Ein sprachliches und musikalisches Ausnahmetalent - Reinhard Mey

Vor wenigen Tagen rief mir eine Autofahrt im Norden Deutschlands einen Ausnahmekünstler wieder in Erinnerung, den ich bereits seit Jahrzehnten kenne und schätze - während dieser Fahrt durch die verregnete Landschaft konnte ich den mirso vertrauten Klängen einiger wunderbarer Lieder dieses Ausnahmetalents lauschen (Gruß an dich, J.!), was mich auf die Idee gebracht hat, hier über ihn zu erzählen.

Reinhard Mey hat mich durch die Zeit meiner Jugend begleitet - ich lernte anfangs staunend die atemberaubend schnell gesungenen Texte seiner Lieder kennen, die allesamt sehr humorig daherkamen.

Wer kennt nicht Annabelle, ach Annabelle, in dem der Singer-Songwriter 1972 die Emanzipation humorig auf die Schaufel nimmt?

Für dieses Lied, das ihm nach eigenem Bekunden „jede Menge Ärger, aber auch jede Menge Spaß“ eingebracht hat, schrieb er 1998, 26 Jahre später, mit Der Biker eine Art Entschuldigungssong, in dem er seine Wertschätzung für Annabelle zum Ausdruck bringt.

Weitere Stilblüten des Humors waren zB Der Mörder ist immer der Gärtner, Ankomme Freitag, den 13., Ich bin Klempner von Beruf - und etliche andere, die zum Schmunzeln anregen - die Aufzählung kann immer nur mangelhaft sein.

Mey war und ist aber auch ein Meister der nachdenklichen, leisen Töne. Etliche wunderbar nachdenklich-poetische und musikalisch ins Ohr gehende Kleinode sind in seiner Hand entstanden, wie zB Ich wollte wie Orpheus singen, Wie vor Jahr und Tag, Sommermorgen - eines meiner persönlichen Lieblingslieder; Was ich noch zu sagen hätte, und viele mehr prägen seinen Stil.

Einer seiner wohl bekanntesten und größten Hits ist Über den Wolken, in dem er sich wunderbar mit der Nichtigkeit der Wichtigkeiten - oder dessen, was wir dafür halten - auseinandersetzt. Noch heute wird dieses Lied, obwohl bereits aus dem Jahr 1974 stammend, im Radio rauf- und runtergespielt.

Reinhard Meys gesamtes Werk, bzw. seinen bisher umfassenden musikalischen Werdegang und Weg zur Gänze zu beleuchten, würde wohl diesen Rahmen sprengen, ich habe mir daher einige bedeutsame Punkte herausgesucht - und bin dabei draufgekommen, dass er am selben Tag wie ich Geburtstag hat, nämlich am 21. Dezember, allerdings 21 Jahre VOR meinem Geburtsjahr, nämlich 1942 - was insofern für mich bedeutsam ist, weil 21 zudem meine Glückszahl ist.

Interessant zu erwähnen ist für mich, dass er mit Ulrich Roski, welcher ebenfalls ein begnadeter und humoriger deutscher Liedermacher, das Gymnasium besucht hat.

Bereits während der Schulzeit sammelte er mit Freunden Erfahrungen auf der Bühne mit der Aufführung von Skiffle-Musik in der 1957 gegründeten Band Rotten Radish Skiffle Guys.

Nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann und einem abgebrochenen BWL-Studium widmete er sich fortan seiner Musikkarriere.

Meys erstes Chanson Ich wollte wie Orpheus singen erschien 1964. Im selben Jahr bekam er die Möglichkeit, auf dem Festival Chanson Folklore International auf der Burg Waldeck, einer Burgruine im Hunsrück, seine Lieder vorzutragen. Dort lernte er auch 1966 den gleichaltrigen Liedermacher Hannes Wader kennen. 1967 startete er für Deutschland beim Knokke-Festival in Belgien. Dies führte zu seinem ersten französischen Plattenvertrag. In Frankreich wurde er in weiterer Folge unter dem Namen Frédérik Mey zum Star.

