Bedrohte Meinungsfreiheit: Die Stimmen derer, die fehlen

Vor einigen Tagen löschte die amerikanische Schauspielerin Leslie Jones ihren Twitter-Account, weil sie die Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen nicht mehr ertragen wollte, die dort auf sie eingeprasselt sind. Ihr Vergehen: Sie hat in dem Film Ghostbusters mitgespielt (der am 4. August in Deutschland und Österreich anläuft). Dieser Film hat nach Ansicht zahlreicher Männer den Fehler, dass zu viele Frauen drin vorkommen, und für nicht wenige ist das Grund genug, übelsten rassistischen und sexistischen Müll ins Netz zu schreiben. Und zwar persönlich adressiert an diejenigen, die sie als „die Schuldigen“ identifizieren.

Meinungsfreiheit im Netz gibt es nicht für alle. Leslie Jones ist ein krasser und aktueller Fall, aber beileibe kein Einzelbeispiel und auch nichts Neues. Gestern kam die Nachricht, dass auch Jessica Valenti sich aus den Sozialen Medien verabschiedet, nachdem es Vergewaltigungsdrohungen gegen ihre fünf Jahre alte Tochter gab.

Es passiert ständig und schon seit langem, dass vor allem Frauen ihre Social Media Accounts löschen, weil sie beschimpft, bedroht oder auch einfach nur genervt und zugemüllt werden. Auch mein eigener Twitteraccount war schon einige Male für eine gewisse Zeit unbrauchbar, weil ich mit Kommentaren und Zurechtweisungen überschwemmt wurde und mit dem Blockieren und Melden gar nicht hinterher kam. Glücklicherweise sind sie bisher immer nach einer Weile wieder abgezogen.

Andere haben weniger Glück, weil sie bekannter oder exponierter sind oder einfach auch nur Pech haben. Dagegen unternehmen lässt sich wenig. Twitter ist überaus als träge beim Bearbeiten von Beschwerden. Aus Angst, die Meinungsfreiheit derer einzuschränken, die es für ihr gutes Recht halten, andere zu beschimpfen, zu beleidigen und zu bedrohen, wird im Zweifelsfall nichts unternommen. Die Meinungsfreiheit derer, die auf dieses Weise mundtot gemacht werden, interessiert weniger.

Auch die Polizei erweist sich nicht als hilfreich. Ich habe einmal versucht, eine Person anzuzeigen, die mir regelmäßig per Mail schrecklich Folterungen androhte, aber die Polizeistation, bei der ich war, hatte nur einen einzigen Computer mit Internetzugang. Ich gebe zu, es ist ein paar Jahre her, aber es war schon weit in diesem Jahrhundert. Damals haben sie das Problem gar nicht verstanden, das ist doch nur im Internet, also nicht wirklich real, fanden sie. Seither habe ich nicht mehr versucht, auf diesem Weg etwas zu unternehmen.

Ein bisschen was scheint sich geändert zu haben. Gestern postete Anne Matuschek auf ihrer Facebook-Pinnwand, dass die Berliner Polizei Beleidigungen und Bedrohungen gegen ihre Person, die sie über Twitter erhält, für relevant hält. Und Twitter ist auch bereit, die persönlichen Daten der entsprechenden Nutzer herauszugeben. Alles gut also? Leider nicht. Denn es scheint nun offenbar daran zu scheitern, dass die Polizei keine Software hat, um Mails verschlüsselt zu empfangen. Deshalb kann sie sich die Nutzerdaten nicht schicken lassen und also auch nicht weiter ermitteln. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.

Der Guardian hat kürzlich 70 Millionen Kommentare unter seinen Artikeln ausgewertet und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Unter den zehn Autorinnen und Autoren mit den meisten geblockten Kommentaren waren acht Frauen und nur zwei Männer. Und die beiden betroffenen Männer waren Schwarze.

Damit ist auch erklärt, warum wir bei dem Thema schon so lange nicht wirklich weiter kommen: Diejenigen, die größtenteils an den relevanten Stellen sitzen, wo man etwas ändern könnte, bei der Polizei, bei Twitter (oder anderen Internetplattformen), in der Community der Nutzer, die sind selbst nicht betroffen. Sie wissen nicht, was in den Accounts anderer Menschen abgeht. Sie können es sich nicht vorstellen, sie verstehen nicht, warum das wichtig ist.

Aber die Stimmen derer, die aus dem Internet vertrieben werden, sie fehlen uns allen.

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