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Freundschaft

Bedeutung laut Duden: auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander.

Für Aristoteles ist die Freundschaft wichtiger Bestandteil einer funktionierenden (Polis-) Gesellschaft.

In meinem Leben hat Freundschaft einen ganz besonders hohen Stellenwert. Sie ersetzt mir in vielen Lebenslagen meine nicht vorhandene Familie. Wenn ich so zurück denke, waren es meist männliche Freunde, die meinen Weg begleiten. Schon im zarten Volksschulalter spielte ich vorwiegend mit Buben. Ich fand es ganz einfach spannender „Räuber und Gendarm“ draußen auf der Straße zu spielen, als leblose Puppenkinder mit plüschigen Kleidchen zu dekorieren. Natürlich gab es zwischenzeitlich auch zu weiblichen Wesen Freundschaften, doch viele zerbrachen wohl aufgrund meiner oftmals etwas unverblümten Art über Themen zu reden.

Aktuell besteht die Handvoll an vertrauensvollen Menschen aus einer Frau, komplettiert durch vier Männer.

Einen dieser vier Herren kenne ich bereits seit mehr als 18 Jahren. Gerade erst vor ein paar Tagen hat er mich wieder besucht. Er kommt meist ohne Vorankündigung, aber wenn er kommt, steht er pünktlich um 19:30 Uhr vor meiner Tür. Obligatorisch übereicht er mir bei jedem Gastauftritt ein kleines Mitbringsel. Das kann was kleines Süßes, wie eine Mozartkugel sein oder auch Autogramme von diversen Musikern. Die Musik hat uns auch zusammengebracht. Damals auf meiner Tour durch Österreich.

11. Juli 1997. Ich bin auf dem Weg zu meinem fünften Ostbahn-Kurti-Konzert. Welches dieses Mal über die Grenzen hinaus von Wien und Umgebung stattfindet. Daher habe ich mehr als nur den Rucksack im Gepäck. Ein kleiner Koffer ist mit dabei. Die vorangegangenen Konzerte endeten selten vor Mitternacht, deshalb habe ich mir ein Zimmer in einem Gasthof nahe der Veranstaltung gebucht. Wobei Buchung in diesen Zusammenhang aus einem kurzen Telefonat mit dem Wirt bestand. Mit Landkarte und Telefonbuch – alles auf Papier gedruckt – verschaffte ich mir im Vorfeld einen kleinen Überblick über mein Reiseziel. Der Name der Ortschaft war mir bis dato unbekannt. Lediglich die nächstgelegene Stadt, Oberwart war mir ein Begriff. Endlich, Arbeitsende. Das Wochenende kann kommen, und zwar sofort mit dem ersten Schritt aus der Firma. Mein Koffer, bereits am Vorabend gepackt, hat geduldig in der Garderobe auf mich gewartet. Auf zum Südbahnhof in den Zug. Die Fahrt dorthin ist schon einen kleine Weltreise. Geschätzt eine Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Transdanubien. Etwas mühsam, jedoch in Hinblick auf das bevorstehende Wochenende nahm ich die kleinen Strapazen gerne auf mich.

Die Bahn fährt pünktlich von Gleis 7 um 13:55 Uhr in Richtung Wr. Neustadt ab. Die Zeit vertreibe ich mir mit Lösen von Kreuzworträtsel, Lesen und Schreiben. Zwischendurch nicke ich angelehnt am Fenster in meinem Abteil ein. So richtig schlafen kann ich nicht wirklich. Ich bin viel zu aufgeregt, außerdem darf ich auf keinen Fall die Station zum Umsteigen nicht verpassen. In Wr. Neustadt angekommen, steige ich in Zug in Richtung Oberwart. Wobei diese Eisenbahn lediglich aus der Lok besteht. Darin befindet sich vorwiegend sehr viel freier Platz, jedoch auch einige wenige Sitzmöglichkeiten. Ich sitze vorerst völlig alleine in diesen einsamen Wagon, bis ein weiterer Passagier zusteigt. Ein etwa 1,80 cm großer, schlanker Mann mit stark gebräunten Gesicht und dunklen, sehr dichten Haaren. Er steuert zielstrebig auf den Platz mir gegenüber zu. „Tschuldigen, wenn ich fragen dürft, ist Gnä Frau in der Gastronomie tätig?“, fragt er mich sogleich. Ich lache, wie er den darauf kommt? „Na wegen der feschen Hose, die Gnä Frau tragen!“, erwidert er spontan. „Übrigens, Franz Josef, Steyr Oberösterreich.“ Wir geben uns die Hand. Die abenteuerliche Fahrt in die Weiten des Burgenlands beginnen äußerst heiter. Die angesprochene Hose, kleinkariert in Schwarz und Weiß gehalten, sei der einer von Küchenpersonal getragenen sehr ähnlich. Da er Jahrzehnte in der Gastronomie gearbeitet hat, wäre ihm das eben aufgefallen. Er ist gleichfalls auf dem Weg zu dem Konzert. In Oberwart angekommen, beschließen wir uns ein Taxi nach Buchschachen zu Teilen. Ansonsten gibt es hier keinerlei Möglichkeit dahin zu kommen. Hier in dieser beschaulichen, einsamen Ecke im südöstlichen Teil Österreichs. Der Bahnhof hat den Charme einer jener, die man aus Italowestern kennt. Schaue mich um, ob nicht gerade Henry Fonda oder Charles Bronson angeritten kommt. Aber es weht mir lediglich ein starker Duft von Eierschwammerl entgegen.  Im Taxi erzählt er mir von seinen bisherigen Konzertbesuchen. Hunderte Events, die er in den vergangenen Jahrzehnten besucht hat. Angefangen mit den Rolling Stones über Willy DeVille bis hin zu Kurt Ostbahn. Ich, gerade am Beginn meiner „Tour Karriere“ stehend, komme nicht aus dem Staunen heraus. Beeindruckend von den unzähligen Erlebnissen zu Hören. Franz Josef zeigt mir Fotos, worauf er gemeinsam mit Willy DeVille zu sehen ist. Er kramt ein weiteres Bild hervor. Darauf, er als Kellner in Südafrika, wo er Christiaan Barnard kennen lernen durfte. Ich mag derartig spannende Lebensgeschichten von Menschen sehr. Diese Tatsache, aber auch seine sehr fröhliche unkomplizierte Art machte ihn auf Anhieb sehr sympathisch.