Mey hatte großen Erfolg in Frankreich und den Niederlanden. Es gibt in französischer Sprache sieben Frédérik-Mey-Alben und zwei Live-LPs; zuletzt erschien nach 23-jähriger Pause die CD Frédérik Mey, Vol. 7 – douce france (2005). Auch in französischen Schulbüchern finden sich Texte von Mey.

Auf Niederländisch erschien 1975 Als de dag van toen („Wie vor Jahr und Tag“) – seine einzige Doppel-Platin-Platte überhaupt – und 1976 Er zijn dagen … („Es gibt Tage …“).

1967 bekam er einen Plattenvertrag in Deutschland beim Label Intercord. Obwohl bereits damals durch gelegentliche Funk- und Fernseh-Engagements zu bescheidener Popularität gelangt, brachte ihm jedoch erst 1971 die Doppel-LP Reinhard Mey live, sowie das Lied Der Mörder ist immer der Gärtner den Durchbruch zu einem Massenpublikum.

Mey publizierte jedoch auch unter einem weiteren Pseudonym, nämlich Alfons Yondraschek, unter welchem er für das Duo Inga & Wolf das Lied Gute Nacht, Freunde für den Eurovision Song Contest 1972 schrieb und damit in der Vorausscheidung den 4. Platz belegte. Den selben Namen verwendete Mey bereits vorher im Lied Ankomme Freitag den 13., in dem er beteuert, „ganz bestimmt nicht Alfons Yondraschek“ zu sein. Der Name taucht in Meys Werk noch einmal auf: In Zwei Hühner auf dem Weg nach vorgestern wird Alfons Yondraschek als Autor des gleichnamigen Theaterstücks genannt.

Reinhard Mey brachte zwischen 1967 und 2016 27 deutsche Studioalben heraus, das erste Ich wollte wie Orpheus singen 1967, das bisher letzte Mr. Lee 2016, sowie davon im heurigen Jahr (2018) eine Live-Version. Von 1986 bis 2004 veröffentlichte Reinhard Mey seine Studioalben im Zwei-, danach im Dreijahresrhythmus, jeweils im Mai.

Außerhalb dieses Dreijahresrhythmus erschien 2015 unter dem Titel Lieder von Freunden ein Album mit Titeln von Ulrich Roski, Pete Seeger, Rio Reiser, Franz Josef Degenhardt, Heinz Rudolf Kunze, , Colin Wilkie, Johann Sebastian Bach, Selma Meerbaum-Eisinger, I Muvrini, Manfred Maurenbrecher, Ludwig Hirsch und eigen weiteren Kollegen. Anders als bei seinen Studioalben erarbeitete er die Aufnahmen nicht in einem relativ kurzen Zeitraum, sondern sie entstanden über viele Jahre hinweg.

Mey sagte zu diesem Album selbst:

„Wir alle haben irgendwo in der Erinnerung, oder gerade im Ohr, so ein Lied, wo es dich packt, dass du nicht weißt, wie dir geschieht, wie ich mal versucht habe, es zu beschreiben. Ich habe viele solcher Lieder aus der Feder sehr naher oder ferner Kollegen, die mir doch alle über ihre Musik gleich vertraut sind. Manche begleiten mich schon mein ganzes Leben, manche entdecke ich vielleicht erst jetzt, aber von nun an werden auch die zu Weggefährten für immer. Lieder, die ich für mich singe, einfach weil sie mir Freude machen, weil sie mich trösten oder bewegen und manchmal, wenn nach einem Studiotag noch ein bisschen Zeit ist und die Kollegen Lust haben, oder Besuch kommt, den ich – wie meine Tochter – zum Mitsingen überreden kann, dann nehme ich schon mal eins davon auf, einfach so. Über die Jahre ist daraus über ein gutes Dutzend Aufnahmen entstanden aus der spontanen Lust am Musizieren, am Experimentieren, aus dem Wunsch, nach einem Tag voller Musik im Studio, nicht ohne eine letzte Zugabe auseinander zu gehen. Ich nenne sie die Lieder von Freunden.“

Ein sehr schönes Statement, wie ich meine.

