Finn lebt in einem Dorf an einem der großen Seen, der finnischen Seenplatte in Karelien, dem Pielinen. Das ist ein Haus im Wald, die nächsten Nachbarn leben, wenn er auf der Straße mit dem Rücken zum Haus steht rechts einen halben Kilometer weit weg und link drei Kilometer. Im Winter ist es kalt, im Sommer ist es auch nicht wirklich warm. Aber das weiß Finn nicht. Für ihn ist das so ganz normal so wie es ist. Es ist einfach so. Finn ist ein ganz normaler Junge, wie sie zu Millionen auf der Welt leben: jung, neugierig, lebensbejahend und besonders.

Das Besondere an Finn ist, er ist zu klein. Alle Buben seines Alters können mit dem Luftdruckgewehr auf dem Rummel die Bären treffen. Finn sieht zwar über die Budel aber treffen kann er nicht, weil das Gewehr zu steil steht, wenn er sich auf die Budel lehnt um zu zielen. Letztes Jahr hat er ein Loch in das Dach des Schießstandes geschossen. Seither regnet es rein. Nicht viel, aber das Andenken an Finns Schuss macht den Schießbudenbesitzer immer wieder wütend – wenn es regnet.

Dieses Jahr, so meint Finn, müsste es sich schon ausgehen, er war über den Winter ein gutes Stück gewachsen. Und der Frühling zieht ins Land und der Sommer kommt und der Rummel kommt, wie jedes Jahr zur Sommersonnenwende, dem Gegenstück zu Weihnachten quasi.

Und Finn hatte recht gehabt. Er sah nicht nur über die Budel, er konnte sich auch abstützen und zielen. Doch der Rückschlag war gewaltig. Finn traf den großen Plüschbären, der für den besten Schützen reserviert war. Jetzt hatte er ein schwarzes Loch im Kopf. Der Schießbudenbesitzer ist nun wütend, wenn er den Bären ansieht, egal ob es regnet oder nicht.

„Du solltest vielleicht ein wenig üben“, gab eine Stimme aus dem Hintergrund einen guten Rat, „und jetzt schleich dich, andere wollen auch schießen und im Gegensatz zu dir, treffen wir sogar was. Und du kannst zuschauen, damit du was lernst.“

Mit einem rüden Stoß nahm ihm einer das Gewehr aus der Hand und in Sekundenschnelle waren sieben Bären umgeschossen.

Üben! Super Idee, aber womit? Wie sollte Finn Luftdruckgewehrschießen üben, wenn er kein Luftdruckgewehr hatte?

Sein großer Traum, einmal den großen Plüschbären für den besten Schützen zu gewinnen wurde größer und stieg höher und rückte in unerreichbare Ferne. Und Finn versuchte sich damit abzufinden.

Es ist ein Privileg der Jugend, Träume aufgeben zu können. Irgendetwas würde kommen, das an die Stelle dieses Traumes treten würde. Und während Finn im Wald saß und versucht NICHT darüber nachzudenken – denn wenn man nachdenkt, hört man nichts, hatte Finn irgendwo gehört – da hörte er, dass ein Schuss die Stille zerriss. Irgendetwas zersplitterte.

Ein zweiter Schuss folgte und es ertönte ein „Dong“, wie wenn einer auf Bierdosen schießt.

Finn hat Angst. Finn ist neugierig. Finn folgt der Richtung, aus der die Geräusche gekommen sind. Und ein dritter Schuss weist ihm die richtige Richtung.

Ein Mann steht auf der Lichtung vor dem alten Jagdhaus. Finn weiß, dass das Jagdhaus an Touristen vermietet wird. Oft hat er sie auf seinen Streifzügen durch den Wald beobachtet, wie sie sich auf der Lichtung vergnügt hatten.

Aber bisher war nie ein Tourist mit einem Gewehr im Jagdhaus gewesen. Finn nimmt all seinen Mut zusammen, die Knie drohen zu versagen: jetzt oder nie – so einfach ist es – und so schwer: „Darf ich auch mal?“ mehr bringt Finn nicht heraus. Die Stimme versagt ihm.

Der Mann, der aussieht wie Fritz Karl als Graf Andrassy in der Sisi-Verfilmung lächelt, hält ihm wortlos das Gewehr hin.