Nachdem ich mich in dem ländlichen Gasthof einquartiert hatte und der gastfreundliche Wirt mich mittels Auto zum Ort des musikalischen Geschehens kutschierte, trafen wir einander selbstverständlich dort wieder. Wie nicht anders zu erwarten, ein sensationelles Konzert, weit über Null Uhr hinaus. Unter einer der aufgestellten Versorgungshütten (es schüttet, die Wiese mutiert mittlerweile zu einem Sumpf) mit Speis und Trank plaudere ich noch mit ihm. Wir tauschen unsere Telefonnummern aus. Franz Josef fährt gemeinsam mit den Musikern wieder Richtung Wien. Es ist spät, das anwesende Publikum hat mittlerweile stark Alkohol getankt. Leider auch der Gastwirt. Eine Fahrt mit ihm, kam für mich nicht mehr in Frage, auch wenn er seine Fahrtüchtigkeit lallend und torkelnd beteuerte. Hier gab es nicht allzu oft derart große Veranstaltungen, deshalb feierte die Einwohnerschaft wohl auch so ausgiebig. Aber irgendwie musste ich in meine gebuchte Schlafstätte zurückkommen. Spontan sprach ich mehrere Damen und Herren an, die  mir noch halbwegs nüchtern erscheinen. Es fanden sich zwei nette Mädels, die ein Herz für eine müde Wienerin hatten. Ich schlief schnell, zufrieden, tief und fest ein. Erwachte erst am frühen Nachmittag. Franz Josef hatte sich mittlerweile beim Wirt nach meinem Wohlbefinden erkundigt. Nett, dachte ich.

Seitdem sehen wir uns vorwiegend bei unterschiedlichen Konzerten. Franz Josef ist mittlerweile schwer erkrankt, und hat weiße Haare. Er leidet anCOPD (Lungenerkrankung). Muss dutzende Medikamente einnehmen, hat ein künstliches Hüftgelenk und ist oftmals mit Gehstock oder einer Krücke unterwegs. Vergangenes Jahr wurde er von mehreren Männern brutal zusammengeschlagen und ausgeraubt. Aber das alles hält ihn nicht davon ab, weiterhin auf Reisen zu gehen. Viele musikalische Events zu besuchen. Mittlerweile sind es mehr als 1000 Konzerte weltweit, bei denen er live dabei war.

Musik ist sein Lebenselixier.

