Was würdest Du tun, wenn Du die Möglichkeit hättest, die Kreuzigung Jesu zu verhindern? Dies ist die Grundfrage, mit der sich der Leser zu konfrontieren hat. Jedenfalls dann, wenn er bereit ist, die Zeitreise über die Buchseiten hinaus anzutreten.

Viele Jahre sind vergangen, seit Andreas Eschbach das Jesus-Video geschrieben hat. Mit diesem Roman ist dem Autor der Durchbruch gelungen. Ich hatte damals das Vergnügen, Andreas Eschbach im Rahmen eines Autoren-Workshops persönlich kennen zu lernen. Und ich war meiner Erinnerung nach der einzige Teilnehmer, der leise Kritik am Jesus-Videoanklingen ließ. Die Idee freilich ist grandios. Es soll ein Video existieren, das Jesus Christus zeigt. Die Umstände der Auffindung hängen mit einer Zeitreise zusammen. Irgendwann muss ein Mensch oder eine ganze Gruppe von Menschen eine Zeitmaschine benutzt haben, um in die Zeit Jesu zu reisen. Dort wurde dann das Video gemacht. Und eines Tages wird dieses Video bei Ausgrabungen aufgespürt. So weit, so fantastisch. Allerdings kommen dann Faktoren ins Spiel, die allzu abenteuerlich sind. Einige Zeitgenossen sind gierig danach, diesem Video habhaft zu werden. Überhaupt schnappt die halbe Welt über.

Andreas Eschbach hat mir damals versprochen, es beim nächsten Roman besser zu machen. Tatsächlich ist Eine Billion Dollar sein – meiner Meinung nach – mit Abstand bester Roman. Doch darum soll es hier nicht gehen. Die Fortsetzung des Jesus-Video ist zwar auch abenteuerlich, geht aber aufs Ganze. Zudem werden einige Zusammenhänge hergestellt, die für Aufklärung sorgen. Entscheidend sind zwei Punkte: Ein megareicher Evangelikaler hat es sich in den Kopf gesetzt, eine bestens ausgebildete Truppe in die Zeit Jesu reisen zu lassen. Es ist nicht mal ein Spoiler, wenn ich verrate, dass diesem Mann daran gelegen ist, Jesus mit an Bord der Zeitmaschine zu bringen. UND die eingangs gestellte Frage, ob es denn statthaft wäre, gegebenenfalls die Kreuzigung Jesu zu verhindern?

Was den Jesus-Deal zu einer besonderen Lektüre macht, ist die Auseinandersetzung mit der Welt der Evangelikalen. Diese angeblich christliche Glaubensgemeinschaft breitet sich insbesondere in Afrika besonders stark aus, in den U.S.A. ist sie fast schon „Normalität“. Doch auch in Europa gibt es viele „Jünger“. Einmal habe ich selbst ein wenig in diese Organisation hineingeschnuppert. Es herrscht großes Frohlocken, jeder Mensch, der bereit ist, sich auf die Reise mit den Evangelikalen zu begeben, ist hierzu herzlich eingeladen. Bücher sonder Zahl berichten von „Bekehrungen“ ehemals schrecklich schlechter, ungehobelter Menschen. Kurzum: Die Evangelikalen stellen sich als zugänglich, liebevoll, nur an das Beste im Menschen glaubend dar. Der kleine Haken dabei ist, dass sie sich auserwählt fühlen. Wer nicht evangelikal ist, kann nicht erlöst werden. Dass Jesus mit seinem Kreuzestod bereits die Menschen aller Zeiten erlöst hat, wird nicht zur Kenntnis genommen. Dafür wird das neue Testament wortwörtlich interpretiert. Die Welt ist also nur ein paar Tausend Jahre alt und Jona wurde tatsächlich von einem Wal verschluckt und hat dies überlebt.

Andreas Eschbach hat im Vorfeld viel recherchiert und was er zutage gebracht hat, sorgt immer wieder für Erstaunen im negativen Sinne. Der Jesus-Deal orientiert sich an der evangelikalen Vorstellungswelt, an der offenbar die Welt genesen soll. Die Konsequenzen daraus könnten schrecklich sein. Der Roman ufert ein wenig aus. Manche Nebenhandlungen sind störend. Die Zeitreisenden verlassen manchmal einige Kapitel lang die Bühne.

Doch zurück zum Anfang: Die Zeitreisenden schaffen es tatsächlich, mit der Zeitmaschine in die Zeit Jesu zu gelangen. Jetzt gilt es für sie, festzustellen, wie weit der Weg Jesu bereits fortgeschritten ist. Mehr will ich nicht an Einblick geben, weil schließlich die Spannung des Lesers erhalten bleiben soll. Aber jeder Leser wird sich am Ende mit der Frage konfrontiert sehen, ob er die Kreuzigung Jesu verhindern wollte, wenn dies möglich wäre.

Ostern ist für Christen das bedeutendste Fest. Das Martyrium Jesu, sein Tod am Kreuz erschüttern Jahr für Jahr erneut. Lässt sich der christliche Glaube ohne den Tod Jesu am Kreuz überhaupt denken? Wäre Jesus begnadigt worden, hätte er also weiter die frohe Botschaft verkündet bis ins hohe Alter, gäbe es dann das Christentum überhaupt in der heutigen Ausprägung? Für manche Christen ist dies tatsächlich unvorstellbar. Der Tod am Kreuz brachte Dunkelheit über die Welt, die mit der Auferstehung Jesu wieder aufgehoben wurde. Hans Küng hat einen Satz geprägt, der die Christen in diesen Tagen ermutigen sollte, ihren Glauben aus voller Überzeugung weiter zu entwickeln: „Jesus lebt nicht, weil er verkündet wird, sondern er wird verkündet, weil er lebt.“ Aus wörtlich genommener Bibeltreue allein kann jedenfalls keine Glaubensüberzeugung entstehen. Jedenfalls keine, die eine tief verwurzelte christliche Dimension aufweist. Und daran scheiden sich die Geister auch in diesem insgesamt hochinteressanten Roman von Andreas Eschbach.

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Claudia Braunstein

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