Dass die Bourgeoisie, einmal zur Herrschaft gelangt, alle idyllischen Verhältnisse zerstört und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig lässt als das nackte Interesse, das wussten schon die Klassiker, hielten aber diese zerstörerischen Kräfte für durchaus produktiv, fegten sie doch den alten Feudalismus ebenso hinfort wie alle anderen religiös oder politisch verklärten Formen der Ausbeutung.

Das Problem ist aber, dass der Fullspeed-Kapitalismus mittlerweile auch das zerstört, was das Leben unter seiner Fuchtel einigermaßen erträglich macht, seien es die erfreulicheren Produkte der Kulturindustrie oder eben den Profifußball, der einerseits beweist, dass die Herrschaft der Reichen und Mächtigen durch Witz und Können gebrochen werden kann, andererseits aber auch vor Augen führt, wie sich die Reichen und Mächtigen ihren Einfluss zu sichern wissen. Ein Beispiel dafür ist die "Champions League" genannte Gelddruckmaschine, die mit dem ursprünglichen Wettbewerb der europäischen Landesmeister nur noch wenig zu tun hat. Drohte bereits eine Reform der "Champions League", welche die Zahl der Spiele künstlich erhöhte und reichen Vereinen, die es vielleicht doch nicht schafften, sich sportlich zu qualifizieren, die Teilnahme per "Wild card" in Aussicht stellte, so erreichte heute die staunende Fußballwelt die Nachricht, dass sich 12 Vereine aus England, Spanien und Italien darauf verständigt haben, eine europäische "Super League" zu installieren, in welcher mit gewaltigem finanziellem Ertrag diese 12 Vereine zusammen mit einigen anderen, die noch, und da sind dann auch deutsche Vertreter im Gespräch, benannt werden sollen, in den immer gleichen Konstellationen gegeneinander spielen. Wozu? Na, weil sie es so beschlossen haben.

Dieser Vorstoß sorgte bei allen, die nicht gefragt wurden, für Empörung: "Ein Klub der Superreichen" sei das, sagte der Manager von Borussia Mönchengladbach (welcher es unter der Woche übrigens völlig in Ordnung fand, zu verkünden, man nehme im Sommer den Trainer des nächsten Gegners unter Vertrag), man setze sich damit über "gewachsene Strukturen im Fußball hinweg". A propos gewachsene Strukturen: Oliver Mintzlaff von RB Leipzig, einem Verein, den es nicht gäbe, hätte nicht ein österreichischer Brausebonze, dessen Fernsehsender Identitäre und Coronaleugner hofiert, ihn sich ausgedacht, ließ verlauten: "Wir sind Verfechter des sportlichen Wettbewerbs", und niemand verlachte ihn als Heuchler.

Und auch die Springer-Zeitung "Die Welt" stellte überrascht fest, "dass es in diesem Geschäft schon längst nicht mehr um Werte, Anstand oder Moral geht", und meinte damit die Spekulation mit Immobilien, welche das Recht auf ein Dach über dem Kopf zu einer kostspieligen Sache macht und bei Bedarf den Wunsch nach bezahlbaren Wohnungen als "Angriff gegen Vermieter und den Versuch (...) Wähler auf Kosten anderer Leute zu bereichern" (R. Meyer alias "Don Alphonso" ) denunziert, eben nicht.

Sondern halt den Fußball.

Der aber darf, wenn es nach mir geht, ruhig noch ein wenig in der beschriebenen Manier weitermachen und nach der Super- noch eine SuperDuper- und eine SuperTripel-League installieren, damit auch dem dümmsten Fan, wenn das System irgendwann implodiert, die Augen aufgehen und er erkennt, wer seinen liebsten Zeitvertreib ruiniert hat (siehe oben).

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berridraun

berridraun bewertete diesen Eintrag 20.04.2021 10:20:56

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