Schaltjahr: Am 29. Februar 2016 ist Equal Care Day!

Den Equal Pay Day kennen inzwischen fast alle: Er erinnert daran, dass Frauen deutlich weniger Geld verdienen als Männer – laut Eurostat waren es 2013 in Deutschland 21,6 Prozent und in Österreich 23 Prozent. Deshalb findet der Equal Pay Day meist irgendwann im März statt – an dem Tag nämlich, an dem auch die Frauen endlich statistisch dasselbe Geld verdient haben, das die Männer schon am Jahresende in der Tasche hatten.

Keine Frage, der Equal Pay Day ist kampagnenfähig. Er bringt einen komplexen Sachverhalt knackig auf den Punkt und ist leicht zu merken, deshalb ist er so erfolgreich. Es gibt aber dabei auch ein paar Fallstricke. Zum Beispiel dass der Unterschied beim Einkommen von Armen und Reichen um ein vielfaches höher ist als zwischen den Geschlechtern und eigentlich ein viel größerer Skandal. Alle Jahre wieder gibt es auch die leidige Diskussion darüber, dass die Frauen doch eigentlich selber schuld sind, wenn sie so wenig verdienen: Sie wählen die falschen Berufe (werden Krankenschwester und Erzieherin statt Ingenieur und Elektriker) und arbeiten viel zu viel Teilzeit. Ja, da müssen sie sich doch nicht wundern, wenn sie weniger verdienen!

Der „richtige“ Pay Gap, also der, bei dem all diese von den Frauen „selbst verschuldeten“ Gründe herausgerechnet werden und nur noch die knallharte Diskriminierung übrig bleibt, der liegt „nur“ bei ungefähr sieben bis acht Prozent. Das ist nicht schön, aber klingt schon viel weniger dramatisch. Also alles nur heiße Luft?

Irgendwie schon, solange sich die Kampagne allein auf die Erwerbseinkommen kapriziert. In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Equal Pay Day leider nicht von den traditionellen ökonomischen Analysen: der große Anteil von unbezahlter und unsichtbarer Arbeit bleibt außen vor. Aber es wird in unserer Gesellschaft ja keineswegs nur für Geld gearbeitet. Das Arbeitsvolumen für unbezahlte Arbeit – Putzen, Waschen, Kochen, Kinder hüten und erziehen, Alte und Kranke pflegen, Rasen mähen und so weiter – ist ungefähr genauso groß oder sogar größer als das bezahlte (je nachdem, was man genau als „Arbeit“ zählt und was nicht). Unser gesellschaftlicher Wohlstand, unser aller Wohlergehen, wäre jedenfalls ohne diese unsichtbare und unbezahlte Arbeit nicht denkbar.

Zwischen Frauen und Männern ist diese unbezahlte Arbeit bekanntlich noch viel ungleicher verteilt als die bezahlte, besonders was die Sorgearbeit in den Familien betrifft. Schätzungsweise 80 Prozent davon machen Frauen. Nur wenn diese Seite der Medaille ebenfalls im Blick ist, lassen sich die Statistiken über ungleiche Erwerbseinkommen, die der Equal Pay Day so schön anschaulich macht, überhaupt sinnvoll interpretieren.

Eine schöne Idee, wie das gehen könnte, haben jetzt Almut Schnerring und Sascha Verlan in ihrem Blog vorgestellt: Sie schlagen vor, den Equal Pay Day mit einem Equal Care Day zu ergänzen.

Die Idee: Am 29. Februar 2016 soll mit einem „Equal Care Day“ daran erinnert werden, dass Männer über vier Jahre brauchen, um die Care-Arbeit zu leisten, die Frauen in einem Jahr (also bereits 2012) geleistet hatten. Der 29. Februar ist für so einen Tag natürlich prädestiniert, weil es ihn ja nur alle vier Jahre gibt – nämlich nur in Schaltjahren.

Unter der Perspektive eines Equal Care Day würde sich dann auch die Frage erledigen, inwiefern Frauen selbst schuld sind, wenn sie weniger verdienen als Männer. Der Hauptgrund, warum Frauen freiwillig Teilzeit arbeiten, ist nämlich der, dass sie für Kinder sorgen oder (noch seltener, aber zunehmend) für alte und pflegebedürftige Menschen. Und auch die im Vergleich zu „Männerberufen“ schlechte Bezahlung von Krankenschwestern, Friseurinnen und Erzieherinnen hängt direkt mit dem Charakter dieser Arbeiten als Care, als Fürsorge zusammen: Irgendwie geht man immer noch davon aus, dass Frauen so etwas quasi von Natur aus und eigentlich gratis zu erledigen hätten. Und wie alle Sorgearbeiten sind solche Arbeiten zeit- und arbeitsintensiv, lassen sich schlecht automatisieren, versprechen keine Profite. Daher die miese Entlohnung. Aber wie würde unsere Welt aussehen, wenn niemand mehr diese Berufe wählen würde?

Wer sich gegen Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern im Berufsleben engagiert, wird also nicht darum herumkommen, diese andere Seite der Medaille ebenfalls zu betrachten. Übrigens: Zwei Monate nach dem „Equal Care Day“, vom 22. bis 24. April 2016, findet in Berlin eine zweite große Aktionskonferenz des Bündnisses „Care-Revolution“ statt – eine gute Gelegenheit, sich mit anderen, die das Thema ebenfalls wichtig finden, zu vernetzen.

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