Das Raubtier

Željko Ražnatović a.k.a. Arkan

17.04.1952 – 15.01.2000

Seine Verbrechen und seine kriminelle Prominenz stellen selbst Jaques Mesrin (1936 – 1976) in den Schatten, der es immerhin schafft, zum Staatsfeind Nummer eins auf gleich zwei Kontinenten erklärt zu werden. Arkan gelingt es nicht nur der Pate von ganz Serbien zu werden, sondern, quasi nebenbei, auch zum Kriegsverbrecher und Warlord, der auf allen bewohnten Kontinenten zur Fahndung ausgeschrieben ist. Eine „Leistung“, die vor ihm nur den obersten Nazi-Schergen und nach ihm nur Osama Bin Laden und diversen Gewaltherrschern gelingt. Im Lauf seiner Karriere ist er Bankräuber, Killer für die Staatssicherheit, der Pate von ganz Serbien, Warlord mit eigener Armee, eigenem T-72 Panzer, eigenen Kriegsverbrechen, eigener Partei, eigenem Fußballklub, eigenem, lebendigen Tigerjungen und besten Beziehungen zur First Family Serbiens, dem Klan von Slobodan Milošević, für den Arkan die schmutzigsten Kriegsverbrechen begeht. All das und im besonderen Letzteres, soll Arkan am Ende bloß drei Kugeln ins Gesicht in der Lobby des Hotel Intercontinental einbringen.

Eines der Ziele, das die NATO während der (Straf-)Bombardierung Serbiens aussucht, ist das belgrader Hotel „Jugoslavija“. Hier gibt es, außer Gästezimmern, nur noch ein Casino, an dem Arkan beteiligt ist und das ihm enorme Einnahmen bringt. Als Arkan erschossen wird, ist das der damaligen Außenministerin der USA, Madleine Albright, eine Pressekonferenz wert, in der sie ihr Bedauern zum Ausdruck bringt, dass er nun nicht mehr vor ein Gericht gestellt werden kann. Ich, Atheist der ich bin, bedauere nur, dass es keine Hölle gibt, in der Željko Ražnatović a.k.a. Arkan, gelernter Zuckerbäcker, für immer schmort.

Ražnatović ist kein Muskelberg sondern mehr das, was der Engländer als "chubby" bezeichnet - und auch nicht besonders groß. Zu seinem Gesicht sagt derselbe Engländer ohne Zögern: "Babyface". In seiner Jugend wird er von seinen Freunden, spöttisch konotiert, hibrid (Hybrid) genannt, weil er versucht mit Muskeltraining und Anabolika ein härterer Bursche zu werden. Später wagt niemand, nicht einmal seine ältesten Freunde, ihn so zu nennen. Weil die reale Möglichkeit besteht, dafür auf der Stelle und wortlos erschossen zu werden. Sein einziger von ihm abgesegneter Pseudo-Nome de Guerré ist "Arkan", nach seiner liebsten Comicfigur, dem Zauberer Arkanus. In Schweden jedoch, kennt man Ražnatović als den "Räuber mit der Rose". Weil er bei Überfällen auf Banken und Juweliergeschäfte stets einige Rosen an anwesende Damen verteilt. Doch er ist kein besonders durchsetzungsfähiger Gangster, bestenfalls ein talentierter Räuber mit dem zusäzlichen Talent als Planer und Organisator. Deswegen holt ihn Ljuba Zemunac für seine kombinacije nach Frankfurt, aber Ražnatović gelingt es nie eine eigene stabile Crew über eine längere Zeit aufzubauen und sich in einer Stadt "im Westen" festzusetzen. Die große Zeit des Željko Ražnatović beginnt erst als der serbische Geheimdienst beschließt, aus ihm Arkan zu machen. Diese Gunst fällt ihm aber nicht nur wegen seiner Talente zu, sondern auch durch die Gnade der Geburt in die richtige Kaste.

Im angeblich klassenlosen Jugoslawien genießen Angehörige des Apparates, ganz besonders der Volksarmee (Jugoslovenska Narodna Armija, JNA) zahlreiche Privilegien. Ist man mindestens Unteroffizier, bekommt man eine Wohnung in Novi Beograd, wo ganze Cluster von Soliteri für Angehörige der JNA (Jugoslovenska narodna armija, Jugoslawische Volksarmee), der Polizei oder des Geheimdienstes reserviert sind. Arkans Vater ist ein höherer Offizier der JNA, mit guten Beziehungen zu Mitgliedern des Zentralkomitees, im Besonderen zu Stane Dolanc, dem slowenischen KP-Cef und gleichzeitig der Nummer zwei nach Tito. Als Željko geboren wird, ist sein Vater in Slowenien stationiert. Er wird erst in den Kosovo versetzt, wo er einige Jahre dient, um dann nach Beograd versetzt zu werden, wo Arkan fortan aufwächst.

