Meine Krebserkrankung hat mir in den letzten zweieinhalb Jahren den Verlust sämtlicher Zähne im Unterkiefer eingebracht. Das liegt nicht an mangelnder Mundhygiene, sondern an einer beträchtlichen Strahlenkaries, die noch dazu ziemlich heimtückisch ist. Von außen kaum sichtbare kariöse Stellen, dafür wird beim Versuch der Sanierung das wahre innere Ausmaß sichtbar. Das Zahninnenleben ist bei einigen Zähnen butterweich, wie mein Zahnarzt gerade heute wieder meinte. Das bedeutet, dass sich seit Monaten ständig Termine beim ihm wahrnehmen darf. 3 Mediziner haben bereits das Handtuch geworfen und wollten mich nicht mehr weiterbehandeln. Das sagt natürlich keiner wortwörtlich. Nicht, weil ich persönlich eine schwierige Patientin bin, sondern weil Tumorpatienten eher selten sind und einer besonderen Behandlung bedürfen. Meist leidet man an geringer Kieferöffnung, was eine Behandlung sehr erschwert. Das Zahnmaterial ist wie erwähnt durch die Bestrahlung und auch Chemo sehr in Mitleidenschaft gezogen. Gebisssanierungen sind oft sehr schwierig, weil die Kieferknochen meist angegriffen sind oder teilweise Substanz fehlt. So habe ich in den letzten Jahren sämtlich Zähne im Unterkiefer verloren, trage seitdem ein Provisorium und warte sehnsüchtig darauf, dass nun endlich in den kommenden Wochen, oder Monaten, der lang erwartete Zahnersatz in meinen Mund wandert. Auch das ist nicht so einfach, weil der Ersatz nicht festsitzen soll, damit man jederzeit an die ehemalige Tumorstelle gelangen kann. Die Prothese muss auch so gestaltet sein, dass ich sie ohne großen Aufwand herausheben kann. Was auf Grund meiner Polyneuropathie, einem Nervenleiden in den Fingern, ausgelöst durch die Chemotherapie, auch nicht so einfach ist.

Und dann sollte das gute Stück so sitzen, dass ich wenigstens vielleicht wieder einmal ein wenig beißen kann. Man wird sehen.

Nun ist der unangenehme Fall eingetreten, dass das Provisorium gebrochen ist. Es wanderte zum Techniker und natürlich passte es nach der Reparatur nicht mehr. Jetzt muss das Teil neu aufgebaut und wieder zurechtgeschliffen werden. Das bedeutet, dass ich wieder einmal ein paar Tage zahnlos, zumindest im Unterkiefer unterwegs bin. Das bedeutet überhaupt nicht mehr beißen können, eine ständige Spannung in der Kinnpartei, weil die Lippen keinen Stand haben. Der Speichel sucht sich seinen Weg, leider ungefragt aus den Mundecken. Helle Oberteile sind besser zu vermeiden. Das sind alles Dinge, von denen ich weiß, dass sie in den nächsten Tagen wieder vorüber sind, deshalb regt es mich nicht sonderlich bis gar nicht auf. Womit ich jedoch immer ein wenig hadere ist der Umgang mit unbekannten Personen. Von mitleidigen bis abstoßenden Blicken kommt einem da alles unter. Ich habe mir schon lange angewöhnt, immer kurz zu erklären, warum ich ein wenig anders bin. Das reicht von der Erklärung meines Sprachfehlers bis eben zu der Tatsache, dass ich im Moment zahnlos bin.

Ja, ich sage wirklich, wenn mich wieder jemand anstarrt, dass meine Zähen in der Reparatur sind. Je nachdem trauen sich die Menschen nach den Ursachen zu fragen oder sie starren weiter auf meine Mundpartie. Ich kann mir inzwischen nach jahrelanger Übung gut vorstellen, was viele denken, nämlich *die hat die Zähne nicht ordentlich geputzt*. In unseren Breitengraden sind missratene oder fehlende Zähen in etwa so ausgrenzend wie Inkontinenz oder Impotenz. Kaum ein Betroffener traut sich über solche Themen offen zu sprechen. Ich frage mich oft, weshalb das so ist. Bricht man sich ein Bein, wird kaum jemand hinter vorgehaltener Hand negative Aussagen dazu machen. Warum wirken fehlende Zähne so abstoßend?

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anti3anti

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G. Szekatsch

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