Aus meinem Reha Tagebuch

Der blöde Schmerz hört nicht auf. Der quält mich schon seit bald einem Jahr. In der Fußwölbung, im Schienbein und in der linken Arschbacke pulsiert es jede Nacht. Nix hilft. Jetzt haben die von der SVA gesagt, ich soll eine Reha machen. Dauert drei bis vier Wochen – keine große Sache. Ja, das sagen die. Ich bin in heller Aufregung. Ich bin seit über 32 Jahren verheiratet. Seit ich 18 war, ist das so: Ich kann nur schlafen, wenn rechts neben mir meine Frau, und zwischen uns der Hund liegt. Eine Ausnahme mache ich bei Flugreisen an denen das Hündchen nicht teilnehmen kann. Da reicht mir meine Frau.

Ich mag Veränderungen an sich nicht. Wozu an Bewährtem herumschustern? Ja, ja. Wegen dem neuen Horizont und den Erfahrungen. Geschenkt. Das brauch ich nicht. Ich fürchte jetzt, dass ich mich davon für eine Weile verabschieden muss. Ich wurde bereits über Ort und Datum informiert. Ich muss nach Baden bei Wien.

Als der Termin näher rückt, bin ich ein Schatten meiner selbst. Es ist noch schlimmer als vor Urlaubsreisen. Darauf freu ich mich wenigstens bis zur Buchung. In der Sekunde, in der ich auf „Bestätigen“ geklickt hab, könnt ich mich regelmäßig ohrfeigen: Trottl! Das hast jetzt wieder gebraucht. Ruhe und Frieden hättest daheim gehabt. Jetzt gibt’s Brechdurchfall und Flugverspätungen. Und Deutsche die um 6 Uhr die Liegen reservieren. Und ich werd zuschauen weil ich, wie immer, um fünfe wach bin, das aber aus Prinzip nicht mache; obwohl ich der Erste wäre.

Das was da kommt, wird aber womöglich noch schlimmer. REHA. Was soll`n das überhaupt sein. Das haben doch immer die Tausendjährigen gemacht, etwa zu der Zeit als sie ihren Führerschein zurücklegen wollten, weil das langsam zu gefährlich wird. Gemacht haben`s das eh nie. Und jetzt soll ich…. Na gut, vielleicht nützt es ja was. Ich glaub zwar nicht, aber bitte.

Letzte Nacht in der Heimat. Ich rotiere im Bett wie ein Brummkreisel. Der Willi – das Hündchen – ist schon ganz verwirrt. Ich verzweifle an dem kommenden Verrat. Der Hund verlässt sich auf mich. Er weint ja schon, wenn ich nur um Semmeln fahre. Er versteht ja nicht, das ich keine Wahl habe…..und wahrscheinlich eh wieder nach Hause komme. So schaukle ich die Situation auf. Meine Frau ist genervt, Willi und ich den Tränen nahe. Die Herzlose behauptet, dass die Sache dem Willi einerlei wäre, wenn ich selber nicht so am Rad drehen würde. Und ich hätte ihn ohnehin systematisch zu einer Memme gemacht. Ehrlich jetzt, ich brauch das überhaupt nicht, wenn mir einer so schonungslos die unbestreitbare Wahrheit sagt. Nun gut, auch die schlimmste Nacht geht vorbei und wird von einem trostlosen Morgen abgelöst. Gepackt habe ich schon vor etwa einer Woche. Aber heimlich, damit der Hund nicht traurig wird. Den Koffer hab ich bis eben schon neunzehn Mal auf und wieder zu gemacht. Ich war mir nie sicher, ob ich die Zahnbürste, den Rasierer und die Socken eingepackt hab. Oft hab ich aufgemacht, kontrolliert, halbgeschlossen und gleich wieder aufgerissen. Die Socken lachten mich höhnisch an. Blöde Socken! Ich bin mir nicht sicher ob ich bei Ringel oder Watzlawick Analysen dieses Verhaltensmusters gelesen habe.

