Qualzucht bei „Haustieren“ in Deutschland beenden! Teil 1

Sie röcheln, die Augen tränen und ihre Gelenke sind geschädigt – die Rede ist von sogenannten Qualzuchten. Viele Tierhalter denken sich nichts dabei, wenn der Mops „so niedlich schnarcht“ oder der Dackel auf seinen kurzen Beinen „lustig“ durch die Gegend wackelt. Doch die Beschwerden der Vierbeiner sind keineswegs harmlos. Irrationale Zuchtziele sowie Vorgaben von Verbänden und Preisrichtern bei Wettbewerben haben zu völlig deformierten Körpern geführt.

Der § 11b des deutschen Tierschutzgesetzes (1) verbietet es zwar, Tieren Merkmale anzuzüchten, unter denen sie leiden; der Gesetzgeber hat es aber bislang versäumt, verbindliche Richtlinien darüber festzulegen, wie diese zu definieren sind. Aus diesem Grund herrscht ein massives Vollzugsdefizit und Qualzuchten sind noch immer weit verbreitet. Um hierauf hinzuweisen und geltendes Recht durchzusetzen, hat PETA exemplarisch 22 deutsche Züchter diverser „Rassen“, die besonders unter ihrer „Defektzucht“ leiden, stellvertretend für die gesamte Heimtierzuchtbranche angezeigt. Die Tierrechtsorganisation fordert die Einführung eines Heimtierschutzgesetzes, das unter anderem rechtlich verbindlich und klar ausformuliert, welche Merkmale als der Qualzucht zugehörig gelten. Irrationale Zuchtziele sowie Vorgaben von Verbänden und Preisrichtern bei Wettbewerben haben zu völlig deformierten Körpern geführt. Die Tiere werden wie Ware produziert und über Onlineportale, Zeitungsannoncen, auf Tiermärkten oder vom „Züchter des Vertrauens“ gewinnbringend verkauft. Es existiert eine regelrechte Mode – bei fühlenden Lebewesen!

Helfen Sie mit, die Qualzucht von „Haustieren“ in Deutschland zu beenden!

Unterstützen Sie unsere Forderung nach einem Heimtierschutzgesetz und unterzeichnen Sie jetzt unsere Petition: PETA.de/Heimtierschutzgesetz.

Das Elend der „Rassetiere“

Viele der gezüchteten „Rassen“ haben mit schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Die sogenannten Rassestandards, nach deren Maßgabe die Elterntiere bei der Zucht ausgewählt werden, sind hierbei hochproblematisch. Bei Wettbewerben werden häufig nicht die gesunden Tiere prämiert, sondern jene, die den oftmals völlig irrationalen Zuchtzielen am ehesten entsprechen. Dass dabei deformierte Körper und kranke Tiere in Kauf genommen werden, ist aus tierschutz- und tiermedizinischer Sicht fatal und bedeutet für die Vierbeiner in den allermeisten Fällen lebenslanges Leiden.

1. Hunde

Mops

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Im Heimtierbereich ist der Mops mittlerweile zum Symbol für Qualzucht geworden. „Nicht süß, sondern gequält“ lautete der Titel einer Pressemitteilung der Bundestierärztekammer über das sogenannte brachyzephale Syndrom (2). Bei Möpsen führt der verkürzte Gesichtsschädel, der den Tieren aufgrund des beliebten Kindchen-Schemas angezüchtet wurde, zu ständiger Atemnot. Die Hunde sind den Anforderungen eines normalen Hundelebens schlichtweg nicht gewachsen. Selbst Spaziergänge, Spielen, Autofahren und jede Art von Aufregung können zu einer ernsthaften Gefahr werden (3). Bei Hitze oder starker Aufregung kann der Hund so sehr in Panik geraten, dass tierärztliche Hilfe nötig ist und sogar Lebensgefahr besteht. So sind manche Hunde nur nach einer erfolgreichen Operation überhaupt lebensfähig; unzählige Tiere erreichen nicht ihre normale Lebenserwartung. Durch die Oberkieferverkürzung schließt das Gebiss nicht richtig – die Tiere können nicht gut abbeißen. Die Zähne haben in den reduzierten Kiefern schlichtweg nicht ausreichend Platz. Ausgeprägte Zahnfehlstellungen, daraus resultierende Zahnschmerzen und Zahnverlust sind die Folge (4).

Französische Bulldogge

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Die Französische Bulldogge gehört wie der Mops zu den am häufigsten von der Brachyzephalie (Kurzköpfigkeit) betroffenen Hunde“rassen“. Leider bedient sich der bedenkliche Zuchtstandard auch hier einem übermäßig ausgeprägten Kindchen-Schema: große, runde Augen und eine runde, vorgewölbte Stirn mit weit auseinanderstehenden Augenhöhlen. Diese zweifelhafte Optik kann allerdings nur durch einen krankhaft verformten Schädel entstehen. Die betroffenen Tiere zeigen aufgrund der extrem verkürzten Nase und des deutlich zu kurzen Oberkiefers Atembeschwerden bis hin zu Atemnot. Viele Hunde machen Geräusche beim Atmen. Dies reicht vom Schnarchen in der Nacht bis hin zum permanenten Röcheln. Grund dafür sind viel zu enge Nasenlöcher und -gänge, ein viel zu langer weicher Gaumen bzw. ein weiches Knorpelgerüst des Kehlkopfes. Fakt ist: Die Herauszüchtung extremer Merkmale führt zu erheblichen Leiden und Qualen bei den Tieren (5). Sie hecheln aufgrund einer gestörten Temperaturregulation mitunter bereits bei geringsten Belastungen. Im Sommer besteht schnell die Gefahr eines Hitzeschlags. Alltägliche Belastungen können auch bei moderaten Temperaturen zu einem Kollaps aufgrund von Sauerstoffmangel führen.

