HEIMATLOSE NATIONALISTEN UND NUTELLAFARBENE GELIEBTE

Die Weltbürger wissen, wo sie hingehören, während die Nationalisten immer und immer ihre Heimat suchen, und sie ist immer verloren, weil heute nichts ist, wie es gestern war. Oft hört man diesen emphatischen Satz: nach dem und dem Ereignis ist nichts mehr, wie es war. Das gilt auch für Tage, an denen nichts passierte, nur da merken wir es nicht oder weniger. Das Altern beginnt am Tag der Geburt. Das Meer beginnt in der kleinen Gebirgsquelle. Die Stadt fängt mit ihrer Silhouette an.

Der Nationalist sucht also eigentlich keinen Ort, sondern eine verlorene Zeit. Seine Aggressivität speist sich aus einer notwendigen Erfolglosigkeit, denn die Suche nach einer verlorenen Zeit ist nicht sinnlos zwar, aber nicht zielführend. Vergangenheit kann man produktiv machen, indem man ihre Erfahrungen nutzt, oder man kann sie als durchlöchertes Schutzschild vor sich her tragen. Ein Ort ist immer seine Geschichte und sein Fluch und seine Flucht.

In der kleinen Stadt Cottbus steht eines der schönsten Theater Deutschlands. Es ist ein Jugendstilbau auf einem weiträumigen Platz, der mit schönen Bürgerhäusern aus ebender Zeit umstellt ist. Jugendstil ist ja eine gutgelaunte, verspielt-barock und doch aber auch schon moderne Stilrichtung, die freundlich und hell in die Welt gestellt scheint. Wenn man genau hinsieht, erkennt man auch klassizistische und ägyptisierende Formelemente. Klassizismus ist eigentlich nie aus der Mode gekommen. Wenn man sich die neue Nationalgalerie in Berlin, dann kann man leicht erkennen, wie der Neumeister Gropius Anleihen beim Altmeister Schinkel aufnahm. Und so kann man auch im Stadttheater Cottbus die Verwurzelung des Jugendstils in seinen Ahnen erkennen. Zwei Querstraßen weiter und drei Jahre später wurde das erste Kino Brandenburgs mit architektonischen Anleihen beim Theater gebaut und es erhielt den passenden Namen 'Weltspiegel' und das sind Theater und Kino auch wirklich: Spiegel und abgekürzte Chronik der Jahrhunderte, wie es im Hamlet heißt.

Der Reisende aus Frankfurt am Main oder Hamburg oder München mag glauben, dass er in die tiefste Provinz gelangte, wenn er nach Cottbus kam. Der aufmerksame Wanderer sieht, dass Cottbus neben Dannenberg, Havelberg, Bautzen, Lübbenau und Usedom einer der Schmelzpunkte slawischer und deutscher Kultur ist. Zwar gab es 948 den großen Slawenaufstand, aber wir wissen nicht, ob der Aufstand oder die jahrhundertelange Assimiliationsgeschichte kulturbildender gewesen ist. Der Widerspruch zwischen Freiheit und Ordnung hat sich auch in den Niederungen zwischen Elbe, Havel und Spree als Kampf und Anpassung zugetragen. Während die eine Interpretationsgeschichte immer nur die Konkurrenz und den Überlebenskampf betont, weiß die andere Linie schon lange von der evolutionsfördernden Kraft der Kooperation. Der Fitteste, der angeblich nur überlebt, ist also keinesfalls der körperlich stärkste, vielmehr kann der körperlich schwächste alle die empathischen Kräfte in sich vereinen, die er durch seine Schwäche angezogen hat. Darwin hat die Metapher vom surviving of the fittest von Herbert Spencer übernommen und sich im Vorwort zur fünften Auflage seiner 'Entstehung der Arten' dafür entschuldigt, dass er nichts besseres gefunden hat. In der Natur herrscht, wenn überhaupt jemand, Reichtum, nicht Armut, wusste schon der aufmerksame Leser Nietzsche, der auch herausfand, dass fit sein und lesen sich nicht widersprechen.

Der zweite Punkt der Cottbus zur Weltstadt macht, ist der berühmteste Bewohner, der Fürst von Pückler-Muskau. Er war einerseits ein damals hochberühmter Weltreisender, den Goethe befragte und der sich mit dem Freiherrn Alexander von Humboldt - von dem ihn aber Millionen von Thalern trennten - weltläufig über die Welt austauschte. Andererseits war er ein absolut bodenständiger Parkgestalter und Landschaftsarchitekt, dessen Markenzeichen, riesige Rotbuchen, wuchtig und lieblich zugleich, seine teils französischen, mehr aber englischen Parks zu Inseln der Geborgenheit inmitten einer als Heimat empfundenen Welt wurden. Dieser Fürst, der immer pleite war und sich Geld borgen musste, brachte von einer seiner Reisen die erste freie Afrikanerin mit, Machbuba aus Äthiopien, die in Europa, nämlich als seine Geliebte lebte. Er hatte sie auf dem Sklavenmarkt in Kairo gekauft, sie war wahrscheinlich aus dem Volk der Oromo. Aber ist man als Geliebte oder Geliebter frei? Ist man als Schwarzer in Europa frei? Ist man als Europäer in Afrika frei? Ist der Gläubige frei? Ist der Gläubiger frei? Vielleicht heißt Freiheit nur Unkenntnis der Bindungen. Andererseits, schreibt Hegel, ist der Unwissende unfrei, denn er lebt in einer Welt, die er nicht gemacht hat. Je mehr man weiß, desto mehr weiß man auch, dass es keinen Ort und keine Zeit gibt die stehenbleiben.

Das alles wusste man oder hätte man in Cottbus wissen können. Doch trotzdem schrieb man im Jahre 1908 an das weltläufige Theater: DER DEUTSCHEN KUNST. War es also ein Theater gegen die Hälfte der Einwohner, die Sorben? War es ein Theater gegen den Fürsten von Pückler-Muskau, der in dem von ihm geschaffenen Park Branitz in einer undeutschen Pyramide begraben liegt, nicht weit von seiner nutellafarbenen Geliebten, die an Heimweh starb? War es ein Theater, indem kein Shakespeare gespielt wurde, ohne den kein Theater denkbar ist, so wie keine Musik ohne Bach und kein Bild ohne Michelangelo denkbar ist? War es ein Theater ohne Ibsen, der ewige nationalistische Asylant oder asylsuchende Nationalist, dessen letztes Wort 'im Gegenteil' war? Das Theater selbst kommt in seiner heutigen Form aus Griechenland, in seiner allgemeinen Form aus jedem Kinderherzen. War es also ein Theater ohne Theater?

Wer aus der Kunst eine 'deutsche' Kunst zu machen glaubt, glaubt auch an eine 'deutsche' Leitkultur, an Menschen, die sich nur in Deutschland die Hand geben. Wir sind alle Unwissende, die in einer fremden Welt leben, die wir nicht gemacht haben. Aber uns ist ein Verstand gegeben, Augen zu sehen, Ohren zu hören. Wir alle leben von und durch Vertrauen und Kooperation, nicht und niemals von Neid und Geiz, Hass und Missgunst.

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