Jetzt wird es ernst. Ich mache mich startbereit. „Claudia, lenk den Willi ab, damit er nicht sieht, dass ich gehe.“ Ich reisse die Wohnungstür auf und stürze mich über das Stiegenhaus in die Garage. Die genaue Route habe ich ausgekundschaftet – vor Wochen schon. Vom Wilhelminenberg will der google unbedingt über die Südautobahn nach Baden. Das halt ich nicht aus. Ich hab irgendwann begonnen diese Autobahn abzulehnen. Auch den Weg dorthin. Die Gründe wären für diejenigen, die nicht in meinem Kopf wohnen, nicht nachvollziehbar. Ich erspare mir also den Versuch der Erklärung. Süd kommt nicht in Frage. Ich zwinge google auf die sympathische Westautobahn, fahre bei Pressbaum ab und komme über den kleinen Semmering, Hochrotherd, Sulz und Sittendorf nach Baden. Fahren muss meine Frau, ich bin dazu nicht in der Lage. Eigentlich fahre sonst ich. Immer. Werde nie verstehen, wie Männer im Auto neben ihren Frauen auf dem Todessitz Platz nehmen können. Jetzt wird es mir klarer: Die sind auf dem Weg zur Reha.

Ok, wir sind gleich da. Ich hab mir die Page im Netz angesehen, die Gegend via Sattelitenansicht ausgekundschaftet und fühle mich informiert. Nicht ausreichend zwar, aber das ist ja immer so. Ich rechne damit, dass man sich als einladendes Thermenhotel tarnt. Nicht, dass die mich je täuschen könnten, aber sie sollen es doch versuchen. Bitte, bitte!

Jetzt taucht das vor uns auf. Ich versinke im Sitz. Das tut ja nicht mal so. Das schaut aus wie ein Spital! Ich verliere gleich die Fassung. Meine Frau hat mich wohl aus dem Augenwinkel beobachtet: „Ist doch gar nicht so schlimm.“ Nicht so schlimm, nicht so schlimm!“ kreische ich. „Das ist ärger als schlimm. Das ist schlimmschlimm; das halt ich nicht durch!“

Sie lässt mich auf dem Vorplatz aussteigen. Das ist so eine Umkehr. Ich vermute für Feuerwehr und Leichenwagen. Diesen Ort des Schreckens hat doch sicher schon der eine oder andere mit den Füßen voraus verlassen. Solche und schlimmere Überlegungen treiben wie verirrte Gedankenfetzen durch mein armes, überfordertes Gehirn. Und das alles, noch bevor ich einen Schritt da rein gemacht habe. Wir verabschieden uns vor der Türe. Ich drücke meine Frau, sie drückt mich, ich spüre den Knödel im Hals und sag: „Fahr jetzt. Pass gut auf den Willi und die Kinder auf.“ Immer wenn ich etwas Schreckliches erwarte, versuche ich alleine zu sein. Ich muss dann nur auf mich aufpassen.

Ich gehe durch die automatisch aufschwingende Tür. Alter Schwede. Da riecht es ja wie im Spital. Reinigungsmittel, Siechtum und Tod. Allerdings ist spätestens ab hier meinen Sinnen nicht so ohne weiteres zu trauen. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Der Mann hinter dem Pult ist wenigstens freundlich. Er begrüßt mich und gibt mir die Zimmerkarte und einen Terminplan. Super, ich hab schon Termine. Das brauch ich.

Ich suche also mein Zimmer. Gleich beim Eingang des Gebäudes ist etwas, das sich den Anschein eines gemütlichen Cafes geben will. Wen wollt ihr jetzt verarschen? Auf der anderen Seite, hinter einer Glaswand, ein großer Speisesaal. Ich hasse so was. Wenn wir essen gehen dann dorthin, wo es möglichst Nischen gibt. Vorzugsweise Ecknischen. Ich setz mich dann so, dass ich die Leute im Rücken und das Eck im Blick habe. Dann kann ich so tun als wären die nicht da – die Leute. Außer einer redet laut Blödsinn. Dann funktioniert das nicht. Leider gibt es so einen Dummschwätzer immer. Es könnte aber auch sein, dass meine Sinne so hypersensibel sind, dass ich einfach alles mitbekomme. Egal, aber vor diesem Hintergrund schaue ich jetzt fassungslos in den Saal, der sicher einigen hundert Leuten Platz bietet. Ecknischen gibt’s da keine. Das sehe ich auf den ersten Blick.

