Eines Nachmittags im Sommer war ich unten in der Vorstadt einkaufen. Manchmal zelebriere ich das, kaufe mir zwischendurch einen "Coffee to go" und setze mich mit dem Pappbecher auf eine Bank, um das geschäftige Treiben zu beobachten. Das entspannt. Ich glaube, dass zu diesem Zweck jemand die Schanigärten erfand. Einen ähnlichen Effekt erzielt man, wenn man vor einem Aquarium sitzt und die Fische beobachtet.

So saß ich denn da und sah inmitten einer Schar von Tauben, die vor einer Bäckerei Krümel suchten, eine Taube, die sich fortwährend im Kreis drehte. Sie konnte nicht aufhören damit. Armes Tier! Warum drehte es sich ständig im Kreis? War es betrunken? War es von einem Auto angefahren worden und hatte nun Gleichgewichtsprobleme? Wie konnte ich der Taube helfen? In diesem Zustand würde sie bald ein Auto erwischen. Dann kann ihr keiner mehr helfen.

Ich musste die Taube mitnehmen! Aber wie? Was würden die Passanten denken, wenn ich eine Taube von der Straße klaube, noch schlimmer: Wenn ich der Stadt Wien eine Taube klaue? Streunende Tiere stehen im Besitz der Gemeinde, in der sie streunen. Wiens Tauben gehören Wien. Die Stadtverwaltung müsste sich um ihre "schwindligen" Tauben kümmern.

Da kann man aber lange warten! Also ging ich zum Auto und holte Einweghandschuhe. Stadttauben tragen viele Krankheitskeime, haben aber wie alle Vögel auch ein exzellentes Immunsystem.

Ich trat hin zu der rotierenden Taube und hob sie sanft hoch. Sie wehrte sich nicht. Sie ließ es sich gefallen. Kein Flügelflattern, kein aufgeregtes Gurren. Keine Drehversuche mehr. Nur stoische Gelassenheit.

Der leere Bananenkarton im Kofferraum fand endlich seine Bestimmung. Ich setzte die Taube hinein und fuhr mit ihr hinauf und nach Hause. In meiner Sorge um das Tier fragte ich mich nicht, ob seine "Sensoren" den Weg aufzeichnen würden. Wie würde es zurückfinden? Ich entführte es doch gerade aus seinem Revier, seiner Heimat?!

Zu Hause gab ich der Taube Wasser und eine Semmel in den Karton und schloss den Deckel, der oben halb geöffnet war. Sie würde genügend Sauerstoff bekommen.

Vor dem Schlafengehen kontrollierte ich die Situation. Die Taube saß ruhig in einer Ecke des Kartons und guckte mich nur an. Würde sie es schaffen?

Ich wünschte der Kleinen eine gute Nacht und ging schlafen.

Die halbe Nacht dachte ich an die Taube im Kofferraum des Autos und kam mir ein wenig abscheulich vor, weil ich sie dort eingesperrt hatte.

Gleich am frühen Morgen, zur Frühstücksstunde der Waldvögel, ging ich zum Auto und öffnete den Kofferraum. Ich öffnete den Karton und sah, dass die halbe Semmel gegessen worden war. Auch Wasser fehlte. Als ich dies feststellte, regte sich die Taube, trippelte durch den Karton, hopste auf dessen Rand und dann geschah es: Sie öffnete weit ihre Flügel, gleichsam wie Adlerschwingen, hob majestätisch aus dem Kofferraum ab, flog hoch hinauf und wendete nach links. Sie schwebte nicht nur wie ein König der Lüfte davon, sie kannte auch ihren Weg zurück. Ihr leichter Linksbogen im Flug ließ mich ahnen, dass sie zurück zu ihren Artgenossen flog. Sie war wieder gesund.

Das war eines der schönsten Erlebnisse meines Lebens, schöner als der höchste Lottogewinn.

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