Die Ich-Krise der Politik.

US-Präsident Donald Trump ist ein Narziss. Jedenfalls wird ihm diese Persönlichkeitsstörung von immer mehr Psychiatern und Psychologen in eigentlich unerlaubten Ferndiagnosen zugeschrieben. Nicht erst seit seiner Amtsübernahme 2017. Schon 2015 befand Ben Michaelis, klinischer Psychologe, Trump sei ein Narzisst „wie aus dem Lehrbuch“.

Kaum jemand außerhalb seiner Blase von Sympathisanten und Abhängigen, der seine Reden, zuletzt jene vor Veteranen am Dienstag, verfolgt, würde das wohl bestreiten. Er feuert meist eine Salve an „Ich, ich, ich“ in das Publikum ab – so lautstark und ununterbrochen, dass eigentlich jeder Zuhörer aus reinem Selbstschutz das Weite oder den Aus-Knopf suchen müsste. Trump erfüllt die meisten Anforderungen an ein narzisstisches Profil: Betonung der eigenen Grandiosität und zwar ständig; Fantasien von „noch nie dagewesenen“ Erfolg oder der eigenen Genialität; Mangel an Empathie; Manipulation anderer; Anspruch auf Privilegien und grenzenloser Bewunderung durch andere, nur um einige zu nennen. All das findet sich in jeder seiner Äußerungen von Kansas City, Missouri, am Dienstag bis Helsinki, Finnland, am 16. Juli.

Gewiss, die möglichen Konsequenzen dieser Persönlichkeitsstörung des angeblich mächtigsten Mann der Welt können schon schlafraubend sein. Das „angeblich“ stammt von seiner erbärmlichen Vorstellung bei der Pressekonferenz mit Russlands Wladimir Putin in Helsinki. Seither ist das mit dem „Mächtigsten der Welt“ nicht mehr so sicher. Übrig bleibt allerdings noch immer die „westliche Welt“. Ungewiss ist allerdings, ob eine so schamlose Zur-Schaustellung des Ichs und der ständige Bezug auf dieses bei jedem Auftritt wirklich das Gefährlichste für unsere liberale Demokratie ist. Die Versuche, diese mit ständigen Angriffen auf die Institutionen unter dauerndem Ich-Bezug zu untergraben sind himmelschreiend offensichtlich. Das erlaubt die Hoffnung, dass in angemessener Zeit sogar die Desinteressiertesten unter seinen Anhängern das Spiel durchschauen.

Viel gefährlicher als jemand, der sich selbst nicht oft genug öffentlich als „stabiles Genie“ bezeichnen kann, dürfte für den Bestand der Demokratie die versteckte Egomanie in der Politik sein; jene, die entweder nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar ist oder Sachlichkeit vortäuscht. So wäre es zum Beispiel CSU-Chef und Innenminister Horst Seehofer beinahe gelungen – und die Gefahr ist noch nicht gebannt – die Regierung Deutschlands zu stürzen und das Undenkbare zu betreiben: Deutschland wieder zum Kernland der Instabilität in Europa zu machen. Die Konsequenzen einer solchen Entwicklung für Europa und die EU, das Freudenfest der extremen Rechten Alternative für Deutschland und seine Folgen kann man sich ohne viel Fantasie ausmalen. Und alles nur, weil Seehofer Politik als Ich-Domäne zu sehen beliebt. Da er wie Trump aber keinesfalls der Ich-Generation der Millennials angehört, der aus verschiedenen Gründen die Ich-Bezogenheit nicht einmal so sehr zum Vorwurf gemacht werden kann, muss es sich bei Seehofer um einen krassen Fall an Verantwortungslosigkeit wider besseren Wissens handeln.

Dieses wider besseren Wissens ist die eigentliche Gefahrenquelle für die Entwicklung der Demokratie. Jemand mit einer psychischen Störung a la Narzissmus ist im eigentlich Sinn „krank“; jemand, der aber im politischen Engagement das Ich zum Maßstab aller Überlegungen macht und Sachlichkeit nur vortäuscht, ist im eigentlichen Sinn charakterlos. Da dies der Bevölkerung „harmloser“ scheint, bleibt der Schaden oft lange Zeit unentdeckt.

Einen solchen kann zum Beispiel sogar jemand wie der Ex-Chef der Neos, Matthias Strolz, anrichten. Vor oder während seines Abgangs in der Partei gab er flächendeckend Interviews zur Gefährdung der Demokratie. In den meisten hätte man jeden Satz unterschreiben können. Ja, die derzeitige Regierung ist an der demokratischen Institution Parlament und an der Gesetzgebung nicht interessiert und ja, man kann dahinter den Versuch sehen, ein Regime zu installieren, das mit der liberalen Demokratie nichts mehr zu tun hat. Und ja, die Demokratie ist in Gefahr und ja Strolz’s Horroszenarien könnten Wirklichkeit werden.

Allein, wenn er von all dem überzeugt und seine Schlussfolgerung daraus lediglich „ Und ICH kümmere mich jetzt um mich“ ist, dann ist es gelinde gesagt zumindest unehrlich. Entweder es kann so schlimm kommen wie Strolz es prophezeit, dann ist sein Rückzug unerklärlich egozentrisch. Oder die Entwicklung ist ihm nicht wirklich ein Thema, dann wäre es ehrlicher gewesen, zu schweigen. Das hat mit dem Überleben seiner Partei im Moment gar nichts zu tun. Diese Frage ist im großen Zusammenhang mit dem Schaden, den diese Ich-Ich-Ich-Politiker anrichten können, vernachlässigbar. Es hat auch nichts damit zu tun, ob Strolz an die „Theorie des starken Mannes in der Politik“ glaubt oder nicht. Er muss ja keiner sein.

Es geht nämlich beim Rückzug des Gründers der Neos um ein Signal in der Politik. Wenn ICH nicht bekomme, was ICH will, dann ist MIR alles andere gleichgültig. Das ist bei Trump so, das ist bei Seehofer und in der kleinen Zwergenwelt Österreichs bei Matthias Strolz so – wie es bei Peter Pilz war.

Achselzuckend werden jetzt manche sagen: Was soll’s? Es geht doch allen Politikern nur um die Macht. Ja, natürlich, denn ohne Machtposition lässt sich auch nichts zum Positiven verändern. Im besten Fall wissen die Verantwortlichen etwas Konstruktives, das Leben der Menschen Verbesserndes, damit anzufangen. Im schlechten Fall missbrauchen sie die Macht. Dagegen aber sind die Institutionen in einer Demokratie zur Kontrolle eingerichtet. Aktuell ist das Machtargument also nicht das wichtigste. Es geht nämlich um eine mehr oder weniger auffällige Verschiebung im politischen Gefüge.

Wie oft soll man es denn noch sagen oder schreiben? Die echte Gefahr für die Demokratie kommt weder von der extrem rechten noch der extrem linken Seite, sie kommt aus ihrer Mitte. Sie kommt von jenen Politikern, denen die Glaubwürdigkeit in der Politik nichts wert ist. Ohne Glaubwürdigkeit aber keine Demokratie. Wer die eine untergräbt, schadet der anderen. Und sie kommt von einer Gesellschaft, der das alles gleichgültig ist.

geralt/pixabay

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