So ein Offizier ist auch mein Opa, der alte Partisan. Er ist Musiker in der Garde, die Tito auf seiner großen Schiffsreise bei der Gründung der Blockfreien begleitet. Mein Großvater, ein Kind aus ärmsten Verhältnissen, sieht die wohlig tropische, schönere Hälfte der Welt. Von dieser Reise bringt er eine hölzerne Tabakdose mit eingebauter Spieluhr mit. Als Kind schnuppere ich oft den Geruch des Tabaks, der im Inneren dieser Dose in das Holz eingedrungen ist. Und lausche einer Melodie, deren Herkunft mir bis heute unbekannt ist. Doch auch in die schönsten Gegenden Jugoslawiens kann man als Teilnehmer am Repressionsapparat verreisen. An der Adria, in den Bergen und in diversen Kurorten bestehen Ferienheime für die Familien der bewaffneten (und geheimen) Staatsdiener, die kostenlos genutzt werden können. Dafür dürfen sie nicht ins Ausland verreisen. In einer dieser Anlagen in Split gönnt auch mein guter Opa Đuro seiner Familie einen schönen Sommer. Hier, nach einer heftigen Bura, erblickt er zum ersten Mal das Fischernest Sutivan, auf der Insel Brač. Und beschließt da ein Ferienhaus für uns alle zu bauen. Er verbringt viele Abende auf der selben Veranda, auf der ich diesen Text in eine Festplatte klopfe.

Ein Bewohner von Sutivan, der eine traumatische Kriegsvergangenheit aus den Untergangskriegen Jugoslawiens durch sein Leben schleppt, erzählt mir von seiner ersten Begegnung mit Arkan. Ironischerweise ist es kein Kriegserlebnis, sondern eines aus seiner Kindheit. Und Arkan ist noch nicht Arkan, sondern nur ein leicht übergewichtiges Kind, das den Sommer in einer Ferienanlage für Offiziere der JNA bei Dubrovnik verbringt. Er ist allerdings ein Kind, das jede Begegnung mit den anderen Offiziers-Kindern mit dem Satz beginnt: „Was ist? Willst du dich mit mir prügeln?!“ Doch später - und anders als Magaš, dessen Gewalttätigkeit wohl zu 150% sexuell konotiert ist - scheint Arkan Uniformträger als Lustobjekte zu empfinden, wobei das Austeilen von Ohrfeigen seine liebste Ouvertüre ist. Der General der Republika Srpska, Manojlo Milovanović, erzählt in einem Interview seine Erfahrung mit Arkan.

Mitten im Bosnienkrieg beschwert sich einer seiner Kommandeure, immerhin ein Oberst, und fragt den zunächst ahnungslosen General, wer es wagen darf serbische Offiziere zu prügeln. General Milovanović antwortet seinem untergebenen Offizier halb im Scherz und weil die Kriegssituation gerade ungünstig ist, dass die Muslime die Serben schlagen wo sie nur können. Doch sein Oberst wird nicht von Muslimen abgewatscht, sondern von Arkan höchstpersönlich. Der Anlass ist banal: Dieser Oberst hat keinen besonderen Passierschein, den in diesem Frontabschnitt Arkans „Tiger“ (Arkanovi Tigrovi) ausstellen. Als er insistiert durchgelassen zu werden, zerren ihn die Leibwächter Arkans aus dem Auto und schleifen ihn in ihr Hauptquartier. Dort vollzieht Arkan, der große serbische Patriot, eine pädagogische Maßnahme am serbischen Oberst: Nachdem er verprügelt wird, rasiert man ihm den Schädel kahl.

Eine andere Anekdote, erzählt Borislav Pelević, "General" in Arkans Garde. Hier geht es um einen anderen Oberst, dem Kommandeur einer UNO-Einheit der UNPROFOR (United Nations Protection Force), der sein Hauptquartier in einem Hotel errichtet, das Arkan gefällt. So erscheint Arkan mit einer Hundertschaft schwer bewaffneter „Tiger“ und verlangt, den Oberst zu sprechen. Doch als der Offizier erscheint, schweigt Arkan. Und streckt den Oberst wortlos mit zwei Faustwatschen zu Boden. Als sein Opfer aufsteht, lässt Arkan noch ein halbes Dutzend Faustwatschen auf den benommenen und fassungslosen Mann herabregnen. Danach räumen die Vereinten Nationen, repräsentiert durch eine Handvoll Offiziere und Soldaten, angeführt von einem Oberst dessen Gesicht geschwollen und blutunterlaufen ist, das Objekt der Begehrlichkeit Arkans. Die „Tiger“ ziehen in ihr neues Hauptquartier ein.

