"Ich will mir als Frau nicht sagen lassen, wie ich mich zu kleiden habe."

FuF: Frau Kneissl, wir haben in den letzten Wochen viele Emails von Lesern erhalten. Die Menschen sind verunsichert und fragen, was die Flüchtlingsströme für ihr Leben bedeuten. Wir möchten Ihnen gerne diese Fragen stellen. Die meisten wollen wissen, ob ihre Ängste überhaupt berechtigt sind..

Karin Kneissl: Ich habe Verständnis für diese Angst, denn dieses Unbehagen hat seine Berechtigung. Tatsache ist, dass wir nicht genau wissen, wie viele Menschen in unser Land kommen und wir wissen auch nicht, woher sie kommen, weil es keine ausreichenden Kontrollen gibt. Hier sind weit reichende Wanderungsbewegungen im Gang, deren Dimensionen noch nicht abzuschätzen sind. Diese Bewegungen sind vor dem Hintergrund einer demographischen Explosion und des Social Gaps zu sehen, wie auch der jüngste OECD-Bericht zeigt. Wenige Gruppen bzw Völker profitieren vom Wohlstand dieser Welt. Was wir daher sagen können: Die Flüchtlingsströme werden so schnell nicht abreißen, und wir müssen uns darauf einstellen, dass noch mehr Menschen kommen. Zum Beispiel geht aus Umfragen hervor, dass halb Nigeria das Land verlassen will; seit 1985 hat sich die Bevölkerung in den arabischen Staaten verdoppelt usw. In diesen Ländern gibt es wenig Arbeit, Ägypten müsste zum Beispiel 500.000 Arbeitsplätze im Jahr schaffen, um dort allen Menschen eine Zukunft zu bieten, das Durchschnittsalter liegt bei 22 Jahren. Der Wunsch, auszuwandern, ist verständlich. Doch hat Europa sicher nicht die Kapazitäten, um all diese Menschen aufzunehmen, zumal auch ausgewählte aufgrund ihrer Wohlfahrtssysteme die wesentlichen Einwanderungsländer sind.

FuF:Welche Folgen hat das für Europa?

Karin Kneissl: Europa und die Europäer werden umdenken müssen, wenn diese Menschen hier leben sollen. Europa steht für Individualismus, die Menschen, die nun herkommen, sind teils dem Stammesdenken verhaftet. Wir sollten uns selbst wieder mehr für das Erbe der europäischen Aufklärung engagieren, denn diese ermöglicht ein Zusammenleben von Menschen als Staatsbürger unabhängig von allen ethnischen oder religiösen Zwängen. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass wir uns im Namen der Götter auch in Europa wieder wechselseitig vernichten.

FuF:Müssen wir uns verändern?

Karin Kneissl: Die Frage ist, ob wir uns verändern wollen. Ich kenne den Nahen und Mittleren Osten sehr gut, habe dort viele Jahre gelebt und gearbeitet. Ich habe miterlebt, wie sich die Werte von dortigen Gesellschaften verändert haben. In Afghanistan konnte man in den 70ern noch in die Oper gehen, auch Syrien war weltoffen. Und heute? Vielerorts regieren Fundamentalisten, die Gesellschaft ist sehr wertekonservativ – und es sind nun diese Werte, die nach Europa kommen. Es ist klar, dass hier sicher nicht die Errungenschaften, wie Gleichberechtigung, nun aufs Spiel gesetzt werden dürfen. Probleme hiermit haben aber auch jene Menschen, die zwar Bürger europäischer Staaten sind, aber sich vielmehr dem Familienbild ihrer Religion verbunden fühlen.

FuF:Was bedeutet das für unser Leben?

Karin Kneissl: Ich will mir als Frau nicht sagen lassen, wie ich mich zu kleiden habe, der Ansatz "Frauen haben nicht mit Röcken auf die Straße gehen", der gefällt mir nicht und diese Denke sitzt tief bei einigen Neuankömmligen, wie ich in vielen Gesprächen mit Syrern, Afghanen und anderen erlebte. In einigen französischen Vororten diktieren bereits selbsternannte Sittenwächter derartige ungeschriebene Verhaltensregeln. Isabelle Adjani reagierte bereits vor Jahren mit ihrem Film "Heute trage ich Rock". Wenn die Buben Ramadan machen statt in die Schule zu gehen, dann sind das keine Werte für die Europa derzeit steht. Ich habe für meine persönliche, berufliche und individuelle Freiheit gekämpft und will sie nicht bedroht sehen. Dass diesen Menschen geholfen werden muss, steht außer Frage, die Politik ist gefragt Lösungen zu finden, wie und wo Hilfe zu leisten ist. Vorrangig ist eine Stabilisierung von Syrien und des Iraks. Ich halte es daher für ganz wichtig, dass jetzt Gespräche mit dem syrischen Präsidenten al-Assad aufgenommen werden, 18 bis 25 Prozent der Bevölkerung fühlen sich von ihm noch immer vertreten, hier ist es sinnvoll nach einer gemeinsamen Lösung zu suchen. Die russische Intervention hat Bewegung in das syrische Patt gebracht, der Ausgang ist aber sehr ungewiss.

Doktorin Karin Kneissl ist Nahostexpertin. Nach dem Jura- und Arabistikstudium an der Uni Wien recherchierte sie für ihre Dissertation in Völkerrecht über den Grenzbegriff der Konfliktparteien im Nahen Osten. Stationen waren die Hebräische Universität von Jerusalem und eine Universität in Amman (Jordanien). Von 1990 bis 1998 wirkte sie u.a. im Kabinett des Außenministers, im Völkerrechtsbüro und war in Paris und Madrid auf Auslandsposten. Als Expertin für Völkerrecht, Geschichte des Nahen Ostens und den Energiemarkt unterrichtet Karin Kneissl an der Diplomatischen Akademie Wien uvm. Karin Kneissl ist Autorin mehrerer Fachpublikationen und Sachbücher und Mitbegründerin von Ärzte ohne Grenzen.

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