Das beste Argument gegen das Internet ist ein fünfminütiger Chat mit einem durchschnittlichen Blogger

Der legendäre frühere britische Premierminister Winston Churchill, Sieger des Zweiten Weltkrieges, soll einmal gesagt haben: "Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler".

Und das Korollar (der verwandte Lehrsatz) dazu im Internet wäre wohl der Spruch: "Das beste Argument gegen Internetforen ist ein fünfminütiger Chat mit einem durchschnittlichen Blogger."

Internetforen wie FUF haben irgendwie eine Tendenz zum Rinderwahn.

Im verzweifelten Versuch, irgendein Argument zu finden, das Andere überzeugt, steigern sich Links und Rechte in linke und rechte Extreme, in blödsinnige Thesen hinein.

Und sehr schnell kommt es bei Allen zu einer Abkopplung vom Thema und zur Entwicklung weg von der Meinungsfreiheit zur reinen Schimpffreiheit: da viele Forenbetreiber rechtswidrige Inhalte nicht löschen, wegen Geldmangel, Personalmangel, Kompetenzmangel in vielerlei Hinsicht (technisch, historisch, juristisch, etc.), glauben sich viele Leser und Kontra-Argumentierer zu jeder Art von Untergriff berechtigt, so wie in der physischen Welt das Nichtverbot extremer Organisationen leicht zu Gewalt des anderen Extrems führen kann: das Nichtverbot linksextremer Organisation zu rechtsextremer Gewalt und das Nichtverbot rechtsextremer Organisationen zu linksextremer Gewalt.

Ein Effekt, der dadurch entstehen kann, ist die Zerstörung oder Vertreibung der politischen Mitte. Da das Hickhack zwischen linksextremen und rechtsextremen Postern den Zentristen widerlich ist, und sie sich beruflich oft nicht leisten können, mit dem einen oder anderen Extremismus in Verbindung gebracht zu werden, hören sie auf zu bloggen und vertschüssen sich aus dem Forum, wie das auch schon bei FUF zu beobachten war.

Was wiederum linke und rechte Extremisten darin bestärkt, weiterzumachen und noch radikaler weiterzumachen, weil sie nach der Vertreibung der Mitte ja im Forum (und nur im Forum) sich knapp an der absoluten Mehrheit wähnen, während beide Extreme in der gesamten Welt (also unter Berücksichtigung der schweigenden bzw. vertriebenen Mehrheit) nur eine verschwindende Größenordnung haben, unter ein Prozent.

Und es gibt natürlich den Echokammerneffekt: man liest nur das und glaubt nur das, was man glauben will. Um schwerwiegende Argumente der jeweils anderen Seite nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, gibt es tausende Tricks, zum Beispiel: "Du bist der politische Feind, und willst mich nur irreführen".

Der umstrittene nazinahe Rechtstheoretiker Carl Schmitt nannte das das Freund-Feind-Schema: wenn es gar nicht mehr um die Sache geht, sondern der Konflikt zwischen Links und Rechts alles bestimmt, dann ist laut Schmitt der Zustand der reinen Politik (ohne Wissenschaft, Vernunft, etc.) erreicht. Er beschrieb damit die Entwicklung der Weimarer Republik hin zu einer Nationalsozialistischen Diktatur.

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Ein Aspekt der Internetkommunikation sind Flame Wars und Shitstorms: Psychologen gehen davon aus, dass Internet, Anonymität und das Fehlen der Wahrnehmung der Mimik und Gestik der anderen Teilnehmer dazu führt, dass Äußerungen im Internet extrem, aggressiv, verletzend und hemmungslos sind. Also so gesehen genau das Gegenteil dessen, was die Internet-Euphoriker vor 20 Jahren prognostizierten: eine neue bessere Welt, die durch moderne und innovative Kommunikationsmethoden alle Probleme löst.

Buchempfehlungen in diesem Zusammenhang:

Against Democracy, Jason Brennan (deutscher Buchtitel: Gegen Demokratie).

In Anknüpfung an zahlreiche Klassiker der Staatswissenschaft (beginnend mit Plato) erwägt Brennan darin Epistokratie, in der man einen Wissenstest ablegen muss, bevor man das Wahlrecht erhält.

Why Leaders lie, John Mearsheimer (deutscher Buchtitel: Lüge - vom Wert der Unwahrheit).

Mearsheimer als Professor für internationale Beziehungen an der Universität Chicago analysiert darin die Gründe, warum Politiker lügen, und die Chancen, damit Erfolg zu haben.

Kein Buch, aber Reden gibt es vom ehemaligen ORF-Generaldirektor Gerd Bacher zum Thema "Infantilisierung der Demokratie durch Wahlaltersenkung auf 16 Jahre".

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