"Vernunftzeitalter" der Aufklärung weicht dem "postfaktischen Bullshit-Zeitalter" - Ursachen.

Die NZZ ist besorgt, dass wir am Ende des Aufklärungszeitalters angelangt sind und uns langsam in ein neues postfaktisches (Bullshit)-Zeitalter bewegen. In den sozialen Medien und auch beim Journalismus zeigten sich schon erste Vorboten. Nicht immer gerechte Vorwürfe, wie Lügenpresse, Mainstreampresse tragen ebenso dazu bei, wie Merkels kürzliche Worte, wonach wir in "postfaktischen Zeiten" angelangt zu sein scheinen.

o Die Aufmerksamkeitsökonomie verwandelt sich zusehends in eine Desinformationsökonomie:

Profitgierige und andere Akteure sind daran interessiert, über soziale Netzwerke massiv Falschmeldungen, Verschwörungstheorien und anderen "Bullshit" (=Schwachsinn) zu verbreiten. Viele Medienmacher sind erst durch die lauten Töne der neuen Rechten um den Glaubwürdigkeitsverlust des Journalismus aufmerksam geworden. Man hat zu lange beharrlich ignoriert, was Forscher seit Jahrzehnten feststellen: Den schleichenden Verfall des Vertrauens in die Medien.Eine Machtverschiebung weg vom Journalismus und hin zu Public Relations und Propaganda ist seit längerem bemerkbar.

o Ein weiteres Übel stellen die Echokammern der sozialen Netzwerke dar, wie rasch sich hier Unfug ausbreitet. Verstärkereffekte bilden Algorithmen und Roboter ("Social Bots"), dies verstärken und die Chancen, diesem Trend durch Aufklärung entgegenzuwirken sind verschwindend.

Was sind "Social Bots"?

Roboter-Meinungsmaschinen, die sich in sozialen Netzwerken schon immer mehr verbreiten - kleine Softwareprogramme, die Informationen sammeln auch in politischen Diskussionen. Politische Gruppen könnten das für sich nutzen. Beispielsweise eine Freundschaftsanfrage klingt verlockend: Blondes, wallendes Haar, ähnliches Alter, und dann so ein exotischer Name: Chayenne. Doch irgendwas stimmt nicht! Keine gemeinsamen Freunde, ein lückenhaftes Profil. Wer ist diese Frau? Chayenne ist gar kein echter User, sondern ein sogenannter "Social Bot". Das sind kleine Software-Roboter, die soziale Netzwerke fluten und auch Meinungen verbreiten können.

Warnzeichen wurden von den Medien zu lange ignoriert:

ARD und ZDF begannen schon Mitte der sechziger Jahre in einer Langzeitstudie Massenkommunikation in Mehrjahresabständen zu messen, wie es um die Glaubwürdigkeit der Medienberichterstattung bestellt ist. Die ermittelten Werte zeigten bereits damals nahezu regelmässig nach unten. Auch das berufliche Ansehen von Journalisten ging in den Keller. Viele Redaktionen leben von "Empörungskommunikation" und Mücken werden gerne zu Elefanten aufgeblasen (zB.Klebstoffdebatte), die Qualität blieb auf der Strecke.

o Der österreichische Sozialforscher Georg Franck hat schon Ende der 90er-Jahre sein Konzept der "Aufmerksamkeitsökonomie" publiziert, wie wachsende Konkurrenz von Institutionen, aber auch von Prominenten, Politikern und Wirtschaftsführern um öffentliche Aufmerksamkeit die Gesellschaft veränderte. Franck setzte dem "materiellen" einen "mentalen" Kapitalismus entgegen, der "närrische Züge" trage.

Das neue immaterielle Wirtschaftsgut "Aufmerksamkeit" wird immer knapper:

Er skizzierte einen zweiten Wirtschaftskreislauf, der den bisherigen Austausch von Waren und Dienstleistungen gegen Geld zunehmend überlagere, die Aufmerksamkeitsökonomie, nachdem eine Saturierung bei materiellen Bedürfnissen bereits vorliegt. Weil Aufmerksamkeit knapp ist und sich in Geld oder Macht ummünzen lässt, wurde und wird immer mehr investiert, um sie zu generieren.

Damit ist immerhin plausibel erklärt, weshalb heute in den USA auf 1 Journalisten statistisch etwa 5 PR-Experten kommen, während vor drei Jahrzehnten das Verhältnis noch etwa ausgeglichen 1:1 war.

o Mit der Übermacht und der Professionalisierung der PR-Branche einhergehend hat sich auch der Copy-Paste-Journalismus rapide ausgebreitet. So wurde zunächst schleichend und dann immer offensichtlicher die Glaubwürdigkeit des Journalismus unterminiert.

o Uwe Krüger (Universität Leipzig) und sein preisgekröntes Buch «Mainstream» , woein von einer eine «pädagogisch-paternalistische Haltung» der Medien in die «gefühlte Bevormundung» der Leser umschlägt. Die Medien hätten sich in einem Scheinkonsens einander angenähert, die journalistischen Parteigänger der Merkel-CDU : Stichworte «Multikulturalität und Vielfalt, Weltoffenheit und Toleranz, Gleichstellung und Minderheitenschutz, Antidiskriminierung und Gender Mainstreaming».

o "Enttäuschungswut":

Journalisten seien zu zahlreich in Elite-Netzwerke integriert – und so habe sich beim Publikum über die Jahre hinweg eine «Enttäuschungswut» angestaut. Die Medien scheinen "mehr Anpasser als Aufpasser, mehr Regierungsversteher als Anwalt der Regierten zu sein".

