In einem Interview verwendet der österreichische Kinderkanzler Sebastian Kurz die Formulierung, Österreich sei eine Insel der Seligen.

Diese Formulierung dürfte ursprünglich von Papst Paul, dem Sechsten (einem Italiener) kommen, der bei einem Staatsbesuch beim damaligen Präsidenten Franz Jonas diese Formulierung gebrauchte oder gebraucht haben soll. Österreich war damals in den 1970ern ein hyperstabiles Land ohne irgendwelche wirklichen Probleme, in einer gewissen Weise verwöhnt und hysterisch, während in Italien der Terror der Brigate Rosse, die zahlreichen Regierungskrisen und Dinge wie die Ermordung von Premierminister Aldo Moro, die Mafiamorde in Sizilien, etc. den Alltag prägten. Auch der Philosoph Rudolf Burger nannte Österreich einmal ein "hysterisches Land".

Ein hyperstabiles Land wie Österreich, das die Probleme der Welt nicht kennt, hat tatsächlich ein Problem: nämlich, dass es die Probleme der Welt nicht kennt und sich internationalen Massnahmen zur Problemlösung zu verweigern tendiert eben wegen dieser Unkenntnis der Probleme der Welt.

Aber gerade aus biblischem Hintergrund ist diese Formulierung äußerst zweischneidig, denn in der Bibel heisst es "Selig sind die Armen im Geiste".

Ist Österreich eine Insel der Geistesarmen und hat Kurz Österreich als Geisteskrank bezeichnet, indem er die "Insel der Seligen"-Metapher verwendete, die mit "Selig im Geiste" zusammenhängt ? (Die Stelle ist bei Minute 1:50 in der ARD-Doku unten)

Diese Doku beginnt mit den Worten: "Die meisten Wiener schlafen noch, wenn Kurz aufsteht und zur Arbeit geht". Hmmm, so kann man es natürlich auch sehen: Wien befindet sich im politischen Tiefschlaf, daher können Kinder wie Kurz Kanzler werden. Andere Leute als Kurz stehen um 11 Uhr auf und arbeiten dann bis Mitternacht. Der Kurz-Sager von denen, die zu spät aufstehen, vernachlässigt, dass man auch bis Mitternacht oder zwei Uhr morgens arbeiten kann. Nur weil Kurz um sechs Uhr aufsteht, ist es noch lange keine Untugend, von 12 Uhr Mittag bis 12 Uhr Mitternacht zu arbeiten.

Die Doku hat übrigens zahlreiche Fehler: Aussenministerin Kneissl ist parteilos und kein FPÖ-Mitglied. Diese ARD-Diskussion verschweigt auch, dass die jetzige Aussenministerin Kneissl bei einer Debatte mit Kurz vor der Wahl diesem einmal vorgeworfen hat, die sogenannte Entwicklungshilfe sei nur Exportförderung für österreichische Unternehmen und gar keine richtige Entwicklungshilfe, worauf Kurz nichts antwortete, obwohl er hätte können. Die ARD-Doku bringt nur Kurz´ Entwicklungshilfe-Behauptung; generell neigen deutsche Medien bei österreichischen Politikern oft zu Fehleinschätzungen und Kenntnismängeln.

Irgendwie hat Kurz ja recht: die Wahlen zu gewinnen, indem man behauptet, die Schliessung einer Route unter vielen (nämlich die "Balkanroute" ) würde alle Probleme lösen, während sie in Wirklichkeit nur den Verkehr auf andere Routen verlagert, weist darauf hin, dass Österreich tatsächlich eine "Insel der seligen Geistesarmen" sein könnte.

Statt an der Lösung von aussenpolitischen Konflikten teilzunehmen, wie er das eigentlich versprochen hatte, praktiziert er jetzt eine Grenzen-Dicht-Politik. Erstens ist fraglich, ob man die Grenzen dicht genug machen kann (der Dornbirn-Mord weist darauf hin, dass es nicht funktioniert), zweitens löst das die aussenpolitischen Konflikte, die Flüchtlingsströme verursachen, eben nicht.

Aber Kurz als blutjungem Mann lässt man alle Fehler durchgehen, weil man von einem so jungen Mann keine Erfahrung und keine Kenntnisse erwarten kann, schliesslich war er ja zum Beipiel zu Zeiten des Kosovo-Krieges noch ein Kind.

Lateinisch lautet die Formulierung "Beati pauperes spiritu".

Bundeskanzleramt

Kinderkanzler Sebastian Kurz: bei glücksverwöhnten Ignoranten, die sich die Probleme des Rests der Welt nicht vorstellen können, bei Kindern und Geistesschwachen beliebt, bei Politisch-Erwachsenen und Erfahrenen verachtet ?

In der ÖVP-nahen Tageszeitung "Die Presse" meinte Arik Brauer, der der Regierung durchaus nahesteht, die Österreicher seien eine Art Wohlstandsverwöhnt:

https://diepresse.com/home/kultur/feuilleton/5554444/Arik-Brauer_Der-Wohlstand-macht-die-Leute-wehleidig

Der biblische Begriff der Geistesarmut kann wohl auch als Erfahrungsarmut interpretiert werden. Österreich als "Insel der Glückseligen" bedeutet so gesehen eine Insel von Leuten, die lange so glücklich lebten, dass ihnen das Unglück im Rest der Welt oft gar nicht vorstellbar ist.

"Selig die Armen im Geiste" heisst so gesehen "Selig die Armen im Vorstellungsvermögen".

Die Frage, ob Sebastian Kurz die Hintergründe dieses Zitats und alle damit in Zusammenhang stehenden Bibelimplikationen kennt, oder ob es ihm nur von z.B. älteren Beratern beim Coaching eingesagt wurde, ist nach wie vor offen.

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