Dass Željko Ražnatović sexuell halbwegs im Bereich des „normalen“ bleibt, belegen die neun Kinder aus zwei Ehen und unzählige Affären. Erst dieser Tage meldet sich eine dem widersprechende Zeugin zu Wort, die als Gefangene in einem bosnischen Lager angeblich von Arkan höchstpersönlich und auf äußerst perverse Weise mehrfach vergewaltigt wird. Laut dieser Zeugin foltert Arkan sie, wobei ihn besonders erregt, dass sein Opfer große Ähnlichkeit mit seiner neuen Ehefrau, der populären Turbo-Folk Sängerin Svetlana „Ceca“ Ražnatović hat. Ob dies eine wahre Geschichte ist oder nicht, wird noch gerichtlich untersucht. Vorerst ist es nur eine Meldung aus der Chronik balkanischer Zeitungen.

Über die Kindheit von Ražnatović ist fast nichts bekannt, ausser, dass sie sorgenfrei ist. Durch den Status seines Vaters lebt die Familie bequem im Staat der Arbeiter und Bauern, der Brüderlichkeit und Einigkeit und des sonnigen neuen Weges, manchmal spöttisch "Titoismus" genannt, der geradewegs in die Morgenröte des wahren, echten und schönen Kommunismus führen soll. Trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen – wer weiß?) wird Ražnatović ein unartiger Jugendlicher. Auf dem Tašmajdan, einem der größten Parks von Beograd, reißt er alten Frauen die Einkaufstaschen weg und plündert den Inhalt ihrer Geldbörsen. Die Beziehungen seines Vaters glätten, was besser gebüßt worden wäre. So fühlt sich Željko bald unberührbar und es kommt, wie es bei dieser Prämisse kommen muss. Kleinen Delikten folgen größere, Željko ist bald ein Problem für seine Eltern, seine Umgebung und den Brötchengeber seines Vaters. Just zu dieser Zeit entsteht eine neue Abteilung im Geheimdienst, die so etwas wie einen Verbrecherexport betreibt. Papa Ražnatović bittet seinen Kumpel Stane Dolanc, den unzähmbaren Sohn in dieses „Programm“ aufzunehmen und sein Talent zur Unartigkeit beim kapitalistischen Klassenfeind zum Einsatz zu bringen. Dolanc hilft. Bald ist Ražnatović, ausgestattet mit perfekt gefälschten Reisepässen, im Norden Europas unterwegs, um Juweliere und Banken auszurauben, die kein Jugoslawe zuvor ausraubt. Hier offenbart er sein größtes Talent: Die Selbstinszenierung als „Räuber mit der Rose“.

Was Arkan später zu sein scheint, ist jedoch nur Pose. Manchmal ordinär und schreiend vor Prahlerei aber stets wirksam. Die Tatsachen, wie sie später bekannt werden, zeichnen ein anderes Bild. Der große Krieger und Serbenbeschützer wird vom bosnisch-serbischen Generalstab mehrmals von der Front vertrieben, der militärische Wert seiner „Tiger“ ist bloß ein Propagandamärchen. Das Imperium des geschickten, kapitalistisch denkenden, genialen Geschäftsmannes funktioniert nur über die Gnade des Regimes. Der große Patriot und fromme serbisch-orthodoxe Gläubige ist nur ein Mörder und Vergewaltiger, ein Dieb und Räuber. Eines der bekannteren Fotos zeigt Ražnatović, im schwarzen Maßanzug vor dem Hotel „Jugoslavija“. Er hält einen kitschigen Bihänder, der fast so groß ist wie er selbst und sagt den anwesenden Journalisten, dies sei das Schwert des legendenumwobenen serbischen Zaren Lazar (1329-1389), das serbische Excalibur. Ein anderes Foto, oder besser gesagt das Video zu einem Interview während der Kämpfe um Vukovar, zeigt Arkan und seine „Tiger“ vor einem kroatischen Panzer. Der Panzer ist beschädigt und bleibt da liegen, wo ihn später die „Tiger“ zufällig finden. Im Interview wird dieser zufällige Fund zu einer bitteren Schlacht um die Eroberung des Panzers. Danach verkündet Arkan in die Kamera, er habe nun das erste, private serbische Panzerbatallion aufgestellt. So ist vielleicht auch die Story vom Räuber mit der Rose nur eine Übertreibung, oder ein einmaliger Vorgang, den Arkan selbst später zur charmanten Regel seiner Raubzüge verklärt.

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pirandello

pirandello bewertete diesen Eintrag 29.05.2020 14:09:49

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