... liegt irgendwo dazwischen, tief vergraben und verborgen, mit freiem Auge nicht sichtbar, eine subjektive Wahrheit des einzelnen Individuums. Objektivität kann der Wahrheit nicht abverlangt werden, sie ist ein Konstrukt, Opfer von Ära und Zeit, Gesellschaft und Politik, Machthabern und Ideologen.

Dem Schein nach leben wir in Sicherheit, aber es gibt keine äußere Sicherheit, auch diese ist reine Illusion. Gewalt ist alltäglich und hat viele Gesichter. Gewalt an Frauen in unterschiedlicher Art und Weise ist an der Tagesordnung - und ich spreche jetzt weder von fernen Ländern, noch von Migranten, sondern vom Alltag zwischen Sein und Schein.

Wie komme ich jetzt zu dieser Eingebung? Ganz einfach: ich bin eine Sammlerin! Nicht, wie einige nun fälschlicherweise annehmen könnten von Gegenständen, denn ich bin viel zu perfektionistisch, um Müll anzuhäufen, lebe puristisch, mag es kubisch, sondern von Gehörtem, Erlebtem, Gelesenem, über das ich mir meine Gedanken mache, - wohlgemerkt nicht grüble, mir nicht unentwegt den Kopf zerbreche, - sondern einfach versuche, mir ein Bild zu machen, mir meines eigenen Standpunktes klar zu werden.

Heute Vormittag gönnte ich mir eine kurze Arbeitspause auf meiner sonnigen Terrasse, als plötzlich lautes Männergeschrei über den See zu mir herüber getragen wurde. Mein Gegenübernachbar schien gerade am Auszucken zu sein, so laut und deutlich, so primitiv und bedrohlich, dass ich kurz überlegte, die Polizei anzurufen. Und es machte mich zornig und gleichzeitig betroffen, die Ehefrau, kürzlich Mutter geworden, tat mir momentan so unglaublich leid, dass ich es kaum in Worte fassen kann.

Und das Gehörte passte wie die Faust aufs Auge zu meinem gestrigen Blog, in welchem zur reinen Provokation, dem Klischee getreu und in die Welt und ins Konstrukt von Wahrheit vieler Menschen passend, als Beispiel Müllmänner herhalten haben müssen. Es ist jedoch einigen aufmerksamen Leser/innen nicht entgangen, dass die Berufsgruppe beliebig austauschbar gewesen wäre, dass sowohl körperliche wie auch psychische als auch sexualisierte Gewalt gegen Frauen unabhängig von Bildung oder Einkommen ist, ebenso frei von Einflüssen des Alters.

Er, mein feiner Herr Gegenübernachbar, ist stets in Anzug und Krawatte anzutreffen, gehobener Bildungsstand, verfügt über ein stattliches Einkommen, welches ihm erlaubt, ein wunderschönes neues Einfamilienhaus am See sein Eigen nennen zu dürfen. Er, der demonstrativ am Samstag Vormittag den Rasen mäht, auf das hinauf jeder Hauseigentümer rundum sehen soll, wie tüchtig er ist, wie fleißig, wie sehr er seine junge, hübsche, schlanke, blonde, aus der Slowakei kommende Ehefrau unterstützt. Und auch die Beschreibung meiner Gegenübernachbarin passt ins Klischee, und - um Kritik gleich vorwegzunehmen - in SEINE Beurteilung, mitnichten in ihre. Er, der an Halloween verkleidet mit den Nachbarskindern um die Häuser zieht, der seine Kinderfreundlichkeit wie ein Plakat vor sich herträgt. Und er, der bei zufälligen Treffen stets, mit einem Augenzwinkern, zu seinem Erachten nach witzigen, sexuell gefärbten Anspielungen neigt. Ein Mensch, der hier, in unserer Gemeinschaft am See, von allen geschätzt und geachtet wird, als lustig empfunden wird.

