Aus der Kategorie "Was zur Hölle kann diesen Sommer eigentlich noch alles passieren?": Das größte Atomkraftwerk Europas im nordfranzösischen Gravelines ist erneut Opfer einer hitzebedingten Quallenplage. Ein erst vor einer Woche wieder hochgefahrener Atomreaktor wurde erneut vom Netz genommen, weil zahlreiche Quallen das Filtersystem zu verstopfen drohten, wie der Energiekonzern EDF mitteilte. Ein weiterer Reaktor wurde deswegen gedrosselt. Damit funktionieren derzeit nur zwei der insgesamt sechs Reaktoren des Atomkraftwerks zwischen Calais und Dünkirchen normal. Ein weiterer Reaktor ist seit der vorherigen Quallenplage noch abgeschaltet, ein weiterer wird derzeit gewartet.
Was für ein grandioser Sommer für die unverbesserlichen Romantiker der Atomkraft! Da wird uns seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig vorgebetet, die Kernenergie sei das unerschütterliche Bollwerk der Versorgungssicherheit – ein technologisches Wunderwerk, erhaben über die Wechselfälle der Natur. Und woran scheitert dieses gigantische Monument des 20. Jahrhunderts im Jahr 2026? An ein bisschen Badewasser und Glubschaugen im Kühlrohr.
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Es hat schon eine feine historische Ironie: Erst kochen die Flüsse so weit hoch, dass man den Reaktoren den Stecker ziehen muss, um die Fische nicht direkt sieden zu lassen. Und wer glaubte, die Rettung läge ewig kühlen Ozean, wird nun von Schwärmen wabbeliger Quallen eines Bessergestellten belehrt. Da stehen nun also die Kathedralen der Hochtechnologie im nordfranzösischen Gravelines – Abermilliarden teure Konstrukte, erdacht von den hellsten Köpfen eines vergangenen Jahrtausends –, und kapitulieren vor glibberigen Nesseltieren, die nicht einmal ein Gehirn besitzen. Die verstopfen schlicht die Filter, und schon geht dem atomaren Giganten die Puste aus.
Man muss die Treue der Nuklear-Enthusiasten fast schon bewundern. Mit einer fast nostalgischen Sturheit klammern sie sich an Systeme, die für das Klima der 1970er Jahre gebaut wurden. Währenddessen zeigt die Realität unverschämt deutlich, was Resilienz wirklich bedeutet. Wer sein Netz geschickt auffächert, auf dezentrale Erneuerbare setzt und moderne Großspeicher nutzt – wie es selbst Länder wie Bulgarien längst vormachen –, lacht über die Sommerhitze. Die Sonne knallt, die Photovoltaik liefert Höchstwerte, Batterien puffern die Nacht ab, und kein einziger Liter Flusswasser wird dafür zweckentfremdet.
Aber nein, träumen wir lieber weiter den Traum von unendlicher Grundlast aus dampfenden Riesenmeilern. Blöd nur, dass die Natur nicht mehr mitspielt. Wer im 21. Jahrhundert auf die verletzliche Großtechnologie von gestern setzt, muss sich eben nicht nur von steigenden Temperaturen überraschen lassen, sondern sich im Ernstfall auch von einer Armee aus Quallen den Strom abdrehen lassen. Prost Mahlzeit.