Wahlhelfer Tellkamp oder: Die Geistlosigkeit steht rechts

Zur Thüringenwahl hat eine „Vereinigung der Freien Medien“ eine Broschüre mit dem Titel „Der Wahlhelfer – Argumente für mündige Bürger“ herausgegeben und macht in dieser recht unverhohlen Werbung für die AfD bzw. für eine Koalition dieser Partei mit der CDU. Zu diesem Zweck solle sich jene von Björn Höcke und seinem „Flügel“ trennen, denn beide seien, und das fällt sogar einer Vera Lengsfeld auf, „ein wirkliches Problem“ – zumindest so lange, bis eine ins Trudeln geratene CDU auch diese Kröte schluckt.

Ebenfalls enthalten ist ein kurzer Text des dresdner Autors Uwe Tellkamp, der seit einiger Zeit seine Sympathien für Pegida & Co. entdeckt hat und zu den Erstunterzeichnern der rechten „Gemeinsamen Erklärung 2018“ gehört. In diesem Text erweist er sich als Allgemeinplatzanweiser: „Wir verständigen uns mit Hilfe der Kultur. Sitten und Bräuche gehören dazu.“ Eigentlich verständigt man sich eher mit Hilfe der Sprache, aber es darf im Denken der Rechten keine einfachen Begriffe geben, nie tun sie‘s unter der „Kultur“, und weil zu dieser „Kultur“ auch „Sitten und Bräuche gehören“, müssen diejenigen, die diese nicht kennen, von vornherein ausgeschlossen sein – einmal ganz davon abgesehen, dass sich hinter „Sitten und Bräuchen“ oft nichts anderes verbirgt als das Weiterbestehen von Herrschaftsverhältnissen.

Aber zurück zu Tellkamp: „Kultur ist Stifterin von Identität. Wer wir sind oder nicht, erfahren wir über Kultur, vor allem über Geschichten, die in geronnener Form vom Leben sprechen. Geschichten aber werden Geschichte.“ Der Begriff der „Identität“ wird hier stillschweigend kollektiviert und als etwas beschrieben, das nicht der persönlichen, sondern der völkischen Selbstvergewisserung – denn wer sonst sollte hinter diesem obskuren „wir“ stecken? – dient. Folgerichtig werden dann auch in einem atemberaubend dämlichen Kalauer „Geschichten“ zur „Geschichte“ verklärt und eine Wissenschaft gleichgesetzt mit dem Gebrabbel des Opas am Kaffeetisch, er habe von der Shoa nie etwas mitbekommen.

Aber weil ein Kalauer nicht reicht, blödelt Tellkamp weiter: „Geschichte wird zur Herkunft. Herkunft aber bildet den Boden für Gegenwart und Zukunft.“ Wenn einer nüchternen Wissenschaft der Auftrag erteilt wird, „ den Boden für Gegenwart und Zukunft“ zu bilden, kommt künftig, in einer höckeschen 180°-Wende, Opas Erzählungen ein höherer Wert zu als den Bemühungen der Holocaustforschung. Und damit, seien wir doch mal ehrlich, lässt es sich einfach besser leben als mit dem ewigen Schuldkultgelaber.

Doch lässt es Tellkamp leider nicht beim Blödeln bewenden, sondern schließt mit einer Drohung: „Wird Kultur nicht mehr für wichtig erachtet oder (...) gewaltsam verändert, mit Hilfe einer Ideologie beispielsweise, wird sich die Gesellschaft radikalisieren.“ „Kultur“ – also laut Tellkamp das, womit „wir“ uns verständigen – ist demnach etwas Starres, nachgerade Sakrosanktes, dem jede Kritik oder jeder Versuch, es zu verändern, nur schaden kann. Wer nun denkt, dass eine Kultur, die solche Kritik nicht vertragen kann, reichlich schwach auf der Brust sein muss, erfährt von Tellkamp, dass sich „die Gesellschaft“ wegen eben dieser Kritik zu „radikalisieren“ drohe. Hört sich reichlich kryptisch an, oder? Könnte aber auf die dresdner Latschbürger bezogen sein, die jeden Montag ihre Runden drehen, weil sie meinen, das, was sie für ihre „Kultur“ halten, werde durch Fremde verändert. Oder eben, wie Tellkamp andeutet, durch eine „Ideologie“ – Welche könnte das sein? Gender Mainstreaming? Multikulti oder sonst etwas linksgrünrothomo Versifftes? Egal, weiß man nicht, ist aber auch egal. Deutsche Dichter neigen immer zum Raunen, wenn es mit dem klaren Denken nicht klappt.

Es muss diese Kultur in der Tat etwas höchst Fragiles sein, denn, so Tellkamp, „ein Volk, das solche Ideologen gewähren lässt, wird sich nicht erhalten“. Ui ui, Deutschland schafft sich ab, und zwar gründlich. Aber anders als Tellkamp halte ich den prognostizierten Volkstod für das kleinere Übel gegenüber der Drohung, „Ideologen“ nicht gewähren zu lassen, die der bescheidenen Meinung sind, es gebe Wichtigeres im Leben als das Festhalten an einer Kultur, die keine andere Leistungen vorzuweisen hat, als ein verlogenes „Wir“ zu konstruieren.

„Alle Kultur nach Auschwitz (...) ist Müll“ (Adorno). Tellkamp will von Auschwitz nichts wissen und trägt den Müll wieder hoch. Dass er stinkt, ist dem völkischen Dichter egal.

Wählen Sie also besser nicht die AfD.

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G. Szekatsch

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rahab

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berridraun

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