Er kann schon sehr lange nicht mehr seinen Beruf als Kellner nachgehen, den er so sehr geliebt hatte. Durch seine sehr kommunikative Art, kommt er jederzeit mit einer Vielzahl an Menschen ins Gespräch. Auch, wenn er oft mehrmals die gleichen Geschichten erzählt, es ist nie langweilig mit ihm. Wir haben aber auch schon sehr ernsthafte, tiefgehende Gespräche geführt. Vor allem in den letzten Jahren, wo auch mein gesundheitlicher Zustand, wie auch mein permanenter Überlebenskampf hinsichtlich meiner monetären Lage nicht allzu erfreulich war und ist. Ich denke, er erzählt mir sehr viele Dinge über sich, die er sonst kaum jemand redet.  Auch nicht seiner Frau, mit der er schon sehr lange verheiratet ist. Ich kann nicht sagen, ob er sie noch liebt, aber er steht ihr zur Seite. Bisher habe ich sie lediglich per Telefon kennen gelernt. Eine einfache, aber sehr freundliche Frau. Viele Jahre hat sie als Magd auf dem Land schwer gearbeitet und pflegt heute ihr an Demenz erkrankte Mutter. Franz Josef ist zwar seit vielen Jahren mit ihr nicht wirklich im guten Einvernehmen, aber dennoch schaut auch er darauf, dass die alt Dame nicht in Gefahr gerät. Wenn sie z.B. völlig verstört in der Nachbarschaft herum irrt. Von seinen beiden erwachsenen Töchtern spricht er sehr liebevoll. Auch wenn ich mir ihn nicht wirklich als Vater und Ehemann vorstellen kann, scheint er es auf seine Art und Weise geschafft zu haben. Ein sparsamer Mensch, welcher nur eine kleine Invalidenpension erhält. Jedoch niemals geizig oder knausrig ist, wenn wir unterwegs sind. Oft hat er mich finanziell unterstützt, wenn ich wieder Mal keinen Cent mehr im Haus hatte. Selbst wenn er hernach auf das eine oder andere Getränk verzichten musste.

Alkohol wurde ihm im Laufe der Jahre zum Problem. Mittlerweile sprechen wir auch offen darüber. Vor ein paar Jahren, hätte er sich das sicherlich nicht eingestanden, und schon gar nicht mit jemanden darüber geredet. Ich habe mich auch bei ihm erkundigt, was den zu tun sei, falls er akut extreme Atemnot bekäme, oder gar ohnmächtig wird. Daraufhin zeigte er mir seine Ausweise, auf denen die wichtigsten Informationen bezüglich seines Gesundheitszustandes stehen. All das ist wichtig, wenn ich den Notarzt oder Rettung verständige, erklärte er mir. Ich denke, das zeigt mir sein Vertrauen, dass er in mich hat.

Franz Josef, hat auch meine beiden Partner, mit denen ich eine Beziehung führte,   kennen gelernt. Es war stets schön zu sehen, dass auch hier neue Freundschaften entstanden. Niemals gab es dadurch Eifersüchteleien oder andere Probleme. Schwierigkeiten gab es zwischen uns auf Grund  zweier Themen. Die völlig unterschiedlichen Betrachtungsweisen zu Politik und Religion. Deshalb haben wir dahingehend ein Stillschweigeabkommen getroffen. Ich denke, das ist auch gut so, weil sonst wohl die Freundschaft schon sehr belastet gewesen oder gar zerbrochen wäre.

Franz Josef ein bunter lebensfroher Mensch. Manche seiner Ansichten sind vielleicht ein wenig angestaubt, aber was die Musik betrifft ist er völlig offen und aufgeschlossen was Neues betrifft. Auch wenn seine große Liebe die „Stoana Buam“ (Rolling Stones) sind. Im kommenden Jahr wird er 70 Jahre alt. Ich hoffe, dass er noch lange lebt, noch ganz viele Konzerte besucht um dort ordentlich ab zu rocken. Mit oder ohne Bart. Aber dennoch mit viel Lebensfreude, trotz seiner schlimmen Erkrankung, samt den anderen körperlichen Handicaps.  Mehrfach ist er dem Tod, schon von der Schaufel gehüpft.

Der Gastronom aus Steyr, Oberösterreich inklusive Sturschädel und einiger Marotten. Ein Freund, ein Kamerad der mich all die vielen Jahre schon begleitet.

Ich denke, Freundschaften sind besonders wertvoll. Etwas das zu pflegen ist, wie die Pflanzen auf meinen Balkon. Geben, Nehmen, Lachen, Weinen, Unterhalten, Streiten, Kommen, Gehen – all die Dinge, die es in einem Menschenleben eben braucht. Gut, wenn man dies auch für einige Zeit teilen kann. Da ist es im Grunde genommen auch völlig egal ob Freunde, männlich oder weiblich sind. Ich, für mich komme eben wohl vorwiegend mitMann besser aus. Ausgenommen vielleicht, es kommen eventuell romantische Gefühle dazwischen, welche nicht von Beiden Seiten erwidert werden. Aber selbst das habe ich schon anderweitig erlebt, dennoch hat die Freundschaft  gehalten. Mag auch sein, das es die umgangssprachliche „Einfachheit“, die Klarheit, welche dem Mann nachgesagt wird, welche mein gutes Auskommen mit Mann behaglicher gestaltet,  als mit so mancher Frau.

Vielleicht aber auch mein persönliches Gefühl, selbst in einigen Lebenslagen, geschlechtsneutral zu handeln oder zu denken. Hauptsache mir sitzt ein Mensch gegenüber, der ebenso gerne Zeit mit mir verbringt. Ein Mensch, der sich Zeit nimmt für das Kleinod Freundschaft.

The Rolling Stones - Waiting on a friend / 1981

©Bluesanne bedankt sich fürs Lesen!

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