Mein Zimmer ist im ersten Stock. Ich werd die Stufen hinauf in den nächsten Wochen noch oft raufsteigen. Vor dem Treppenabsatz an dem der Gang zu meinem Zimmer beginnt, werde ich die durch das Glas der Türe verzerrte Holzleiste sehen. Die ist in etwa 30 cm Höhe angebracht. Vermutlich soll sie Kratzer durch Rollstühle verhindern. Links abgebogen auf der linken Seite. Mein Zimmer. Ich trete ein und will mich gleich beim Balkon runterstürzen. Da steht ein Spitalsbett drinnen. Vollverkabelt, mit ausfahrbarem Gitter und Ruftaste für die Schwester. Ist es schon so weit? Sieht so das Ende aus. Ein Gitterbett in Baden? Ich bekomme Schweißausbrüche in Serie. Heiß ist es da. Heiß, heiß, heiß. Ha, da ist der Regler für die Klimaanlage. Ich drehe den Regler auf volle Stärke – ich habs nicht so mit moderaten Zwischenstufen – und es passiert…..nichts. Leute, wollt ihr mich hier brechen? Mir rinnt der Schweiß zwischen den Schulterblättern runter. Panisch studiere ich die Betriebsanleitung. Das ist keine Klimaanlage sondern etwas, mit dem man leicht oder fast leicht lüften kann. Das darf nicht wahr sein. Wahrscheinlich fürchten die, dass mir alles unter 30 Grad eine Lungenentzündung verpassen könnte und ich ein unschöner Fall für die Reha Statistik würde. Ich setzte mich auf das Bett und stütze den Kopf in die Hände. Ogottogottogott. Was für ein Albtraum. Mir ist leicht übel. Ich suche den Lichtschalter für Bad und Klo. Auch hier: Vollausstattung für den welkenden Menschen. Rote Notrufleine in der Dusche, Alarmknopf und Haltegriff neben dem Klo. Wenn ich jetzt speiben müsste, könnte ich das fast im Stehen. So hoch ist die Muschel. Ich tut das aber nicht sondern betrachte mich im Spiegel. Ein erbärmlicher Anblick. Ich schaue aus als hätte ich an einem Todesmarsch durch den philippinischen Dschungel teilgenommen. Augen die einen Ausdruck von verzweifeltem Wahnsinn über dunkle Ringe drapieren. Nein, ich darf mich nicht so fallen lassen. Ich bin Ehemann, Vater und Willis bester Freund. Ich richte mich auf und straffe die Schultern. Scheiße, wem will ich was vormachen? Ich bin ein Eier, sonst nix, gestehe ich mir ein und sinke wieder in mich zusammen.

Gleich muss ich essen gehen – in den Saal. Anwesenheitspflicht! Wie mach ich das? Ich kann unter fremden Menschen, wenn ich mich nicht wohl fühle, kaum essen. Das war schon in der Schule so. Das Extrawurstsemmerl in der Klasse – ich hab die gehasst, die Klasse – runter zu würgen, war eine tägliche Herausforderung. Für mich wäre es nur unwesentlich schwieriger gewesen, das Gegenteil im Stoffwechselzyklus, in Gemeinschaft meiner Klassenkammeraden, auf einem Balken sitzend zu erledigen. Und jetzt der Speisesaal. Ich zieh mir strategisch ein körperbetontes T-Shirt an. Das ist allerdings eine fragwürdige Strategie. Einerseits kommt dir keiner deppat, andererseits gehst du aber nicht in der Masse unter. Also ohne einen auf dicke Hose zu machen, es ist nur zur Erklärung wichtig, ich hab dort bei so einer Körpervermessung erfahren, dass ich 15 kg mehr Muskelmasse habe als ein 50 jähriger im Schnitt haben sollte. Ein wehrloser Blender sozusagen. Jedenfalls geh ich dort rein – habe ich erwähnt, dass ich bereits drei Xanor in der Birne habe? – und finde mich wieder in einer Armee von Tausendjährigen. Jemand erkennt mich als orientierungslos und führt mich zu einem sechser Tisch. Ich nicke freundlich aber zurückhaltend und tu so, als ob ich ein alter Hase in Sachen Reha, Siechtum und Speisesaal wäre. Ich glaub, die haben das gekauft. Die haben nicht gemerkt, dass die Situation für mich nicht weniger absurd ist, als wenn ich beim Opernball aus der Präsidentenloge pischen würde. Die hab ich ganz schön dran gekriegt. Auf dem Tisch steht ein Krug Wasser. Ich mag kein Wasser. Ich will ein Krügerl; oder zwei. Alleine, es fragt mich keiner danach. Vor mir steht ein kleines Schild: Kürbisgulasch mit Paprika 381 kcal.