Aufgrund der deutlich zu flachen Augenhöhlen quellen die Augäpfel beim Mops und der Französischen Bulldogge hervor (Exophthalmus). Schlimmstenfalls können die Augen komplett vorfallen (6) – ein sehr schmerzhaftes Symptom, bei dem die Tiere völlig blind werden können. Doch auch ein vermeintlich niedlich aussehendes Schielen bedeutet, dass der Hund niemals richtig sieht.

Englische Bulldogge

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Fatal: Forscher konnten in einer Studie zeigen, dass die Genetik – also die jahrzehntelange Inzucht der Tiere – die Englische Bulldogge krank gemacht hat. Die Wissenschaftler schätzen, dass alle reinrassigen Englischen Bulldoggen von nur 68 Individuen abstammen (7). Englische Bulldoggen leiden – wie Mops und Französische Bulldogge unter ihrer extremen Kurzköpfigkeit. Viele Hunde können ihre Nahrung nicht richtig aufnehmen, da der Zahnschluss durch einen ausgeprägten Vorbiss nur eine ungenügende Gebissfunktion ermöglicht (8). Sie können sich nicht richtig pflegen oder sich um ihre Welpen kümmern, die zumeist mittels Sectio (Kaiserschnitt) auf die Welt gebracht werden müssen. Die Hundebabys passen schlichtweg nicht durch den Geburtskanal. Eine Studie von 2010 zeigte, dass über 80 Prozent der Welpen per Kaiserschnitt geboren werden müssen (9). Vor allem die Englische Bulldogge sowie der Mops leiden zusätzlich unter der sogenannten Hüftgelenksdysplasie. Dies ist eine genetisch bedingte Fehlentwickung des Hüftgelenks, die für die betroffenen Tiere eine zunehmende Bewegungseinschränkung und starke Schmerzen bedeutet. Der Oberschenkelkopf und die Hüftpfanne passen nicht ordnungsgemäß zusammen. Bis zu 70 Prozent der Hunde sind betroffen (10). Bei den Französischen Bulldoggen sind es etwa 30 Prozent.

Deutscher Schäferhund

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Dem ursprünglich als „Hütehund“ eingesetzten Deutschen Schäferhund wurde ein derart stark abfallender Rücken „angezüchtet“, dass einige Tiere kaum mehr laufen können. Heute zeigen Hunde dieser „Rasse“ im Unterschied zu der ursprünglich geraden eine „deformierte Hinterhand mit stark abschüssiger Rückenlinie“ (11). Zudem leiden viele Tiere unter der weiter oben bereits beschriebenen genetisch bedingten Hüftgelenksdysplasie. Infolgedessen kommt es mit zunehmendem Alter zu sogenannten Coxarthrosen. Dies sind schmerzhafte krankhafte Umbauprozesse des Hüftgelenkes: Schäden am Gelenkknorpel, Überbelastung der Gelenkkapsel, der Bänder und Sehnen sind die Folge. Die Tiere leiden teils erheblich, da ein Leben ohne permanente Schmerzen für sie schlichtweg nicht möglich ist. Viele Hunde versuchen, das schmerzhafte Gelenk zu entlasten, wodurch es zur Mehrbelastung der anderen Seite, aber auch der Wirbelsäule und der Gelenke der Vordergliedmaßen kommen kann (12). Etwa jeder fünfte Deutsche Schäferhund ist betroffen (13). Die Erkrankung ist nicht heilbar. Je nach Schweregrad kann nicht einmal eine dauerhafte Schmerztherapie Linderung verschaffen. Dann sind operative Eingriffe notwendig. Die Lebensqualität der betroffenen Tiere ist häufig erheblich verringert. Die Tiere wollen auf Spaziergängen nicht mehr weit laufen, zeigen Lahmheiten oder einen instabilen, teils rudernden Gang. Einige Tiere haben erhebliche Probleme beim Aufstehen, setzen sich häufiger hin oder vermeiden es, mit Artgenossen zu spielen. Eine britische Studie, bei der die Daten von etwa 12.000 Deutschen Schäferhunden ausgewertet wurden, kam 2017 zu dem Ergebnis, dass 63,43 Prozent der Hunde an mindestens einer Erkrankung litten. Die am häufigsten auftretenden Todesursachen waren Muskel-Skelett-Erkrankungen (16,3 Prozent) und die Unfähigkeit zu stehen (14,9 Prozent) (31).