Zusätzlich zu seinen Studioaufnahmen veröffentlichte Mey 16 deutsche Livealben, das erste erschien 1971 bei Intercord unter dem Titel Reinhard Mey live. Aufgenommen wurde es in Berlin im Dezember 1970. Von den 25 Liedern auf dem Doppelalbum sind bis auf zwei alle von ihm getextet und komponiert. Seit Anfang der 1990er Jahre zeichnen sich die Livealben durch einen beträchtlichen Teil an einleitenden Sprechbeiträgen aus, wo man somit zudem seine angenehme Sprechstimme hören kann. Außer diesen beiden Plattentypen gibt es eine große Anzahl von Samplern, Singles und zwei DVDs, von denen die erste in wesentlichen Teilen Filmmaterial enthält, das anlässlich seines 60. Geburtstags 2002 produziert wurde.

Mey pflegte stets die Zusammenarbeit mit Kollegen - von seinen Auftritten mit Kollegen ist das Konzert anlässlich Hannes Waders Geburtstag im Juni 2002 zu nennen. Gemeinsam mit Konstantin Wecker sangen sie knapp dreißig Lieder, und zwar entweder solistisch oder mehrstimmig. Das Doppelalbum Mey, Wader, Wecker – das Konzert erschien 2003 und wurde im selben Jahr noch in erweiterter Form mit weiteren fünf Aufnahmen als limitierte Ausgabe herausgegeben.

Mey wurde in den Anfängen seiner Karriere von den Medien wohlwollend betrachtet, zunächst größtenteils positiv aufgenommen und überwiegend als "angenehmer Kontrast zur seichten Schlagermusik mit ihren niveauarmen Texten gesehen" (um 1970). Mit steigendem Erfolg wurde ihm jedoch vermehrt mangelndes politisches Engagement („Rückzugslyriker“), vorgeworfen.

Mey selbst reagierte darauf 1972 in Form des Chansons Mein achtel Lorbeerblatt. Der Refrain lautet:

Und ich bedenk’, was ein jeder zu sagen hat

Und schweig' fein, still

Und setz’ mich auf mein achtel Lorbeerblatt

Und mache, was ich will.

Rückblickend formulierte Mey mit Blick auf seine damaligen Kritiker: „Wenn man 1971 eine goldene Schallplatte bekam, war eben klar, dass man nur ein kommerzielles Schwein sein konnte.“

Nun noch einige private Fakten aus Meys Leben:

1967 heiratete er die Französin Christine, diese Ehe wurde 1976 wieder geschieden. Seit 1977 ist Mey mit seiner Frau Hella verheiratet und lebt in Berlin-Frohnau. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne und eine Tochter.

Aber auch Schattenseiten prägen sein privates Leben:

Im Mai 2014 starb Meys zweitgeborener Sohn Maximilian nach einem etwa fünf Jahre dauernden Wachkoma nach einer verschleppten Lungenentzündung und daraus resultierenden Herzrhythmusstörungen. Er wurde nur 32 Jahre alt.

Reinhard Mey ist leidenschaftlicher Hobbyflieger, seit 1973 besitzt er die Privatpilotenlizenz, sowie zudem die Berechtigung zum Kunstflug.

Er besitzt ein Haus auf Sylt in Kampen. Sein enger Bezug zur Nordsee und zur Insel Sylt spiegelt sich auch in einigen seiner Lieder wider, der Albumname Rüm Hart und der DVD-Titel Klaar Kiming ergeben gemeinsam einen nordfriesischen Sinnspruch (Rüm Hart, klaar Kiming – „Weites Herz, klarer Horizont“).

Im Jahr 2000 engagierte er sich als „Bootschafter“ für die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Der jährlich wechselnde Bootschafter stellt sich für eine Amtsperiode ehrenamtlich für Werbemaßnahmen der im Wesentlichen aus Spendengeldern finanzierten DGzRS zur Verfügung.

Und nun zu einigen Kostproben seines musikalischen Werks bis heute - die Aufzählung kann selbstverständlich jedoch nur einen Bruchteil seiner Veröffentlichungen darstellen und natürlich ist sie eine ganz persönliche:

Sommermorgen

Annabelle, ach Annabelle

Über den Wolken

Gute Nacht, Freunde

Schon vor Jahrzehnten besungen: Es gibt keine Maikäfer mehr

Keine ruhige Minute

Es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär mein Hund

Bonsoir mes amis

Mein Apfelbäumchen

Der Biker

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