Der ORF-Kulturmontag (18. April) hat darüber berichtet, dass ab Herbst 2020 flächendeckend an Oberstufen Ethik-Unterricht kommen soll. Als Ersatz für jene, die keinen Religionsunterricht besuchen. Gemäß Bildungsauftrag interviewt das ORF-Team die oberste Kapazität des Landes für die Themen Schule und Philosophie, Prof. Konrad Paul Liessmann. Die überraschende Frage lautet: Was sind Werte? Ich muss gestehen, seit ich mich mit Moral beschäftige, hab ich mir schon viele Fragen gestellt, aber diese noch nie!

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O-Ton Liessmann: „Unter Werten verstehen wir eigentlich die subjektiven Präferenzen an denen wir uns orientieren, also Werte heißt eigentlich nichts anderes als: was ist mir etwas wert? Wofür bin ich bereit etwas zu bezahlen, mich einzusetzen, mich zu engagieren?

Jeder auch nur oberflächliche Beobachter unserer Zeit wird bemerkt haben, dass der Zeitgeist an Orientierungslosigkeit leidet. Anders als bis vor 30 Jahren, als das Gleichgewicht des Schreckens die Welt beherrschte, aber jeder noch wusste wo links und rechts ist, regiert heute das Ungleichgewicht des Schreckens, das unter anderem darin besteht, dass jeder gegen alles und niemand für nichts ist – und zwar aus prinzipieller Opposition zur Position, die der Andere (das Gegenüber, a priori also ein Gegner) gerade einnimmt. Das nennt man auch Meinungsfreiheit, ich würde eher sagen: es ist die Diktatur der subjektiven Meinung. Jeder MUSS seine Meinung äußern, und im Wettbewerb um die beste eigene Meinung kann man nur bestehen, wenn sie sich von der Meinung des Gegenübers unterscheidet, nicht nur punktuell, sondern prinzipiell.

Zur Neuorientierung kann Prof. Liessmann auch nicht viel beitragen mit seinen Antworten auf die Fragen: Was ist Moral? Und: Was ist Ethik?

Ad Moral: „Moralische Richtlinien, moralische Systeme sind anders organisiert. Da geht’s um Gebote und Verbote und was in der Gesellschaft wirklich als verbindlich erachtet wird, als böse oder verwerflich erachtet wird.

Ad Ethik: „Unter Ethik verstehe ich tatsächlich eine wissenschaftliche Disziplin, die sich bemüht herauszufinden, nach welchen Richtlinien, Grundlagen, Überlegungen, aufgrund welcher Argument Menschen ihre Moralsysteme oder moralischen Einstellungen, ihre Werteorientierungen finden, formulieren, und leben.

In hunderten Büchern über Moral und Ethik geht es immer auch um die Abgrenzung der beiden Begriffe. Die einen meinen, es seien zwei Begriffe, die das selbe bedeuten, die anderen sagen so wie Liessmann, es handle sich um grundsätzlich unterschiedliche Disziplinien, die Ethik sei sogar eine wissenschaftliche Disziplin. Ohne hier eine wissenschaftliche (?) Diskussion darüber zu beginnen, was Wissenschaft ist, möchte ich Liessmann widersprechen: Nein, Ethik ist keine wissenschaftliche Disziplin, sondern jede Suche nach einer Antwort auf die Frage „Warum soll man etwas tun (oder unterlassen)?

Diese Frage steht „über“ der Frage, die jede Moral beantwortet (sogar dann, wenn sie niemand gestellt hat), nämlich: „Was soll ich tun (oder unterlassen)?“ Jeder, der sich am Arbeitsplatz mehr oder weniger anders verhält als im Segelklub und/oder im Kreis der Familie, jeder, der schon einmal ernsthaft versucht hat im Kreis von Muslimen und Christen oder von Katholiken und Zeugen Jehovas über das richtige Verhalten oder das gute Leben zu diskutieren, wird wohl bestätigen können: es gibt nicht nur eine, sondern viele Moralen.

Jede (wertneutrale) Wissenschaft muss nun jede dieser Moralen als gleich-wertig betrachten. Damit manövriert sich auch die Philosophie, wenn sie als Wissenschaft auftreten will (insbesondere in der „Disziplin“ Ethik) in eine Pattsituation. Denn als Wissenschaft darf Ethik nur analysieren, beobachten und erklären, aber nicht beurteilen, welche Moral besser und welche schlechter ist. Kein Wissenschafter darf sich der „Gefahr“ aussetzen durch sein Urteil zur verurteilen. Damit würde er ein Tabu (!) überschreiten. Damit steuert die Ethik als Wissenschaft systemisch in die Sackgasse.

Die Vereinfachung der Ethik auf die Frage „Warum soll ich etwas tun?“ ist kein Reduktionismus, keine Einschränkung der Forschungsfreiheit der Ethik als Wissenschaft. Die Frage in der Form ist ganz im Gegenteil universell, aber keine Überhöhung der Moral im Sinne von Überheblichkeit, sondern einfach eine andere Fragestellung als „Was soll ich tun?“ Die Frage nach dem Warum ist grenzüberschreitend. Sie überschreitet die Grenzen der Moral, die sich auf das „Was soll ich tun?“ beschränkt.