Was dann kommt schmeckt genau so, als hätte es 381 kcal. Meine Frau kocht so ein gutes Rindsgulasch. Aber das hat sicher keine 381 kcal. Ab morgen kann ich mir meine Mahlzeiten aus einer Liste aussuchen. Die haben oft tolle Namen wie „Curryfisch mit Belugalinsenreis“. Manchmal soll „Nussbroterl“ auf etwas Deftiges hinweisen. Reine Verarsche. Es schmeckt alles nach 381 kcal. Die Portionen sind maximal halb so groß wie das, was ich gewöhnt bin. Und der Nährwert wird bei einem Viertel davon liegen. Aber gut, wenn ich bissl was abnehme, wird mir das nicht schaden. Ich starte mit etwa 99 kg. Für den Verlauf der Mahlzeit blende ich, auf ziemlich autistische Weise, die Tischgenossen aus. Später bemerke ich, dass ich drei von ihnen sehr gerne mag. Da gibt es den Charles, den lustigen Künstler. Er macht Statuen, Videokunst und so Performances – heißt das so? – wo er minutenlang, mit einer biegsamen Stange in der Hand im Licht bunter Strahler tanzt. Weit weg von mir das Ganze, aber ich find es, so wie er das präsentiert, sympathisch. Er ist so um die 70. Links vis a vis sitzt der Florian aus Möderbrug. Ich will ihn abbusseln. Das ist neben Pusterwald, wo ich so gern urlaube. Er ist ein knorriger Bursche mit abgearbeiteten Händen. Er spricht ein breites Steirisch und ich muss höllisch aufpassen um ihn zu verstehen. Er ist auch etwas schwerhörig. Diskrete Unterhaltungen sind daher kaum möglich. Am Abend, werde ich erfahren, gibt es meist irgendwelche Veranstaltungen. Wenn eine Tanzerei angekündigt ist, ist er schon beim Frühstück aufgeregt. Er ist etwas schüchtern und fragt mich, mit ganz roten Wangerln, ob ich nicht auch kommen mag. Ich tu das nie, weil ich dafür zu eigen bin. Ich hab aber gesehen, dass er sich dafür ganz fesch macht. Er hat so einen Janker aus Rauleder an und trägt dazu eine knallrote Krawatte. Ich stehe so auf diese graden, erdigen, einfachen Menschen.

Neben ihm sitzt eine Frau, eigentlich eher eine Dame. Dunkles Haar, kluge Augen. Ich glaube etwas über 70 Jahre alt. Sie ist zurückhaltend und mustert mich prüfend. Wir werden uns wirklich gerne mögen. Ich glaub sie adoptiert mich für die gemeinsame Zeit ein wenig als „Reha-Kind“. Sie sagt mir später, dass mein Auftreten sie zunächst etwas verunsichert hat. Ich werde ihr dann erklären, dass ich, wie die ungiftigen Tiere, mir eine Art Tarnfarbe zugelegt habe, um die allgegenwärtigen Hyänen abzuschrecken. Sie lacht und denkt sich ihren Teil. Eine gscheite Frau. Wir finden Parallelen. Auch sie hat ihren Mann mit 14 kennen gelernt. Sie liebt ihn noch immer und er fehlt ihr. Diesmal verstehe ich.

