Zentralmatura - eine Antwort auf die Anforderungen an Bildung?

Wer kann sich noch daran erinnern: dieses Gefühl vor der Matura, nicht zu wissen, wo man beginnen soll mit dem Lernen? Dieser Zweifel, ob man dieser Hürde gewachsen ist? Bei den Tests und Schularbeiten davor war ein Feilschen mit den Professorinnen und Professoren ja noch einigermaßen von Erfolg gekrönt und führte zumindest zu Reduktionen des Lernstoffes auf einige Kapitel, die in den letzten Wochen durchgenommen worden waren. Immer noch viel, wenn man bedenkt, dass es da ja mehrere Fächer gab, für die man zu pauken hatte. Doch für die Matura hieß es dann: alles, was bisher unterrichtet wurde, kann kommen. Aus damaliger Sicht: Wahnsinn. Unpackbar viel. Aber immerhin gab es eine Gewissheit: jene Personen, welche uns die letzten Jahre bis zu diesem Moment begleitet hatten und uns in der intensiven Vorbereitungsphase zur Seite stehen mit einem Schnelldurchlauf durch die relevantesten Bereiche des Stoffgebietes und daher unsere Schwächen und Stärken kennen sind es, die die Fragestellungen formulieren für den großen Moment. Es sollte also zu schaffen sein.

Erstaunlich, dass jene Menschen, die dieses Gefühl eigentlich kennen sollten, so an einer Zentralmatura festhalten: einem Modell, wo österreichweit dieselben Aufgaben zu lösen sind. Aufgaben, die an einem grünen Schreibtisch fern von den Betroffenen formuliert wurden. Steril wird da aus dem großen Topf der in die heranwachsende Generation laut Lehrplan hineinzutrichternden theoretischen Weisheiten geschöpft, von Trigonometrie bis hin zu philosphischen Abhandlungen aus der Antike. Gute Sache wenn man bedenkt, dass ein einheitlicher Bildungsstandard gewährleistet werden soll. Matura soll ein für alle zu gleichen Bedingungen zugänglicher Abschluss sein. Doch ist das nicht ein wenig spät gegriffen, wenn Standards erst bei der Abprüfung von Wissensinhalten so strikt umgesetzt werden? Geht das nicht ein wenig an der Realität des Unterrichts vorbei, welcher auf diesen Moment eigentlich vorbereiten soll? Denn soviel ist klar: selbst in der Nachbarklasse, in welcher derselbe Stoff durchgenommen wird, wird man erkennen können, dass einfach andere Schwerpunkte im Unterricht gelebt werden: weil Menschen am Werk sind sowohl auf Seite der Unterrichtenden, als auch der Unterrichteten. Und weil Menschen nunmal unterschiedliche Geschwindigkeiten haben, divergierende Schwerpunkte und individuelle Talente. Eigenschaften, die uns alle ausmachen und ein Miteinander nicht nur spannend, sondern auch so effektiv werden lassen.

Mit der Zentralmatura fällt der Rettungsanker, aus dem wir einst Hoffnung geschöpft haben, weg: die Professorinnen und Professoren haben keinen Einfluss mehr auf die Prüfungsfragen und -angaben, können daher nicht mehr entsprechend den gesetzten Schwerpunkten im Unterricht und den Stärken der Schülerinnen und Schüler variieren und gezielt den Endspurt der Vorbereitung unterstützen. Es ist tatsächlich damit zu rechnen, dass alle im Lehrplan enthaltene Theorie abgeprüft wird - auch jene Bereiche, die vielleicht aus diversen Gründen nur gestreift werden konnten im Unterricht.

Menschlich gesehen können einem die jungen Erwachsenen, für welche der Maturatermin in immer greifbarere Nähe rückt, leidtun. Und aus gesellschaftlicher Sicht stellt sich die Frage, ob die Zentralmatura denn wirklich die Antwort auf die in den letzten Jahren zunehmend sichtbar gewordenen Fragen zur erforderlichen Weiterentwicklung unseres Bildungssystems sein kann. Ist es nicht so, dass Diversifizierung unter besonderer Berücksichtigung der Talente des Menschen gefragt wäre? Österreich braucht ein Bildungssystem, welches den Grundstein für eine lebenslange Weiterentwicklung der persönlichen Fähigkeiten der Menschen legt und sich nicht primär darauf beschränkt, reproduzierbares Wissen zu vermitteln und abzufragen. "Nicht für die Schule - fürs Leben lernen wir" muss wieder zum klaren und sichtbaren Ausdruck unseres Verständnisses von Lernen und Schule im weitesten Sinn werden. In diese Richtung müsssen daher unsere Anstrengungen und Überlegungen für eine Schulreform laufen - nicht in eine Verteidigungsstrategie der bisher mit zahlreichen Pannen und Fragezeichnen versehenen Zentralmatura!

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Hansjuergen Gaugl

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Silvia Jelincic

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fischundfleisch

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