Als der Sommer verschwand, Teil 10

Februar 2015

M. geht noch immer nicht zur Schule. Nur wenn es unvermeidlich ist, verlässt sie das Haus. Wenn wir einen Termin auf der Jugendpsychiatrie haben zum Beispiel, oder wenn sie Therapie hat. Aber auch da muss ich früher aus dem Büro gehen, sie abholen, hinbringen und mit ihr nach Hause fahren. Oft brauchen wir doppelt so lange, wie normal, weil M. vier- bis fünfmal unterwegs aus der U-Bahn aussteigen muss. Sie erträgt es nicht, unter Menschen zu sein.

Die Psychiaterin will unbedingt, dass ich gegensteuere. M. soll gezwungen werden, aus dem Haus zu gehen, sie soll zur Schule gehen. Ich verstehe das, habe selber Angst, dass M. komplett aussteigt, aber irgendetwas in mir sagt mir, dass ich sie in Ruhe lassen muss. M. findet ihren eigenen Weg. Sie schreibt viel, schreibt sich alles von der Seele, sie spricht viel mit ihrer Schwester und mir und manchmal sagt sie, ihr ist langweilig. Ich deute das als gutes Zeichen, sie soll die Möglichkeit haben, ihr eigenes Tempo zu gehen. Noch nie war mir die Schule so unwichtig wie gerade jetzt. Dann verliert sie eben ein Jahr, wen kümmert es? Ich will einfach nur, dass es ihr besser geht, alles andere wird sich dann schon fügen. Ich will, dass sie, wenn sie eines Tages zurückblickt, sagt, dass es zwar eine richtig beschissene Zeit war, aber dass die Familie sie durchgetragen hat.

März 2015

Zwischendurch ist es immer wieder auch sehr schwierig mit M.s Tiefpunkten. Und schwierig für mich. Ich verstehe den tiefen Schmerz und die Trauer, aber ich habe Angst, dass sie aus diesem Tief nicht mehr hochkommt. Ich bemerke, dass ich sehr befangen bin. Dort, wo ich früher ein Machtwort gesprochen hätte, bin ich nun gehemmt und unsicher.

Ich spreche viel mit meiner Therapeutin darüber. Wie schwer es mir gerade fällt, meinen Erziehungsauftrag wahrzunehmen. Dass ich meine Töchter aufgrund der Situation fast nur noch mit Samthandschuhen angreife. Ich will, dass sich etwas ändert. Meine Therapeutin geht alles mit mir durch. M. muss weg vom Opferstatus. Der hilft ihr nicht, mir nicht, ihrer Schwester nicht. Der Opferstatus macht uns handlungsunfähig. Zu einem Opfer ist man nicht streng, ein Opfer ist arm und schwach.

Ich schaffe es tatsächlich nach ein paar Gesprächen und viel Nachdenkarbeit, mich von dem Opferbild meiner Tochter zu lösen. Ich spreche intensiv mit M., auch sie ist in der Zwischenzeit bereit, diesen Status aufzugeben. Sie will ihn gar nicht mehr, möchte behandelt werden, wie jeder andere. Sie will „normal“ sein.

Das Gespräch zeigt mir, dass eine neue Phase angebrochen ist und sie kann nur besser werden, als die, die wir schon hinter uns haben.

13.05.2015

Langsam wird es ruhiger. Seit ca. einem Monat macht M wieder Pläne. Sie will ab Herbst in die Maturaschule gehen. Zurück an die alte Schule will sie nicht mehr, zu viele Mitschülerinnen und LehrerInnen haben mitbekommen, was passiert ist. Sie will sich dem nicht aussetzen. Mir ist alles recht, ich bin unendlich dankbar, dass sie jetzt, nach fast einem Jahr daheim, endlich weitermachen will. Sie hat konkrete Zukunftspläne, will Medizin studieren. Ich hatte große Angst, dass sie nach dieser langen Zeit daheim den Anschluss nicht mehr schafft, aber sie belehrt mich eines Besseren. Offenbar hat sie diese Erholungsphase gebraucht und langsam dämmert mir auch, dass es richtig war, allen Unkenrufen zum Trotz, sie in Ruhe zu lassen.

Meine Jüngere knabbert auch immer noch an den Ereignissen des letzten Jahres, ihre erste Liebe ist daran zerbrochen und sie war unglaublich stark und verantwortungsbewusst. So sehr, dass ich manchmal eingreifen und ihr sagen musste, dass sie bitte nicht vergessen soll, ihr eigenes Leben auch zu leben. Sie ist kaum mehr ausgegangen, war die meiste Zeit bei M. Andererseits war es für mich genau dadurch möglich, sie im Auge zu behalten und sicherzugehen, dass sich das, was sie mir gebeichtet hatte letzten Sommer, nicht wiederholt. Und ich denke tatsächlich, dass diese Phase vorbei ist. Sie ist in dieser Zeit sehr erwachsen geworden.

Manchmal fragt mich M., wie denn eigentlich der Sommer 2014 war. Ob es heiß war oder ob es viel geregnet hat. Ich weiß es nicht, kann mich – so wie sie – an nichts davon erinnern. Es ist, als ob dieser Sommer Ende Juni einfach verschwunden wäre. Er ist vollkommen ausgelöscht aus unserem Gedächtnis. Überhaupt weiß ich vieles nicht mehr. Ich bin froh, dass ich so viel aufgeschrieben habe, ich würde heute die Ereignisse gar nicht mehr zusammenbekommen. Wann was war und was alles geschehen ist, wer wie reagiert hat – hätte ich mein Tagebuch nicht, es wäre außer einem schlechten Geschmack auf der Zunge und einem Riss im Herzen nichts übriggeblieben.

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