Jetzt weiß ich das alles aber noch nicht und schau, dass ich wieder aufs Zimmer komme.

In einer Stunde hab ich das Aufnahmegespräch. Ich hab mich gewissenhaft vorbereitet und vermute daher, dass die jetzt ans Eingemachte wollen: an mein Blut. Ich habe Angst vor Nadeln. Wahnsinnige, unbeschreibliche Angst. Wenn ich mir`s so überlege, dann hab ich fast jeden denkbaren Vogel. Nur Angst vor Spinnen und den Drang unkontrolliert „Scheisse, Scheisse, Arsch“ zu schreien hab ich nicht. Sonst: alles da. Ich steuere also das Ärztezentrum an und erwarte Böses. Der Arzt ist aber ein netter Bursch. Freundlich, eher still. Kein Unsympathler. Ich erkläre ihm meine Beschwerden, er schreibt alles auf. Ich habs fast geschafft und über`s Blut haben wir nicht gesprochen. „Ah ja“ sagt er, „Blutbefund gibt es einen aktuellen?“. Ich bin vorbereitet, habe eine Strategie. Ich reisse den uralten Befund aus der Mappe und verdecke mit dem Daumen das Datum. Ich denk mir, ich zeig den her wie den Pass an der deutschen Grenze. Schaut sich eh keiner an. Scheisse, er schon. „Na der ist aber nicht ganz frisch. Müss ma einen neuen machen.“ Und dann legt er nach: „Aber wie ich Sie einschätze, macht Ihnen das eh nichts.“ Ehrlich, das hat er gesagt. Zwei Möglichkeiten: Entweder ging der Bluff nach hinten los und der hat wirklich geglaubt ich sei ein Härtling, der sich den brandigen Fuß zur Not mit dem Schweizermesser abnimmt, oder der kennt seine Pappenheimer und weiß, dass die Aufgeblasenen meistens die größten Hosenscheißer sind. Ich flehe: „Na na, so ist das nicht. Ich bin schon mal bewusstlos geworden. Ich mag das gar nicht. Das Nadelding.“ Hilft alles nichts. Ich hab am nächsten Tag um 8:30 Uhr einen Termin zur Blutabnahme. „Ich pass schon auf Sie auf. Wenn es Ihnen peinlich ist, vor den Anderen, dann sagen Sie mir dass wir darüber gesprochen haben. Damit ich`s nicht vergesse.“ – das gibt mir der Doktor mit auf den Weg.

Die Nacht ist die Hölle. Es ist heiß wie in einem Affenstall. Wenn ich das Fenster auf mache glaube ich, die Autos fahren mir über den Bauch. Wieso ist in dem Dorf so viel los? Das Bett ist schmal und hart und die Blutabnahme mal ich mir in schrecklichen Bildern aus. In einer Endlosschleife. Ich schlafe keine drei Stunden. Gerädert stehe ich gegen sechs auf. Ich mach mich fertig, schreibe an Frau, Kind und Hund, und geh eine Runde spazieren. Dann ist es so weit. „Pflegestützpunkt“ da muss ich hin. Mir kommen schon Leute entgegen die so ein Fetzerl in die Armbeuge drücken. Oida, Oida, mir geht die Muffe. Eine junge Frau ruft mich gleich rein. Der Arzt von gestern drückt grad einer Patientin die Nadel rein – der ist vergeben. „Ist das der Herr“ fragt meine Begleiterin? Der Arzt schaut kurz auf „Ja, ja. Das ist der.“ Ich überlege kurz, was der ihr wohl gesagt haben mag. Egal. Keine Zeit für Eitelkeiten. Sie führt mich hinter einen Paravent. Werden hinter sowas nicht Sterbende verborgen? Dahinter steht eine Liege. Da soll ich mich drauf legen und entspannen. Pfff, lustig. Ich bin entspannt wie ein Eiszapfen der bei minus 20 an der Dachrinne hängt – also nicht sehr. Sie bindet meinen Arm ab, ich mach eine Faust und bin einer Ohnmacht nah. Dann sticht sie zu! Ich beginne zu hyperventilieren. Ich glaub man macht das so. Ich wenigstens immer. Auch sonst gleicht der Ablauf meinen wenigen diesbezüglichen Erlebnissen. Ich spüre kaum was, schon gar keinen Schmerz. Ich hab angeblich Venen, die ein Blinder trifft. Und dann bin ich schon wieder fertig. Trotzdem werde ich beim nächsten mal wieder flippen wie ein Gestörter. Mich würde wirklich interessieren, was da dahinter steht. Vielleicht hab ich ja Angst vor dicken, schwarzen Frauen aber weil ich keine kenne projiziere ich diese Angst auf Nadeln….. oder so.

