Satoshi U. ist seinen Gespenstern erlegen. Der ehemalige Behindertenbetreuer hat gestern ein in Japan einmaliges Massaker angerichtet - in einer Behindertenbetreuungsanlage in Japan, nahe Tokyo hat er zumindestens 19 Menschen getötet. Mehrere liegen noch schwer verletzt in umliegenden Spitälern.

Er hat seine Opfer auch nicht bloß getötet. Nein, er hat sie mit mehreren Messern umgebracht, hat damit sein erklärtes Ziel "alle Behinderte loszuwerden" erreicht, und sich anschliessend der Polizei gestellt. Satoshi U. war im Frühjahr dieses Jahres bereits von der Polizei in eine Nervenheilanstalt eingewiesen worden - eben, weil er den Wunsch geäußert hatte behinderte Menschen zu töten. Nach ca zwei Monaten hatte man ihn von dort wieder entlassen.

Die Tat erschüttert Japan, ein Land mit hohem Altersdurchschnitt in der Bevölkerung und gezeichnet von einem ausgeprägten Prinzip der Seniorität im Alltag der Japaner.

Aber auch wir sollten uns angesichts dieses so tragischen Vorfalls überlegen, wie hoch die Belastung/Stress der in der Behindertenbetreuung eingesetzten Menschen in ihrem Arbeitsumfeld ist.

Denn die Arbeit selbst ist hart - nicht nur körperlich sondern sicher auch psychisch. Der Umgang mit Menschen mit schweren und schwersten Handicaps, die sehr oft auch im Bereich der eigenen Körperwahrnehmung Probleme haben, und daher für sich und auch ihre Umgebung teilweise Gefahrenpotentiale bergen bringt täglichen Stress mit sich - nicht umsonst sind diese Berufsgruppen auch in der Liste der "Burn out"-gefährdeten Tätigkeiten zu finden.

Wenn man weiß, dass von Sozialorganisationen im Rahmen der Jobbeschreibungen für Behindertenbetreuer von BewerberInnen verlangt wird, "im Fall von Tobsuchtsanfällen mit dem Patienten bis zur Beruhigung in einem geschlossenen Raum zu verbleiben"(kein erfundenes Beispiel), dann weiß man wie hoch die Belastung der eingesetzten Männer und Frauen in diesem Job ist. Das alles in einer Gehaltsstruktur die zwar in den letzten Jahren durch einen neuen Kollektivvertrag "attraktiviert" wurde - ein Anfangsgehalt von brutto knapp € 1.900,-(zuzügl. Zulagen) für eine Behindertenbetreuerin in Ausbildung ist aber nicht unbedingt ein Ausgleich für die in diesem Job gegebenen Härten hinsichtlich Tätigkeit und auch Arbeitszeiten.

Doch die Behindertenbetreuung ist ja auch nur ein Beispiel für die Art und Weise wie wir in Österreich mit den Sozialberufen umgehen. Pflegedienstleistungen werden gerne an zumeist aus osteuropäischen Ländern stammenden Pflegekräften vergeben - kein Wunder, diese Pflegerinnen sind flexibler als heimische Großorganisationen und vor allem auch kostenseitig leistbarer. Liest man Stellenbeschreibungen, bzw. führt man Interviews mit heimischen Sozialdienstleistern hat man oft den Eindruck zurück ins 19. Jahrhundert gefallen zu sein - gesucht wird die Kindergärtnerin im Stundenausmaß von 0,9-1,1 Stunden/Woche(!), Tätigkeitsprofil: Kinderbetreuung, Mittagessen vorbereiten, Abwasch erledigen und vor dem Dienstende noch Reinigung der Räume.

Wen wundert es, dass die Nachfrage Seitens der Arbeitssuchenden nach dieser Art Jobs gering ist? Parallel wird hektisch versucht, möglichst jegliche Form sozialen Arbeitens in eine akademische Laufbahn zu bringen. Altenpfleger, Krankenschwester - bald muß jeder einen Bachelor aufweisen, um entsprechende Stellen zu bekommen. Was mit den Altkräften mit bisheriger klassischer Ausbildung passiert? Hat sich wohl keiner so richtig überlegt.

Die Frage, ob im Bereich Recruiting eine entsprechende Qualitätssicherung bei der Aufnahme von Betreuungspersonal gegeben ist, bzw. auch im laufende Betrieb sichergestellt ist, kann man getrost in Frage stellen - der äußere Eindruck zeugt von sehr viel Kostendruck und auch Problemen qualifizierte Mitarbeiter zu bekommen.

So bleibt uns zu hoffen, dass die Männer und Frauen die trotz alledem diesen Job für unsere Gesellschaft jeden Tag mit sehr viel Idealismus und auch Zuneigung zu ihren Schützlingen verrichten von den Gespenstern des Satoshi U. verschont bleiben.

Denn wir, die Gesellschaft der sie dienen - wir wären die Letzten die es mitbekommen würden.

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