o Im Internet sind die etablierten Massenmedien als Nachrichtenlieferanten zwar weiterhin tonangebend. Die digitale Revolution entthronte jedoch die Journalisten als "Schleusenwärter" des öffentlichen Diskurses. Die Zahlungsbereitschaft der Publika für Journalismus schwand, die Werbeerlöse, aus denen sich Redaktionen finanzieren lassen, schrumpften rapide. Obendrein fliessen sie inzwischen überwiegend in die Kassen von Google und Facebook.

o Hochprofessionelle Spin-Doktoren unterspülen das Nachrichtenangebot zunehmend mit geschrottete oder gezielter Desinformation. Ob es um Chemtrails geht oder darum, die Klimakatastrophe zu negieren, ob der US-Wahlkampf, die Krim-Besetzung, der IS-Terror angesagt sind oder Impfungen, Zucker- oder Drogenkonsum – zu all diesen Themen zirkulieren im Netz zählebig Falschinformationen, die keiner Überprüfung standhalten.

o Freie Bahn für "Bullshit":

Die Algorithmen von Google, Facebook und Twitter sorgen dafür, dass die Legenden sich in den Echokammern der sozialen Netzwerke ausbreiten.

Ein italienisches Forscherteam um Micaela Del Vicario, Fabiana Zollo und Walter Quattrociocchi (IMT Lucca) hat in einem Big-Data-Projekt in den USA und in Italien Facebook-Accounts miteinander verglichen – einerseits solche, die sich redlich um wissenschaftlich und journalistisch geprüfte Information bemühen, auf der anderen Seite Link-Schleudern, die Unsinn offerieren. Ihre beunruhigende Erkenntnis: In den «filter bubbles» der sozialen Netzwerke verbreitet sich aufgrund der Likes und Shares der User, aber auch wegen der Aktivität von Social Bots – «Bullshit» weitaus schneller und flächendeckender als die grau-schattierten News seriöser Anbieter.

o Die Macht der Algorithmen:

Welche Rolle dabei Algorithmen spielen, ist und bleibt das wohl bestgehütete Geheimnis der Internetgiganten, die sich längst zu weltumspannenden Mediengrosskonzernen entwickelt haben ohne redaktionelle Verantwortung für den Unfug, der über ihre Plattformen verbreitet wird. Der amerikanische Rechtswissenschafter Frank Pasquale (University of Maryland) spricht deshalb von einer "Black Box Society", in der wir mehr und mehr leben.

o Algorithmen verdrängen Journalisten und Social Bots ersetzen inzwischen zunehmend leibhaftige Trolle, die im Netz im Sinne ihrer Auftraggeber Stimmung machen. Sie schüren Hass, sorgen durch tausendfach variierte Kommentare, vor allem aber durch Likes und Shares dafür, dass ihre Botschaften im Netz mithilfe der Algorithmen verbreitet werden und so die "Schwarmdummheit" gegenüber der "Schwarmintelligenz" die Oberhand gewinnt.

Der Politologe und IT-Experte Simon Hegelich (TU München) hat kürzlich bei einer Klausurtagung der österreichischen Verleger vorgeführt, wie einfach das geht: 10 000 Twitter-Konten seien für 499 Dollar zu haben. Diese mit Roboterintelligenz auszustatten, koste ebenfalls so gut wie nichts.

Bereits ein erheblicher Prozentsatz aller Twitter-Nutzer, schätzt Hegelich, könnten Social Bots sein – Tendenz zunehmend. Facebook veranschlage die Zahl der Bot-Accounts weltweit auf rund 15 Millionen. Fraglos würden so die sozialen Netzwerke zum idealen Nährboden für jedwede Propaganda, zumal der Einsatz der Roboter für die Betreiber risikolos und kaum nachweisbar sei.

o Nicht zuletzt sind die Erfolge autoritärer Führer wie Putin und Erdogan bei der Stabilisierung ihrer Herrschaftssysteme dadurch zu erklären, dass sie sich zunehmend des medialen Raums bemächtigen. Diesen kontrollieren sie rund um die Uhr, indem sie Journalisten einschüchtern, Medienbetriebe unter die Kontrolle befreundeter Oligarchen bringen und die sozialen Netzwerke beackern.

o Mit Shitstorms werden insbesondere investigative Journalisten fertiggemacht – wie Hajo Seppelt, der für den WDR dem russischen Dopingskandal nachspürte, oder Jessikka Aro in Finnland, die dem Trollspuk des Kreml auf die Spur kam.

o Vergebliche Anstrengungen:

Es sieht inzwischen so aus, als würden in westlichen Gesellschaften Populisten wie Donald Trump, Frauke Petry oder Christoph Blocher den Putins und Erdogans dieser Welt nacheifern.

Das Forscherteam um Walter Quattrociocchi lässt keinen Zweifel daran, dass bis jetzt alle Anstrengungen verlorene Liebesmüh sind, der Desinformationsflut entgegenzuwirken. Fact-Checking-Websites, aber auch die Aufklärungsbemühungen seriöser Medien kommen in den sozialen Netzwerken aus ihren Echokammern nicht mehr heraus.

o Ein weiteres problematisches Thema des "Political Correctness" habe ich bereits unter:https://www.fischundfleisch.com/ebgraz/yale-professor-political-correctness-hysterie-schraenkt-freie-rede-ein-25710

behandelt.

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Spinnchen

Spinnchen bewertete diesen Eintrag 03.10.2016 08:27:04

fischundfleisch

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