Finn übt mit dem Mann, der tatsächlich aus Ungarn kommt, allerdings nicht Gyula heißt, wie Graf Andrassy sondern Ferenc.

Und Finn ist ein absolut unbegabter Schüler. Er trifft alles Mögliche, nur nie das zuvor vereinbarte Ziel.

Ferenc hat Geduld. Ferenc hat Zeit. Ferenc ist ein guter Schütze und trifft immer das zuvor vereinbarte Ziel, oder er behauptet zumindest nachher, dass er das Ziel gemeint hatte und Finn sich wohl falsch ausgedrückt hätte.

Er gibt Finn viele Ratschläge und die meisten befolgt Finn auch, dennoch reicht es nicht.

Am Abend lädt Ferenc Finn zum Abendessen ein. Sie sitzen am Lagerfeuer, der Fisch ist gegessen und Finn erzählt die Geschichte vom großen Plüschbären, den er so gerne hätte. Mitten drinnen beginnt er sich zu schämen, fürchtet, dass Ferenc ihn auslachen würde, weil ein Junge in seinem Alter doch keinen Plüschbären mehr haben wollen sollte.

Er versucht zu argumentieren, dass es nicht der Bär an sich sei, dass es um das Symbol des besten Schützen ginge, er verheddert sich, wiederholt sich, bricht mitten im Satz ab.

Ferenc schaut ihn ruhig und ernst an. Keine Spur von Auslachen in seinem Gesicht. „Nein,“, sagt er, „du willst das nicht wirklich.“ „Aber...“, antwortet Finn und Ferenc fällt ihm ins Wort: „würdest du es wirklich wollen, würdest du es tun.“ Er steht auf, geht ins Haus und Finn bleibt allein auf der Lichtung zurück.

Und dann kommt wieder die Rummelzeit: die ersten Budenbesitzer kommen schon ins Dorf.

Finn hat geübt und geübt und jetzt kann er es – fast! Ab und zu geht noch ein Schuss daneben, vor allem, wenn er sich ablenken lässt.

„Morgen versuchen wir es“, sagt Ferenc. Finn kann die ganze Nacht nicht schlafen.

Sie gehen auf den Rummel. Die Schießbude ist nicht da. Sie gehen das Gelände drei Mal ab, doch vergebens. Ferenc beschließt in der Verwaltung zu fragen.

„Soll schon da sein, ist aber noch nicht eingetroffen, wir gehen ihm einfach entgegen“, teilt er Finn mit.

Die beiden machen sich auf den Weg über die Landstraße. Nach drei Kilometern finden sie den Schießbudenbesitzer tot in seinem Wagen sitzen. Er ist gegen einen Baum geprallt. Die Schießbude ist den Abhang hinunter gefallen und sehr zerbeult und zersplittert nahe am See gelandet.

Finn starrt erschrocken den Unfalllenker an. „Was gibt es da zu schauen?“ fragt Ferenc. „Du wolltest dir doch den Plüschbären verdienen. Da unten liegt er. Wenn du ihn bis zur Straße heraufbringst, hast du ihn dir redlich verdient. Also los, mach schon! Oder habe ich doch recht gehabt, dass du ihn gar nicht willst!

Finn klettert über die Böschung. Stolpert, weil er vor Tränen nichts sehen kann. Und er hasst den Bären und er will ihn wirklich nicht mehr.

Aber wie steht er denn vor Ferenc da, wenn er ohne den großen Bären zurückkommt, vorausgesetzt, dass er jemals zurückkommt, über die steile Böschung.

Ferenc verständigt die Behörden über den Unfall. Er such eine weniger steile Stelle und geht hinunter zum See.

Zuerst holt er den Bären. Es ist noch immer der, den Finn in den Kopf geschossen hat. Es gab keinen besten Schützen im vergangenen Jahr. Dann kümmert er sich um Finn, der mit zerschundenen Knien und vielen Tränen in den Augen am Ufer sitzt. Sie gehen in Ferenc’ Haus.

Finn schläft gut und tief und erwacht am nächsten morgen ganz allein im alten Jagdhaus. Von Ferenc hat er sein ganzes Leben nichts mehr gehört, aber in seinen Träumen hat Ferenc Heldentaten vollbracht, wie Gyula Andrassy in der Sisi-Verfilmung.

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