Ab nun gleite ich langsam in den gewöhnlichen Reha Alltag. Ich hab manchmal 8 Termine zu absolvieren. Einzelturnen, Gruppenturnen, Impulsgalvanisation, Munari, Gleichgewichtstraining, Ergometer, Massage, Diverse Seminare und Wassergymnastik.

Ich versuche Kontakte zu vermeiden wo es geht. Ich hab mir oft so Dokus angesehen, wo Leute eine Auszeit im Kloster nehmen. Das hat mich immer sehr angesprochen. Ich wollte das ganz genau so anlegen. Wenn also Zeit zwischen den Therapien bleibt, mach im mich auf in die Weingärten oder wandere den Hügel rauf. Ich suche möglichst einsame Wege.

Wie ich so dahingehe sehe ich, dass mir in einiger Entfernung eine Person den Weg versperrt. Als ich genauer schaue erkenne ich eine äußerst dralle Frau in hautenger Multifunktionspanier, die in allen denkbaren Neonfarben leuchtet. In den Händen hält sie bedrohlich zwei so Wanderstecken. Sie fixiert mich und ich werde ziemlich unrund. Was will denn die von mir? Ich möchte ganz einfach, allein mit meinem Leid, dahinwandern. Ich bleibe stehen und tu so, als würde ich mich mit meinem Handy beschäftigen. Scheiße, die geht nicht weg. Steht da und schaut mich an. Hilft nix, ich muss da vorbei. Ich will rauf zum Rudolfshof. Ich reiße mich zusammen und gehe flotten Schrittes auf sie zu. Dabei schaue ich aber sehr konzentriert auf mein Telefon. „Hä, kum hea do.“ Ich erstarre. Die Fettl gibt mir im Befehlston Anweisungen. Ich hab die im Leben noch nicht gesehen. „Geh mit mir“ befiehlt sie und zeigt nach links. Da zweigt ein schmaler Weg ab. Ich bin geschockt und suche eine versteckte Kamera. Da ist keine. Das ist Ernst! Jetzt muss schnell etwas passieren. In der Krise wächst man über sich hinaus – manchmal. „Nein, ich muss dorthin“ sage ich und deute unbestimmt in die andere Richtung. Sie gibt nicht auf „Da kummst eh auch hin, wennst mit mir gehst.“ Die gibt nicht auf. Gleich wird sie mir Schokolade anbieten. „Nein, ich muss da“ murmle ich, sehe konzentriert auf das Handy und schau dass ich mich vorbeidrücke. Was für eine seltsame Begegnung. Ich bemerke später, dass die Walkerin im Speisesaal ein Stück hinter mir sitzt.