Zwischen Sein und Schein liegt irgendwo tief verborgen die Wahrheit! Was aber ist die Wahrheit, wenn die Terrassentüre aufgrund von Kälte geschlossen ist und keine Schreie über den See herüber hallen? Wie schaut das Leben der frischgebackenen, jungen, von ihrem Ehemann abhängigen Mutter tatsächlich aus zwischen all den neuen Designermöbeln, dem liebevoll gestalteten Garten und dem frisch gemähten Rasen, dem nach außen Sichtbaren, dem Prästentierten?

Und warum musste meine direkte Nachbarin wirklich, vordergründig zärtlich, unterschwellig aggressiv wirkend „Liebes“ (nicht "mein Liebes" ) genannt von ihrem golfspielenden, 7er BMW fahrenden IT-Schnösel-Lebenspartner, meinem Nachbarn, erst kürzlich drei Tage aufgrund eines plötzlichen „Kollapses“ auf der Stiege mit Folgen Serienrippenfraktur und blaues Auge vier Tage stationär auf der Unfall aufgenommen werden? Auch er ist ein geachteter Mann! Immerhin hat der das größte Haus hier, den neuesten und schönsten Baira von uns allen im 12 m breiten Carport stehen, den besten Verdienst vorzuweisen. Die sündteure Golfausrüstung steht demonstrativ auf der Terrasse, er selbst, der dürre, alternde, kahlköpfige, affektierte, selbstständige Manager zeigt sich in seinen Ralph Lauren® Polos und lächerlich engen roten Golfhosen im Garten mit „Liebes“ an der Hand. Liebes hingegen ist eine ganz eine Liebe: schüchtern, still, devot, zurückhaltend, magersüchtig, stets tapfer lächelnd, sich nahezu für ihr Dasein entschuldigen wollend. Niemand sieht ihre heimlich geweinten Tränen, niemand kann ihren Schmerz nachempfinden.

Zwischen Sein und Schein liegt die - wohlgemerkt subjektive - Wahrheit. Das ist auch in den social medias nicht anders. Anonym kann der User ein Bild von sich geben, dem er tatsächlich in keiner Weise entsprechen muss. Auch ist es möglich, jeden Tag eine andere Maske aufzusetzen, in Rollen zu schlüpfen - wie es beliebt, - alles ist möglich: die freundliche Helferin, der politisch Korrekte, die unbefriedigte Hausfrau, der potente, frauenverstehende Rechts- oder Linksträger, das unschuldige Hascherl, der friedliebende Tierschützer, der ernährungsbewusste Veganer, der klugscheißende Alleswisser, der ideologisch Verblendete, der obergescheite Fanatiker usw. usf.

Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wie authentisch sind Avatare? Zu welchem Zweck ge- oder missbrauchen Menschen social media? Und wie sieht die Welt hinter verschlossener Türe aus, wenn keine Schreie ins Freie dringen? Oder aber auch, mit den Worten von Peter Sarstedt: “Where do you go to my lovely, when you're alone in your bed …”

Naiv wird geglaubt was gesehen werden will - das Gute oder das Schlechte. Es wird interpretiert, beurteilt, kategorisiert, verurteilt, verstanden, sich identifiziert mit jemanden, den man im Grunde nicht kennt, mehr noch, der sich womöglich selbst nicht kennt, etwas wird kategorisch abgelehnt oder ins Denken integriert - je nachdem, ob es zu den eigenen Anschauungen, dem Weltbild, der jeweiligen Tagesverfassung und Stimmung, den Werten, der Summe an bisherigen Erfahrungen und Annahmen passt.

Aber auch für Benutzer/innen von social media gilt: Zwischen Sein und Schein liegt irgendwo dazwischen die Wahrheit. Es wäre fahrlässig dem zu trauen, was nach außen hin (re-)präsentiert wird, denn Wölfe im Schafspelz, - um hier nicht den unschönen Terminus „Arschlöcher“ zu gebrauchen, - gibt es überall!

In diesem Sinne:

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Und, um auch noch etwas Humoristisches einfließen zu lassen:

„Traue keinem VW-Fahrer mit Hut!“

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Süval

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