Nach psychischen Belastungen können oft postraumatische Störungen auftreten. Diese können zu einer massiven Störung der Lebensqualität, über versiegen jeglicher Lebensfreude bis hin zum Selbstmord führen -Link-.

Derartige Belastungen können durch „alltägliche“ Situationen auftreten, wie der Tod des Kindes, Unfälle (mit Todesfolge), aber auch durch das indirekte Miterleben und durch die Hilfe (Feuerwehren, Katastrophenschutz wie das THW, Sanitäter, Polizei, aber auch Privatpersonen). Weitere Ursachen können körperliche Gewalt, sexuelle Gewalt, Geiselnahme, Terroranschläge und Krieg sein.

Früher gab es keine Hilfe. Aber man musste auch schwer arbeiten, 60 Stunden in der Woche und abends mussten die Tiere versorgt, die Äcker bestellt und das Haus gerichtet werden. Man hatte keine Zeit um lange darüber zu grübeln. Das ist heute anders. Wir haben viel Zeit. Rentner welche den Krieg miterlebt haben lassen manchmal Sätze raus wie „da flog das Bein vom Erwin vorbei“.

Heute gibt es zum Glück die Notfallseelsorge (dazu weiter unten mehr). Nach dem Flugunglück von Ramstein 1988 (70 Tode, ca. 1.000 Verletzte) -Link- erkannte man die Notwendigkeit der Notfallseelsorge. Man gründete erste Organisationen und gründete ein Meldewesen. Aber erst nach dem Zugunglück von Eschede 1998 (101 Tode, 196 Verletzte)-Link- organisierte man flächendeckend die Notfallseelsorge.

Eschede war ein besonders tragischer Ort, auch für viele Helfer und Anwohner. Auch heute noch, 20 Jahre danach, sind immer noch 25 Menschen in Behandlung. Das Problem war, dass die Helfer nicht an die verunglückten Menschen herankommen konnten. Es gab keine Werkzeuge, mit denen man die Aluhaut der Waggons öffnen kann. Das weiche Alu setzt sofort Flexscheiben zu und wirkt wie ein Schmiermittel. Auch die Scheiben waren extrem wiederstandfähig. Das führte dazu, dass die Helfer lange Zeit tatenlos dastehen mussten und die Schreie der Schwerverletzten hören mussten, ohne etwas tun zu können. Bei den Anwohnern war es ähnlich, aber sie begriffen natürlich die Probleme nicht und meinten die Helfer hätten nicht geholfen. Das konnte man später natürlich schnell entkräften, aber die psychischen Probleme waren dann schon da.

Überall findet man Bedarf an psychologischer Hilfe. In einer Nachbarstadt sind seit 2 Jahren 2 Feuerwehrleute in Behandlung. Bei einem Einsatz wurde ein RW gerammt und schleuderte die Beiden über die Böschung in den Wald. Einem bohrte sich ein Ast durch den Oberschenkel. Seit 3 Jahren sind in einer Stadt in BW. rund ein Dutzend Feuerwehrleute in Behandlung, weil dort 2 ihrer Kameraden bei einem Einsatz erstickten. Aber auch bei einem Kindstot, oder bei einem Mord begleiten die Fachleute die Überbringer der Nachricht oder suchen die Hinterbliebenen später auf. Auch schwere oder tödliche Arbeitsunfälle, die Zugführer die ja öfter mal einen überfahren und natürlich auch Opfer von schweren Straftaten werden von den Psychologen besucht. Die Bundeswehr und auch einige Airlines haben dafür eine eigene Organisation.

Die Hilfe sollte so schnell wie möglich erfolgen. Je länger der auslösende Zeitpunkt her ist, desto schwieriger wird es, das aufzuarbeiten. Wer lange nachträglich Hilfe benötigt, der sollte nicht zu Psychologen und Psychiater gehen, sondern zu einem Traumatherapeuten. Eine wichtige Dachorganisation ist dieDeutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie -Link-. Nur die Traumatherapeuten sind dafür geschult. Die anderen können nur ein bisschen herumdoktoren, ohne aber wirklich zu wissen, was sie da eigentlich tun.

Ich habe bislang das bekanntere Wort „Notfallseelsorge“ verwendet, aber das ist im Rettungswesen eher verpönt. Das Wort Notfallseelsorge wird gelegentlich für die Nachsorge verwendet, aber vor allem ist es für die kirchlichen Organisationen, deren Helfer sich Notfallseelsorger nennen. Diese sind jedoch im Rettungswesen verpönt, weil sie den Ruf haben, keine weiterführende Lehrgänge zu besuchen. Im Rettungswesen werden Kriseninterventionsteams (KIT) gebildet, deren Mitglieder Kriseninterventionshelfer (KIH) genannt werden. Je nach Organisation kommen auch die Bezeichnungen Krisenintervention im Einsatzdienst (KED) oder Notfallbetreuung (NFB) zum Einsatz.

Helfer werden nach SbE behandelt, alle anderen nach CISM. Der Unterschied besteht darin, dass die Helfer für die Dauer des Einsatzes voll handlungsfähig sind und meist auch bleiben, während andere im Extremfall zusammenbrechen können. Die Behandlung ist aber sehr ähnlich, weswegen meist nur von CISM geredet wird. CISM ist die Abkürzung von Critical Incident Stress Management, das von Jeffrey T. Mitchell in der USA entwickelt wurde. Es soll normalen, geistig gesunden Menschen helfen, mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) fertig zu werden -Link-. Die Arbeit der Kriseninterventionshelfer (KIH) setzt sich im Wesentlichen aus 4 Schritten zusammen:

- Informationen sammeln

- Vertrauliche Atmosphäre schaffen, Emotionen zulassen, über das Geschehene reden.

- Hilfe bieten. Sowohl theoretische (Struktur geben, Sicherheit geben (weiterführende Hilfe anbieten, Bestätigung geben)), als auch praktische Hilfe (Abschiednahme, Bestattung).

- Auffangmöglichkeiten aktivieren. Über Familie, Freundeskreise oder soziale Netzwerke, aber auch Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen können die eventuell noch folgenden Probleme aufgefangen werden.

Die KITs versuchen dabei möglichst schnell vor Ort zu sein und versuchen normalisierend zu wirken. Das tun sie, indem sie eine Aussprache von persönlich Erlebtem erlauben, die Gefühle und Reaktionen besprechen, anerkennen und bestätigen. Auch ganze Gruppen werden, wenn alle Beteiligt waren, zusammen „bearbeitet“. Anschließend werden Stressbewältigungstechniken erklärt. Längere Behandlungen erfordern natürlich ein ausgefeilteres Konzept wie das siebenstufige Debriefing. Diese KIHs sind äußerst gut geschult und können einen fast unbemerkt zum reden bringen.

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