Teckel (Dackel)

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Der Teckel gehört zu den sogenannten chondrodysplastischen „Rassen“ und neigt zu frühzeitigen Fehlbildungen im Bereich der Zwischenwirbelscheiben (14). Die Chondrodysplasie ist eine genetisch bedingte Störung der Knorpel- und nachfolgend auch der Knochenentwicklung. Erkennbar ist diese Erkrankung an den verkürzten Extremitäten und einer Fehlstellung der Beine. Es kommt zu einem vorzeitigen Wachstumsstillstand, dem sogenannten Zwergwuchs (15). Dem Teckel wurden zunehmend kurze Beine und ein besonders langer Rücken „angezüchtet“ – eine fragwürdige Optik. Die Folge sind deutlich häufiger auftretende Bandscheibenvorfälle. Je nach Lokalisation, Grad und Ausmaß des Vorfalls führt dies zu unterschiedlichen Symptomen. Starke plötzliche Schmerzen im Hals oder im Rücken, erhöhte Berührungsempfindlichkeit und Lähmungserscheinungen der Vorder- und/oder Hinterbeine sind sehr häufige Anzeichen eines Bandscheibenvorfalls. Man spricht daher auch von der „Dackellähme“. Betroffene Hunde wollen oder können sich nicht bewegen. Tiere, die noch in der Lage sind, sich zu bewegen, zeigen häufig einen schwankenden Gang. Bei besonders schwerwiegenden Fällen kann es zudem zu Komplikationen und Störungen der Blasenentleerung und des Kotabsatzes kommen. Hunde mit „Dackellähme“ leiden unter starkene Schmerzen. Einige Tiere können nie wieder selbstständig laufen, denn nicht immer hilft eine Operation.

Quellen:

(1) Tierschutzgesetz. Online unter: https://www.gesetze-im-internet.de/tierschg/BJNR012770972.html. (26.07.2017).

(2) Bundestierärztekammer e.V. (2016): Pressemeldung: Nicht süß, sondern gequält. Online unter: http://www.bundestieraerztekammer.de/index_btk_presse_details.php?X=20161020111734. (27.07.2017).

(3) Tierklinik Hofheim (ohne Datum): Informationen zum Brachycephalen Syndrom bei Hund und Katze. Online unter: http://www.tierklinik-hofheim.de/fileadmin/user_upload/Brachycephalen_Hund_Katze.pdf. (27.07.2017).

(4) Schmidt, M. (2015): Vortrag 27. Deutscher Tierärztetag, AK 1: Brachyzephalie bei Hund und Katze – mehr als nur ein Atemproblem.

(5) Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (2014): Merkblatt Nr. 141. Qualzucht beim Hund.

(6) Eberhard, F. (2016): Falsche Schönheitsideale machen Tieren das Leben schwer: Ein Experte aus dem Unterallgäu klärt auf. Online unter: http://www.all-in.de/nachrichten/rundschau/Falsche-Schoenheitsideale-machen-Tieren-das-Leben-schwer-Ein-Experte-aus-dem-Unterallgaeu-klaert-auf;art2757,2364317. (27.07.2017).

(7) Röhl, D. (2016): Qualzucht: Englische Bulldoggen sollen von nur 68 Tieren abstammen. http://www.veganblog.de/haustiere/qualzucht-englische-bulldoggen/. (27.07.2017).

(8) Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (2005): Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes. Online unter: http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Tier/Tierschutz/GutachtenLeitlinien/Qualzucht.pdf;jsessionid=339958B78271DD34CA7D42C38429D099.2_cid367?__blob=publicationFile. (27.07.2017).

(9) Evans, K. & Adams, V. (2010): Proportion of litters of purebred dogs born by caesarean section. The Journal of small animal practice, 51(2). Online unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20136998. (27.07.2017).

(10) Orthopedic Foundation for Animals (ohne Datum): Hip Dysplasia Statistics. Online unter: http://www.offa.org/stats_hip.html. (27.07.2017). (11) Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (2014): Merkblatt Nr. 141. Qualzucht beim Hund.

(12) Tierarztpraxis Gut Windeby (ohne Datum):. Die Hüftgelenksdysplasie (sog HD). Online unter: https://www.tierarztpraxis-windeby.de/hueftgelenksdysplasie/. (27.07.2017).

(13) Orthopedic Foundation for Animals (ohne Datum): Hip Dysplasia Statistics. Online unter: http://www.offa.org/stats_hip.html. (27.07.2017).

(14) King, A. S. (1956): The anatomy of disc protrusion in the dog. Vet. Rec. 68, 939-944. / Verheyen, J. u. J. Bouw (1982): Canine intervertebral disc disease. Vet. quart. 4, 125-134.

(15) Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (2005): Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes. Online unter:

http://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Tier/Tierschutz/GutachtenLeitlinien/Qualzucht.pdf;jsessionid=339958B78271DD34CA7D42C38429D099.2_cid367?__blob=publicationFile. (31.07.2017).

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Sophia M.

Sophia M. bewertete diesen Eintrag 12.08.2017 14:30:59

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