Día de los Muertos – und alle Toten feiern heut.

Erst kommt der Schock, dann die Wut, dann die Trauer. Seit mein Vater im April dieses Jahres verstorben ist, hat sich mein Leben von Grund auf geändert. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an ihn denke, es gibt keinen Tag, an dem mich nicht – auch wenn es manchmal nur ein paar Minuten sind – ein Gefühl der Leere übermann. Der absoluten Leere. Als würde mir der unsichtbare Vacuum Cleaner des Todes jedes Gefühl der Freude und der Hoffnung aus dem Leib ziehen. Manchmal heule ich, das befreit, und dann schlafe ich ein. Manchmal becher ich mich weg. Manchmal werde ich stinksauer. Alles besser als diese Leere. Da ist es unerheblich, dass mein Vater einen sogenannten „guten“ Tod hatte. Schnell und in Frieden mit sich und seiner Familie. Unser letztes Weihnachtsfest zum Beispiel war wunderschön. Mama, Papa, mein damals noch neuer Freund – es war so lustig und friedlich und unaufgeregt. Beim Gedanken an dieses Jahr wird mir übel.

Aber eins ist mir klar:

Die einzige Art und Weise wie man mit dem Tod eines geliebten Menschen fertig wird ist .... damit fertig zu werden. Die Veränderung muss gelebt werden, es hat keinen Sinn, sich dagegen zu wehren.

Und weil mein Vater nun mal eben tot ist, also zumindest sein Körper, bekommen neue Feiertage plötzlich Bedeutung: die Katholiken nennen sie Allerheiligen/Allerseelen. Man besucht und pflegt die Gräber, ein Seelenlicht wird aufgestellt. Auch der Gedanke an den eigenen Tod wird im Gottesdienst thematisiert ("Memento mori";): Kein Grund zur Frucht, sondern zur Hoffnung, sagt dann der Geistliche – im Mittelalter allerdings nannte man Allerseelen noch "dies irae" ("Tag des Zornes";). Ich kann nachvollziehen, warum.

Die weniger Katholischen feiern etwas früher – am 31. Oktober – an Samhain, besser bekannt als Halloween, der Vorabend zu Allerheilgen. Samhain ist nichts anderes als das keltische Silvester. Ein freier Raum zwischen dem Alten und dem Neuen. Man glaubt, dass die Wände zwischen den Welten werden besonders dünn  werden. Durchlässig quasi. Eine Nacht, in denen die Jenseitigen die Menschenwelt besuchen und andererseits die Menschen mit Hilfe von Rausch, Trance oder Ekstase leichter mit der sogenannten "Anderswelt" verkehren können.

Ich glaube an diese Anderswelt. Jeder, der nur ein Mal Erfahrung mit dem Thema Schlafparalyse gemacht hat, weiß, dass es sie gibt. Aber dazu ein anderes Mal.

Denn: Allerseelen hin, Halloween her: Ich habe beschlossen, dieses Jahr zum Novemberanfang den „Día de los Muertos“ zu zelebrieren. Nicht nur auf Grund meiner großen Liebe zu Mexico, sondern wegen meiner großen Liebe zum Leben, ein Leben, das untrennbar mit dem Tod verbunden ist.  Innerhalb dieser Feierlichkeiten nimmt die Nacht vom 1. auf den 2. November eine besondere Stellung ein: Die Verstorbenen kehren zunächst in die Häuser der Angehörigen ein. Anschließend feiern Familien und Freunde auf dem Friedhof den Abschied der Totenbesuche bei Essen, Trinken, Musik und Tanz. Farbenprächtige Altäre werden aufgestellt und mit Beigaben verziert, welche die vier grundlegenden Elemente der Natur darstellen: Früchte symbolisieren das Element Erde und verwöhnen die Seelen mit ihrem süßen Aroma. Scherenschnittbilder aus Seidenpapier stellen den Wind dar und Gefäße gefüllt mit Wasser stillen den Durst der Seelen nach ihrem Weg aus dem Jenseits. Kerzen und Grablichter leuchten als Feuer-Element den Weg. Danach sollen die toten Nächte lang in die Träume der Lebenden eindringen. So sehen sie das Erlebte, die Wünsche und Sorgen ihrer Lieben. Man knabbert an Zucker-Totenköpfen und trinkt Tequila. Riten aus alten Naturglauben vermischen sich mit solchen des Christentums. Verknappt: Es herrscht Fröhlichkeit statt Trauer.

Diese Idee gefällt mir. Sie gibt mir mehr Hoffnung als der Gedanke an eine etwaige Auferstehung oder an einen nicht fassbaren Himmel. Die Tradition des Día de los Muertos hilft mir  auch, mich mit der Idee zu versöhnen, dass Leben und Sterben miteinander verbunden sind. Ich freue mich auf den Besuch meines alten Herren. Viva Papa!

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