Das Präventionsparadoxon oder: Covid-19 und der Löwenverjager

Falls jemand den Witz noch nicht kennt:

In Köln treffen sich 2 alte Freunde nach 30 Jahren zufällig wieder. Nach der Begrüßung fragt Karl den Ludwig: "Was machst Du eigentlich inzwischen?" - "Ich verjage Löwen!" - "Aber hier gibts doch gar keine Löwen??" - "Eben! Da siehst Du mal, wie gut ich bin!"

Dieser Witz funktioniert außerhalb des natürlichen Lebensraumes von Löwen. Aber dort, wo sie Nutztiere reißen oder gelegentlich auch Menschen töten, würde niemand darüber lachen, sondern man würde sich über gute Löwenverjager freuen, die 7/24 arbeiten.

Genauso hätten sich viele, die in einem der Länder der folgenden Grafik um Ostern 2020 herum nahe Angehörige oder Freunde verloren haben, über gute Covid-19-Verjager gefreut:

https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps#

Die blauen Linien dieser auszugsweisen Euromomo-Grafik zeigen die Übersterblichkeiten der Länder von Ende 2016 bis Frühjahr 2020, völlig unabhängig von den Todesursachen. Null bedeutet hier, daß in einer Woche so viele Menschen wie im langjährigen Mittel starben. Ungewöhnlich hohe Todeszahlen können jedwede Ursachen haben: z.B. Seuchen, Natur- oder Umweltkatastrophen, heftige Bürgerkriege, Atombombenexplosionen usw.

Da im Frühjahr 2020 nichts derartiges passierte, folgere ich, daß die hohen Spitzen am rechten Rand die Coronatoten (trotz aller Lockdowns!) zeigen - mehr als bei jeder Grippewelle, obwohl die noch nie einen Lockdown auslösten.

Aber es gibt auch europäische Länder, die zur gleichen Zeit keine merkliche Übersterblichkeit hatten . . .

https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps#

. . . wie z.B. Österreich und Deutschland, wo allerdings nur Berlin und Hessen Daten an Euromomo liefern und hier die Farbe hellblau bzw. grau haben.

In diesen "hellen" Ländern scheinen sich einige Durchblicker wie Karl in Köln zu fühlen, wenn sie immer wieder z.B. behaupten, Covid-19 sei nicht gefährlicher als eine normale Grippe. Dabei sehen sie sich von Zugpferden wie etwa dem Ex-Professor Dr.Sucharit Bhakdi bestätigt, aber blenden völlig aus, daß ihre Regierungen rechtzeitig quasi als Virenverjager*) aktiv wurden, und beschweren sich nur über die Nebenwirkungen der Lockdowns.

Was passiert, wenn Covid-19 vor einem Lockdown in einem Ballungsgebiet etwas Fahrt aufnehmen kann, zeigt beispielhaft diese Grafik für New York City:

https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/27/upshot/coronavirus-deaths-new-york-city.html, eigene Ergänzungen in deutsch

Ja, liebe Leser: Der rote Wolkenkratzer ganz rechts bildet die Covid-19-bedingte Übersterblichkeit aus 6 von 9 Wochen eines Todessturms ab. Die Spitze in der 15.KW liegt ungefähr bei +5.800 Toten pro Woche, das entspricht gegenüber den üblichen 1.000 Toten einer Übersterblichkeit von ca. 580%. Zum Vergleich: Die beschriftete Hundehütte in 2018 war die schlimmste Grippewelle, mit nur ~ 1/40 der Übersterblichkeit von Covid-19!

Aber auch diese Grafik zeigt: Konsequente Lockdowns brechen die Covid-19-Todeswellen mit ca. 3 Wochen Verzögerung. Umkehrschluß: Ohne den Lockdown wäre die Übersterblichkeit in NYC noch weiter "durch die Decke geschossen"!

Auch in europäischen Metropolen stieg die Übersterblichkeit im Frühjahr 2020 weit über die Grippewellen - z.B. in London und Stockholm auf 225% bzw. 154%.

Zurück in die "hellen Länder": Ignoranz gegenüber den Erfolgen von Vorbeugungen wird auch als Präventionsparadoxon bezeichnet. Auf den kürzesten Nenner gebracht: Je besser eine unbequeme Vorbeugung wirkt (hier etwa ein Lockdown), umso lauter rufen einige, daß sie außer den Unbequemlichkeiten überhaupt nichts bewirkt habe.

Anhand des Witzes oben gefragt:

Wann werden die selbsternannten Corona-Erklärer endlich verstehen, daß wir nicht im sowieso-löwenfreien Köln leben, sondern in Afrika, wo Ludwig der Löwenverjager gute Arbeit leistet?

Wenn ihnen die Kollateralschäden seiner Erfolge zu hoch erscheinen, kann man darüber diskutieren. Aber wenn sie die Gefährlichkeit von Covid-19 auf eine übliche Grippe herunterleugnen, um dann die Lockdowns als unnötig hinzustellen, bekämpfen sie vermeintliche Lügen mit tatsächlichen Lügen!

Zum Schluß anhand einiger Zahlen noch eine Grundfrage zum Corona-Weltbild der Durchblicker - nach einem kurzen Vorspann.

Auf der Euromomo-Webseite sind in der obersten Grafik für jede Kalenderwoche Daten für Baseline, Substancial Increase und Pooled Deaths versteckt. Sie werden sichtbar, wenn man mit dem Mauszeiger über die Kurven fährt und ermöglichen in der Numbers-Ansicht exakte Berechnungen der Todeszahlen.

Die Grafik "All Ages" sieht so aus (mit meinen Ergänzungen in rot):

https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps# + eigene Ergänzungen

Die Mini-Grippewelle 2019/20 endete in der 7.KW, denn in der 8.KW starben 92 Menschen weniger als saisonal üblich. Die daran anschließende Spitze ganz rechts zeigt, daß irgendetwas anderes pro Woche mehr als doppelt so viele Menschen umgebracht hat wie die aggressivste Grippewelle der letzten Jahre (2016/17). Auch die anhand der Summen der Wochen-Toten berechnete Übersterblichkeit von 23,6% zeigt im Vergleich zur Grippewelle 2017/18 mit 11,6%:

Irgendetwas führte in den Euromomo-Ländern zu einer Frühjahrs-Übersterblichkeit von 142.306 Toten und war damit trotz diverser Lockdowns mehr als doppelt so tödlich wie die schlimmste Grippe ohne einen einzigen Lockdown!

Und nun endlich die angekündigte Grundfrage an die Corona-Erklärer, zu der bisher auch z.B. von Dr.Sucharit Bhakdi nur dröhnendes Schweigen kommt:

Was hat diese 142.306 Europäer umgebracht, wenn es nicht Covid-19 gewesen sein kann??

Falls sich jemand an einer Antwort versucht: Bitte keine Episoden aus dem Mikrokosmos a la "3 tote Coronapatienten wegen falscher Beatmung im Spital Kleinblümchenhausen", solange sich damit nicht mindestens 5% der besagten Toten plausibel erklären lassen!

*) Ich weiß, daß man Viren nicht verjagen kann: das ist nur an den Einstiegs-Witz angelehnt.

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Michlmayr

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