31 Tage Glück: Nichts ist schwer, sind wir nur leicht.

...wusste schon der deutsche Schriftsteller Richard Dehmel (1863-1920)

Wie geht es Ihnen? Jetzt, in diesem Moment?

Ich habe Ihnen für meinen heutigen Blog ein Märchen aus Afghanistan mitgebracht, das für mich besonders schön zeigt, was es wirklich bedeutet, im Hier und Jetzt zu leben:

In der Hauptstadt seines Landes lebt ein guter und gerechter König. Oft verkleidet er sich und geht unerkannt durch die Straßen, um zu erfahren, wie es um sein Volk steht.

Eines Abends geht er vor die Tore der Stadt. Er sieht aus einer Hütte einen Lichtschein fallen und erkennt durch das Fenster: Ein Mann sitzt allein an seinem zur Mahlzeit bereiteten Tisch und ist gerade dabei, den Lobpreis zu Gott über das Mahl zu singen. Als er geendet hat, klopft der König an die Tür: „Darf ein Gast eintreten?“ „Gerne,“ sagt der Mann, „komm, halte mit, mein Mahl reicht für uns beide!“ Während des Mahles sprechen die beiden über dieses und jenes. Der König – unerkannt – fragt: „Wovon lebst du? Was ist dein Gewerbe?“ „Ich bin Flickschuster“, antwortet der Mann. „Jeden Morgen gehe ich mit meinem Handwerkskasten durch die Stadt, und die Leute bringen mir ihre Schuhe zum Flicken auf die Straße.“

Der König: „Und was wird sein, wenn du morgen keine Arbeit bekommst?“ „Morgen?“, sagte der Flickschuster, „Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!“

Als der Flickschuster am anderen Tag in die Stadt geht, sieht er überall angeschlagen: „Befehl des Königs! In dieser Woche ist auf den Straßen meiner Stadt jede Flickschusterei verboten!“ „Sonderbar,“ denkt der Schuster, „was doch die Könige für seltsame Einfälle haben! Nun, dann werde ich heute Wasser tragen, Wasser brauchen die Leute jeden Tag.“

Am Abend hat er so viel verdient, dass es zu einer Mahlzeit für zwei reicht. Der König, wieder zu Gast, sagt: „Ich hatte schon Sorge um dich, als ich die Anschläge des Königs las. Wie hast du dennoch dein Geld verdienen können?“ Der Schuster erzählt es und wieder fragt der König: „Und was wird morgen sein, wenn du keine Arbeit findest?“ „Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!“

Als der Schuster am anderen Tag in die Stadt geht, um wieder Wasser zu tragen, kommen ihm Herolde entgegen, die rufen: „Befehl des Königs! Wassertragen dürfen nur solche, die eine Erlaubnis des Königs haben!“ „Sonderbar“, denkt der Schuster, „was doch Könige für seltsame Einfälle haben. Nun, dann werde ich Holz zerkleinern und in die Häuser bringen.“ Er holt seine Axt und am Abend hat er so viel verdient, dass das Mahl für beide wieder bereitet ist. Wieder fragt der König: „Und was wird Morgen sein, wenn du keine Arbeit findest?“ „Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!“

Am anderen Morgen kommt dem Flickschuster in der Stadt ein Trupp Soldaten entgegen. Der Hauptmann sagt: „Du musst heute im Palasthof des Königs Wache stehen. Hier hast du ein Schwert, lass deine Axt zu Hause!“

Nun muss der Flickschuster den ganzen Tag Wache stehen und verdient keinen Pfennig. Abends geht er zu seinem Krämer und sagt: „Heute habe ich nichts verdienen können. Aber ich habe heute Abend einen Gast. Ich gebe dir das Schwert – er zieht es aus der Scheide – als Pfand -, gib mir, was ich für das Mahl brauche. Als er nach Hause kommt, geht er zuerst in seine Werkstatt und fertigt ein Holzschwert an, das genau in die Scheide passt.

Der König wundert sich sehr, dass auch an diesem Abend wieder das Mahl bereitet ist. Der Schuster erzählt alles und zeigt dem König verschmitzt das Holzschwert. „Und was wird morgen sein, wenn der Hauptmann die Schwerter inspiziert?“ fragt der König. „Morgen? Gott sei gepriesen Tag um Tag!“

Als der Schuster am anderen Morgen den Palasthof betritt, kommt ihm der Hauptmann entgegen, an der Hand einen gefesselten Gefangenen: „Das ist ein Mörder. Du sollst diesen Mann hinrichten!“ „Das kann ich nicht!“ ruft der Mann voll Schrecken aus. „Ich kann keinen Menschen töten!“ „Doch, du musst! Es ist ein Befehl des Königs!“

Inzwischen hat sich der Palasthof mit vielen Neugierigen gefüllt, die die Hinrichtung eines Mörders sehen wollten. Der Schuster schaut in die Augen des Gefangenen. Ist das ein Mörder?

Dann wirft er sich auf die Knie und mit lauter Stimme, so dass alle ihn beten hören, ruft er: „Gott, du König des Himmels und der Erde: wenn dieser Mensch ein Mörder ist und ich ihn hinrichten soll, dann mache dass mein Schwert aus Stahl in der Sonne blitzt! Wenn aber dieser Mensch kein Mörder ist, dann mache, dass mein Schwert aus Holz ist!“

Alle Menschen schauten atemlos zu ihm hin. Er zieht das Schwert, hält es hoch – und siehe: es ist aus Holz. Gewaltiger Jubel bricht aus.

In diesem Augenblick kommt der König von der Freitreppe seines Palastes, geht geradewegs auf den Flickschuster zu, gibt sich zu erkennen, umarmt ihn und sagt: „Von heute an, sollst du mein Ratgeber sein!“

Haben Sie einen guten Abend! Und was morgen ist, wird sich morgen weisen. ;)

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Leopold Scharf

Leopold Scharf bewertete diesen Eintrag 21.12.2015 07:41:01

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