L601neu – Oder: Vorsicht vor plötzlich vom Himmel fallenden Hochleistungsbahnstrecken

Bei uns in der schönen Weststeiermark gibt es gerade ein Musterbeispiel für ein vornehm als Föderalismus verbrämtes vollkommenes Versagen einer an parteipolitischen Interessen, persönlichen Befindlichkeiten, kindlichem Neid auf mögliche Erfolge des anderen und noch einer Reihe anderer nicht gerade auszeichnenden Eigenschaften orientierten „Verkehrspolitik“ des Landes und des Bundes und der handelnden Akteure.

Dazu muss man wissen, dass es straßenverkehrstechnisch zwei Hauptschlagadern im Bezirk Deutschlandsberg gibt:

Einerseits die B76, die Radlpassbundesstraße, die ich eher als Kernöl-A23 bezeichnen würde. Und die L601. Beide Straßen sind an der Belastungsgrenze und führen teilweise durch Ortschaften und Gemeinden, deren mit ihren Grundstücken an diese Straßen angrenzenden Einwohner zunehmend zu bedauern sind.

Folglich wird schon seit einiger Zeit über eine Alternativroute, die L601neu, sei es als vollkommen neue Trasse, sei es als Ausbau der Bestandsstrecke, nachgedacht. Als weitere Zutat gibt es nun die Koralmbahn, eine Bahnhochleistungsstrecke, deren Kernstück, der Koralmtunnel, im idyllischen Frauental in einer hügeligen Gegend namens Gleinz Richtung Kärnten eintaucht.

Anstatt aber die letzten Jahrzehnte (!) zur Planung einer gesamtheitlichen, schlüssigen und sparsamen sowie effizienten Lösung zu nutzen, kommt man jetzt drauf, dass es da seit ein paar Jahren in der Gleinz ein Loch im Hügel gibt, zu dem Schienen hinführen und das seltsamerweise offensichtlich nicht vor hat, wieder von selbst zu verschwinden. Weshalb man sich nun doch genötigt sieht, Autos zu zählen und mal darüber nachzudenken, was denn das unter anderem alles für Folgen für die Verkehrsinfrastruktur und –entwicklung einer gesamten Region haben könnte.

Ohne jetzt die Grundsatzdebatte, ob es sinnvoll ist, parallel zu einer nagelneuen Bahnstrecke eine neue Straße zu bauen, zu führen: Im Rahmen des ganzen Verfahrens zur Trasse der Koralmbahn wäre es verhältnismäßig leicht gewesen, wenn gewünscht, die L601 gleich mit zu trassieren und zu bauen. Aber nichts da: Bund und Land konnten oder wollten sich nicht rechtzeitig auf eine gemeinsame Vorgangsweise einigen, auch die Gemeinden blieben da weitgehend untätig.

Dieser Schrebergartenweitblick geht nun aber leider nicht zu lastenden der handelnden Akteure, sonder trifft Bevölkerung, Anrainer und Wirtschaft bis hin zum möglichen/wahrscheinlichen Irrwitz, die Lebensqualität von Menschen, die beim Bahnbau bewiesen haben, nicht dem Floriani-Prinzip zu huldigen, jetzt noch einmal jahrelang durch einen Straßenbau massiv zu verschlechtern – vom erneuten Handanlegen an gerade geschaffene Bauwerke und der Belastung, die ein weiteres Anwachsen der Fahrzeugfrequenz auf den Bestandsstrecken für die Anrainerinnen und Anrainer bedeutet, ganz zu schweigen.

Von den vier im Rahmen einer Studie untersuchten Trassen verläuft nämlich eine der beiden Favoriten entlang der soeben in Bau befindlichen Koralmbahn. Es ist klar, dass hier Interessen aufeinander prallen: Einerseits die Befürworter der L601neu, andererseits die jetzt schon durch den Bahnbau massiv belasteten Einwohner, die (neben anderen gegen das Projekt vorgebrachten Gründen) zu Recht nicht einsehen, schon wieder die Krot einer Mammutbaustelle schlucken zu müssen, wenn die andere sie jahrelang beeinträchtigende Baustelle vielleicht gerade eben abgeschlossen sein wird. Beide Gruppen sind in Bürgerinitiativen pro und contra L601neu engangiert, in einer Regionalzeitung werden heftige Diskussionen geführt.

Ich hätte hier gerne auch zu der kürzlich vorgestellten Studie mit den Bewertungen der Trassenvarianten verlinkt. Allein das geht nicht. Denn es gibt eine nur als Chuzpe zu bezeichnende offizielle „Informationspolitik“: Eine einmalige Veranstaltung in einem Turnsaal (unter Anwesenheit eines Nationalratsabgeordneten aber ohne den zuständigen Landesrat) begleitet von einer in Bezirksblättern abgedruckten Grafik in Tränen des Mitleids hervorrufender Auflösung.

Das alles verkauft als „Bürgerinformation“ Im 21. Jahrhundert ist es inakzeptabel, dass eine solche von uns allen bezahlte Studie vollständig und samt aller Beilagen weder auf der offiziellen Homepage des Landes zu finden ist noch zum Download angeboten wird.

Die Region hätte bei fähigeren Akteuren einen verkehrstechnischen Jahrhundertsprung machen können - so wird aber bei jeder Form der Lösung ein schaler Nachgeschmack bleiben.

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Herbert Erregger

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Silvia Jelincic

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