UPDATE: Peter Pilz ist zurückgetreten. Weitere mutmaßliche sexuelle Belästigung aufgedeckt - siehe Falter.

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Die ersten Reaktionen reichen mir völlig.

Gestern in den Medien: Eine ehemalige Mitarbeiterin von Peter Pilz wendet sich 2015 an die Vertrauensstelle der Grünen, weil sie von ihm angeblich sexuell belästigt wird. Unsittliche Berührungen, anzügliche Bemerkungen. 40 Fälle hat sie laut Medien dokumentiert. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft hält den Vorwurf für plausibel. Aber dann entscheidet sie sich dafür, das Ganze nicht an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie möchte nur versetzt werden. Es wird auf ihren Wunsch hin Stillschweigen vereinbart. Wieso ein Opfer sowas möchte, wird noch Thema sein.

Gestern also in den Medien. Zuvor hatte die Journalistin, die das veröffentlicht, versucht, Peter Pilz zu erreichen.

Das hindert jene, die sich jederzeit an die Seite eines angeblich verfolgten Mannes stellen, natürlich nicht, zu behaupten, Pilz habe man bis jetzt nicht die Möglichkeit zur Stellungnahe eingeräumt.

Man redet also nicht mit der Journalistin. Kurz später aber mit Journalisten, nämlich stundenlang. So fängt es an.

Nichts für ungut, liebe Leute, aber als alte Feministin ahne ich bereits jetzt, woher der Wind weht und wie sich das weiterentwickelt.

Die männlichen Vertreter des Journalismus haben sogleich ein offenes Ohr: Klenk meint, man müsse beide Seiten hören. Gut gebrüllt, Löwe, das hätte Frau Thalhammer auch gerne gemacht, aber bei ihr war Pilz ja handylos im Ausland. Zufall! Und der Schmitt von der Krone? Der hilft bei der Verbreitung der Pilzschen Version der Story:

http://www.krone.at/596690

Jetzt wird angepatzt. Das Opfer also eine karrieregeile Sau. Dass sie, was jedem und jeder freisteht, eine Kündigung andenkt und einen besseren Job sucht, wenn sie nicht befördert wird, soll ein Indiz sein. Für ihre Niederträchtigkeit.

Und natürlich die Wien-Wahl 2020. Als würde man mit dem Offenlegen dann nicht bis 2020 warten. 2020 ist sowas, noch dazu, da das entsprechende Verhalten in Österreich sowieso fast jeder für ein Kavaliersdelikt hält, längst vergessen, wenn man es 2017 rausbringt. Das spricht gegen eine Verschwörung.

Aber macht ja nichts. Das Publikum ist nicht besonders anspruchsvoll. Die Foren voll mit Anpatzerei gegenüber der Frau und Opfern sexueller Belästigung generell. Viel zu empfindlich sind sie, die Frauen, man wird sich doch vom Vorgesetzten noch ein bissl Anmachen lassen - so der Tenor in den Foren.

Womit zu einem Gutteil schon beantwortet wäre, wieso viele Opfer sexueller Belästigung auf Stillschweigen pochen. Weil das Muster nur zu gut bekannt ist: Es ist immer die Frau schuld, das weiß man, immer schon. Entweder sie hat mit viel zu freizügiger Kleidung provoziert - da steht man plötzlich ideologisch ganz auf der Seite von Islamisten; in dieser Zeit bin ich groß geworden. Zieh dir keinen zu kurzen Rock an, sonst bist selber schuld! Selber schuld am Begraptschwerden, an der sexuellen Nötigung, an der Vergewaltigung. Und ja, das war vor 20, 30 Jahren noch Alltag: Freundinnen, die in abgelegenen Dörfern wohnten, manchmal per Anhalter unterwegs waren, und dann schwiegen, weil man sonst angepatzt wird, wenn man sagt, was der angesehene Mann im Dorf machte, nachdem er plötzlich mit dem Auto auf den Waldweg abbog.

Oder selber schuld, weil so empfindlich. Es ist doch, will man einer weiß machen, ganz normal, dass einer mal anzüglich redet und dann mit der Hand "ausrutscht". Wer wird sich da schon aufregen?

Und natürlich ist der Mann das Opfer einer Intrige. Böse Frauen.

Böse karrieregeile Frauen zB. Die Story wird schon wieder erzählt. Die Pressekonferenz wird einschlägig sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Leben der Frau in ein paar Tagen vollkommen zerstört ist, Pilz aber neue Anhänger hat: sehr hoch.

Die Grünen kommen für den Leak übrigens eher nicht in Frage: Sie haben aus Gründen des Opferschutzes sogar dann noch geschwiegen, als es kurz vor dem 15.10. knapp wurde. Daher muss ja auch die Wien-Wahl 2020 genannt werden, so unwahrscheinlich das auch ist.

Für mich ist Pilz gestorben. So traurig das für mich ist, denn ich habe ihn gewählt. Aber wer so reagiert, bedient die altbekannte Story. Und das geht für mich gar nicht. Auch dass man sich an männliche Journalisten wendet, während man sich bei der Anfrage einer Journalistin verleugnen lässt, lässt erahnen, wie da gespielt wird. Man wird vermutlich auf Männersoli spekulieren. Ich hoffe, dass sich Männer finden, die sich diesem klassischen Paktangebot verweigern. Es sind ja zum Glück, immer schon und insbesondere heutzutage, nimmer alle Männer mit von der Partie, wenn es um einschlägiges Storytelling geht. Es gibt ja, zum Glück, Männer, die sich auch mal überlegen, wie sie das fänden, wenn das ihre Tochter wäre oder die eigene Frau.

Ich hoffe, dass Pilz noch die Frage gestellt wird, wieso er beim Stillschweigepakt mitmachte. Denn unter so einer Vereinbarung leidet in so einem Fall er intern - schlechter Ruf innerhalb der Grünen. Einer allfälligen Opfergeschichte - er wäre sonst zum Opfer gemacht worden - sollte man kritisch gegenüberstehen. Denn bereits jetzt zeigt sich in den vielen Kommentaren wieder einmal: Es wird eh die Frau zum Opfer gemacht.

PS: Immer wieder in den Foren die Frage, wieso man 40 Fälle dokumentiert, statt gleich beim ersten Vorfall Beschwerde einzulegen. Auch das spräche gegen die Frau. Antwort: Weil genau das jeder Experte anrät. Weil man Opfern fast nie Glauben schenkt, z.B. auch bei Mobbing, rät man ihnen, vorher alles so gut als möglich zu dokumentieren, möglichst viele Fälle. Damit man was in der Hand hat, wenn man einem wieder mal nicht Glauben will.

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G. Szekatsch

G. Szekatsch bewertete diesen Eintrag 04.11.2017 11:03:11

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