Das Bedürfnis, zu wissen, ob etwas normal ist oder nicht, ist uns so selbstverständlich, dass wir es meist gar nicht in Frage stellen. In Wirklichkeit ist das Konzept der „Normalität“ aber eine Erfindung, und zwar keine besonders gute.

Es ist doch normal, von Normalität zu reden, oder? Normal ist gut, Abweichung ist schlecht. Solange etwas „normal“ ist, ist es völlig in Ordnung - so denken viele. Aber das war nicht immer so. Denn das Konzept der „Normalität“ ist eine kulturelle Konvention, und ihre Entstehung ist ziemlich genau datierbar, nämlich auf den Beginn des 19. Jahrhunderts.

Ihr Erfinder ist der belgische Astronom Adolphe Quetelet, wie man in einem sehr guten Artikel nachlesen kann, den es leider nur auf Englisch gibt. Quetelets Ausgangspunkt war das Problem, dass es damals für Astronomen sehr schwierig war, die Geschwindigkeit von Himmelskörpern zu messen. Zehn Messungen ergaben oft zehn verschiedene Ergebnisse. Quetelet hatte daher die Idee, einfach den Durchschnittswert zu nehmen, in der Annahme, der würde der Wahrheit wohl am Nächsten kommen.

Solange das beim Vermessen des Weltraums blieb, war die Methode ganz in Ordnung. Aber dann übertrug der Wissenschaftler seine Methode auch auf soziale Phänomene. Seine Absicht war, soziale Bewegungen vorhersehbar und vorhersagbar zu machen. Zum Beispiel vermaß er tausende Soldaten, um herauszufinden, welchen „normalen“ Brustumfang Menschen haben. Auch Charaktereigenschaften versuchte er auf diese Weise zu vermessen und nannte seine Methode „Sozialphysik“.

Das Problem dabei ist nur, dass die statistische Erfassung von Menschen unsere Wahrnehmung verzerrt: Wer sagt eigentlich, dass es „normaler“ ist, 1,70 Meter groß zu sein als 1,40? Ist für einen Menschen von 1,40 Meter seine Körpergröße nicht völlig normal – nämlich die einzige, die er an sich kennt?

Ein statistischer Blick verhindert, dass wir Menschen individuell wahrnehmen, in ihrer Einzigartigkeit. Sondern wir nehmen sie unweigerlich in Hinsicht auf ihre Abweichung vom Durchschnitt wahr. Aber das ist eine rein willkürliche Setzung, sie ist weder zwangsläufig noch häufig sinnvoll. Rothaarigkeit ist genauso normal wie Braunhaarigkeit, sie kommt einfach nur seltener vor.

Im 19. Jahrhundert war Quetelets Methode noch relativ aufwändig: Bis man von einigen tausend Soldaten den Brustumfang vermessen hatte, das dauerte. Es gab außerdem noch keine Computer, die Kalkulationen mussten erst mühsam ausgerechnet werden. Heute, in Zeiten von Big Data, ist jede beliebige Statistik nur noch einen Knopfdruck entfernt. Entsprechend groß ist die Versuchung, alles und jedes auf seine Nähe oder Ferne vom Durchschnitt hin zu befragen. Nicht jeder Unfug ist dabei so harmlos wie die absurden Statistiken, die mittlerweile bei jeder Fußballübertragung eingeblendet werden.

Deshalb ist es wichtig, dass wir ganz bewusst unterscheiden, bei welchen Fragen statistische Berechnungen sinnvoll sind und bei welchen nicht. Wir müssen den Durchschnitt dort belassen, wo er hingehört – nämlich bei Wahrscheinlichkeitsaussagen über große Mengen von Menschen. Über die konkrete Realität einzelner hingegen sagen Statistiken eben gar nichts aus: Auch wenn Frauen in Deutschland im Schnitt 1,41 Kinder bekommen, so gibt es ja keine einzige, die tatsächlich 1,41 Kinder hat.

Vor allem aber müssen wir uns klarmachen, dass Normalverteilungen nicht bei der Entscheidung darüber helfen, was gut oder schlecht, was richtig oder falsch ist. Im Deutschland von 1936 war es völlig normal, Hitler super zu finden, die große Mehrheit der Bevölkerung war dieser Meinung. Es war aber trotzdem falsch. Nur weil alle etwas machen, ist es nicht in Ordnung. Und auch wenn niemand sonst etwas macht, kann es für mich persönlich genau das Richtige sein.

Normalität ist kein Maßstab, den wir an uns selbst oder an andere Menschen anlegen dürfen. Denn damit werden wir der konkreten Realität nicht gerecht. Wir Menschen sind verantwortliche Individuen, einzigartige Originale, jede und jeder von uns. Und kein Nümmerchen in der Masse.

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Mainmöwe

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fischundfleisch

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G. Szekatsch

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