Die Grenzziehungen, genauer gesagt Eingrenzung und Ausgrenzung, sind essenzielle Aspekte jeder Moral; und damit einhergehend die Tabuisierung der Grenzüberschreitung. Der antiquierte Begriff „Anstand“ als Synonym für Moral verdeutlicht das sehr gut, weil er den jeweiligen Stand als Grenzlinie unterschiedlicher Moralen exakt verortet.

Alles außerhalb der jeweiligen Moral ist Tabu. Säkular formuliert: die Gebote und Verbote einer Moral dürfen nicht in Frage gestellt werden mit der Frage: Warum gelten sie? Warum sollen sie weiter gelten? Warum sollen sie auch für mich gelten? So einfach funktioniert jede Moral, egal ob mit einem religiösen oder säkulären Überbau. Bewahrung des Bewährten gehört zum Grundkonzept jeder Moral, jede Moral ist somit konservativ. Ein Mensch kann ein Leben lang moralisch handeln, ohne jemals in Frage zu stellen warum er etwas tut, warum er so lebt wie er lebt. Wenn er sich in einer Gesellschaft einfügen kann, die verlangt, das zu tun, was alle schon immer getan haben, so ist er vermutlich ein glücklicher Mensch. Wenn er das tut, was sich bewährt hat, so ist er objektiv auf der Seite des Bewährten und subjektiv auf der Seite der Wahrheit. Moralisch wahr sind die Werte, die sich bewährt haben.

Damit sind wir wieder bei der Frage: „Was sind Werte?“, die der Philosophieprofessor Liessmann tautologisch beantwortet: „Werte heißt eigentlich nichts anderes als: was ist mir etwas wert?“ Ich würde eindeutig formulieren: Werte sind Orientierungspunkte.

Im Unterschied zu Aristoteles, der die demokratische Lebensform seiner Zeit (und seiner Welt, die in Wahrheit ein Dorf war) mit einem Dutzend Werten (er nannte sie Tugenden) charakterisieren konnte, muss das 21. Jahrhundert (das globale Dorf) mit hunderten von Werten (siehe: Alphabet von Moral und Ethik) fertig werden. Das macht die meisten Menschen fertig, und ist ein Grund für die Orientierungslosigkeit unserer Zeit. Aber nicht der einzige Grund!

Werte sind Orientierungspunkte. Sie sind keine unabänderlichen, fest definierten Maßeinheiten wie Kilogramm, Zentimeter oder km/h, sondern Punkte, deren Dimension sich schrittweise ändert, je näher man diesen Werten gelangt. Es ist logisch, dass sich mit jeder Annäherung an einen Wert die Sicht auf diesen Wert ändert, und damit der Wert selbst. Erst in der Nähe erweist sich der Punkt als Aussichtsturm, Leuchtturm, Kirchturm oder Grabhügel. Und wenn wir bei einem Wert angelangt sind, wer oder was schreibt uns vor, dass wir dort stehen bleiben müssen? Das ist die allgemeine Definition des Begriffes „Wert“. Das ist die Antwort, auf die Frage: Was sind Werte?

Angesichts der Vielzahl werthaltiger Begriffe des 21. Jahrhunderts halte ich eine weitere Differenzierung für notwendig und schlage vier Kategorien vor: Grundwerte, Zielwerte, Gebrauchswerte und Messwerte.

- Werte, die wir als Fundament unserer Gesellschaft betrachten, sind Grundwerte (z.B. Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit).

- Werte, die wir immer erreichen wollen, aber nie vollständig erreichen können, sind Zielwerte (z.B. Gesundheit, Wellness, Fitness).

- Werte, die uns den täglichen Umgang miteinander erleichtern sind Gebrauchswerte (z.B. Respekt, Toleranz, Offenheit).

- Werte, mit denen ich andere Menschen und deren Verhalten beurteile sind Messwerte (z.B. gut/schlecht, gerecht/ungerecht, empathisch/egoistisch).

Das ist die Antwort, auf die Frage: Wie unterscheidet man angesichts der zahllosen Werte im globalen Dorf des 21. Jahrhunderts verschiedene Werte und ihre Wertigkeit (ihr Gewicht)?

Ich bin der Überzeugung, dass man keine „Wissenschaft der Ethik“ studieren muss, um das zu verstehen. Und ich bin der Meinung, dass es an der Zeit ist UNSERE europäischen Grundwerte neu zu definieren. Diese Diskussion sollte nicht den Parteien überlassen, sondern vom Volk geführt werden! Der Ethik-Unterricht ist ein guter Beitrag dazu. Und fischundfleisch eine geeignete Plattform, jetzt schon damit zu beginnen, damit wir nicht warten müssen, bis uns die nächste Generation auf die Sprünge hilft.

Ergänzung 25.4.2019: Es gibt viele Moralen aber nur eine Ethik! (Gastkommentar in der Wiener Zeitung)

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