsen, genauer gesagt sein Buch "Der Knacks", war so etwas für mich. Darin ging es zu Beginn um den Tod seines Vaters und darum, wie der Tod damit sein Leben schon früh geprägt hat. Um darauf aufbauend weitere, freilich nicht-empirische Thesen zu diesen Knackpunkten des Lebens, diesen Momenten und Phasen, die alles verändern, auszuformulieren. Schöne Gedanken, Einzelgeschichten. Die Lektüre ist zu lange her, um sich an Details zu erinnern; aber der Eindruck ist immer noch da. Oft genug entscheidet letztlich ohnehin das, was man selbst aus einem Buch macht und was davon bleibt.

Das Buch selbst befindet sich nicht mehr in meinem Buchregal. Entweder verborgt – da weiß man wieder, wieso man Bücher nur ungern herborgt – oder jemandem geschenkt, mitunter in einer schwierigen Situation. Ist auch nicht so wichtig. Es ist die Art von Buch, die man jemandem schenkt, der gerade in einer Umbruchphase – das meint Willemsen ja mit "Knacks" – steckt. Und Bücher, das kann man bei Viktor Frankl sehr schön lesen, sind ja ein hervorragendes Therapeutikum.

Amazon sei Dank kann man Bücher über die Vorschaufunktion ja teilweise vorab begutachten; und die entscheidende Passage ist verfügbar. Sehr eigentümlich, diese Zeilen jetzt zu lesen. Ein wenig bekommt man den Eindruck, als hätte Willemsen diese Zeilen auch für sich geschrieben – schließlich ist auch er einem Krebsleiden erlegen:

Denn so viel wusste ich sofort: Sterben würde mein Vater, an Krebs sterben, trotz aller Bestrahlungen und günstig klingenden Befunde, sterben an etwas, das unter dem von den Strahlungen rot gewordenen Fleck auf seiner oberen Rückenpartie saß – eine Stelle wie ein mittelschwerer Sonnenbrand. Diese raue Stelle war das einzig Äußerliche, das uns die Krankheit zu sehen gab. Nein, es war ja nicht einnial die Krankheit, die sich zeigte, es war der ärztliche Versuch einer Therapie, die auf Strahlen, Verbrennungen, Verätzungen, auf Ausmerzungs Prozesse im Innern des Vaterleibes setzte. Wir alle haben diese Stelle manchmal eingecremt, die einzige Spur der Krankheit berührt, eine Rötung bloß, eine Bagatelle.

Doch der Knacks? Nicht das Wort »Krebs« löste ihn aus, nicht der Kochlöffel, nicht das Bild des Vaters im Krankenhausbett und auch nicht der Blick aus seinen Augen, als er sich, schon von Morphium benebelt, im Kissen aufrichtete, auf mich zeigte und fragte: »Wer ist das?«

Auch die Nachricht von seinem Tod an jenem Augustnachmnittag war nicht der Knacks. Dies alles waren Schocks, Detonationen, Implosionen. Der Knacks war das weiße Huhn, das wiedergefundene Unwiederbringliche.

Die Trauer ist das eine. Das andere ist der Eintritt in eine Sphäre des Verlusts. Anders gesagt: Der Verlust ist das eine, das andere aber ist, ihn dauern zu sehen und zu wissen, wie er überdauern wird: Nicht im Medium des Schmerzes und nicht als Klage, nicht einmal expressiv, sondern sachlich, als graduelle Verschiebung der Erlebnisintensität.

Man könnte auch sagen: Etwas Relatives tritt ein. Was kommt, misst sich an diesem Erleben und geht gleichfalls durch den Knacks. Es ist der negative Konjunktiv: Etwas ist schön, wäre da nicht ... Es tritt ein Moment ein, in dein alles auch das eigene Gegenteil ist. Als kämen, auf die Spitze getrieben, die Dinge unmittelbar aus dem Tod und müssten sich im Leben erst behaupten und bewähren.

Todesfälle regen zum Nachdenken an. Sie rücken Dinge in Perspektive und werfen die gute alte Frage nach dem auf, worauf es im Leben wirklich ankommt. Darauf, dass vieles, das einen für den Moment intensiv beschäftigt oder gar mitnimmt, auf die Lebensspanne gesehen von lediglich verschwindend geringer Bedeutung ist. Der berühmte Psychologe Irvin Yalom erzählt dementsprechend gerne davon, dass er seine Klienten in der ersten Sitzung dazu auffordert, auf einer Lebenslinie einzuzeichnen, wo sie sich gerade befinden. Und ganz allgemein scheint uns der Gedanke an das eigene Ableben paradoxerweise glücklich machen zu können: Lässt er uns doch der eigene Vergänglchkeit gewahr werden. Gibt Anlass, existenzielle, langfristige Ziele mit kurzfristigen Begierden abzustimmen. Und wirft die essentielle Grundfrage auf, ob wir unsere beschränkte Lebenszeit sinnvoll einsetzen, was freilich gegebenenfalls zum gebotenen Umdenken anregen kann. Wofür es freilich nie zu spät sein kann.

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Maria Lodjn

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