Ich hatte das mit den aufsässigen Damen auf Kur für eine urban legend gehalten. Das ist sie nicht. Besonders kritisch war das bei der Wassergymnastik. Ich plädiere hier übrigens ausdrücklich für eine strikte Geschlechtertrennung! Ich steh so im Bademantel vor dem Becken. Mit mir zwei Männer um die 75 und sieben Frauen. 60 und älter würd ich sagen. Die Übungsleiterin ist sehr lustig. So eine kleine, dicke, quirlige die, ich würd sagen, irgendwo aus Ostdeutschland kommt schickt uns ins Wasser. Wir fassen unser „Poolnudeln“ aus und machen Übungen die eigentlich nur dann einen Effekt haben können, wenn man die letzten 70 Jahre im arktischen Eis eingefroren war. Dann könnten Muskeln wohl darauf reagieren, sonst aber kaum. Aber vielleicht geht’s ja da um irgendwas Anderes; was weiß man. Jedenfalls fällt mir auf, dass die Damen immer lauter werden. Sie gackern und kudern und schaukeln sich dabei gegenseitig hoch. Ich halte mich möglichst abseits und find das seltsam. Plötzlich unterbricht die Vorturnerin die Übungen: „Meine Damen! Beruhigen Sie sich. Der junge Mann hat noch Welpenschutz.“ Ehrlich. Kein Gschichtl, das ist so passiert. Ich bin daneben gestanden, die gelbe Poolnudel in der Hand und hab die Fliesen fixiert.

Nach diesen Erlebnissen war klar, dass ich um die abendlichen Belustigungen einen weiten Bogen mache. Gut, das war keine große Einschränkung. Ich bin nach Baden in die Fußgängerzone spaziert. Trotz aller Suche hab ich dort aber kein stinknormales Wirtshaus gefunden. Das ist dort alles ein bissl zu gespritzt für mich. Jedes Lokal hat einen besonders raffinierten Namen und ein unglaublich durchdachtes Portal – das brauch ich nicht. Ich hab mich dann meist zu so einem kleinen Salettl neben dem Casino gesetzt und dort mein abendliches Bier getrunken. Ich weiß, ich bin schwierig, aber auch dort fand ich keine Ruhe.

Aber ehrlich, wieso zum Teufel haben die Leute den Drang sich zu uniformieren und sich völlig gleich zu verhalten! Neun von zehn Männern mittleren Alters sahen dort so aus: Mokassins und weite Leinenhose in Erdtönen. Dazu ein kurzärmeliges, weites Hemd das wahrscheinlich das tote Fleisch verbergen muss. Beinahe immer haben sie eine Hand angewinkelt, und am Zeigefinger hängt – lässig glauben sie – die leichte Sommerjacke über die Schulter. Meistens sind sie etwas zu braun im Gesicht und haben eine seltsame Föhnfrisur. Die Begleitung ist in aller Regel eine viel zu laute Frau in einem affigen Fetzen. Aber, so als wäre das alles nicht schlimm genug, saufen die immer das Gleiche: so ein oranges Saftl in einem bauchigen Glas mit Strohhalm. Ich sitz so dort, bekomme schlimme Mordgelüste und wette mit mir, dass das dieser Aperol Spritz ist. Ich hab das nie gesehen oder getrunken, es hat aber so einen unguten Klang für mich. So als würde ich einem Richter sagen können: „Herr Rat, ich musste dem eine auflegen. Der hat einen Aperol Spritz getrunken!“ Ich verwende die google Bildersuche. Bingo, gewonnen! Das ist das. Ich glaub das soll suggerieren: Ich bin kultiviert und doch cool, ich spiele das Spiel erfolgreich, habe aber trotzdem den Outlawer in mir. Speib! Die Wappler brauch ich. Oder reagiere ich gar über?

Am Samstag kommt mich meine Frau besuchen. Ich hab einen Griechen gefunden, der uns gut gefällt – nicht gespritzt minimalistisch sondern voller Touristen Klischees. Auch die blauen Sesseln gibt’s da. Super! Am ersten Sonntag holt sie mich gleich nach dem Frühstück heim und ich verbringe den Tag dort wo ich hingehöre: in Ottakring, genauer im Liebhartstal. Hab ich erwähnt, dass ich kein Weltbürger bin! Am Abend muss ich aber wieder fort. Diesmal jedoch hab ich mein Motorrad bei mir. Ich parke so, dass ich es von meinem Spitalsbett aus sehen kann. Über die Tage entwickle ich ein sehr emotionales Verhältnis zu ihm. Meine treue Honda ist meine Nabelschnur in die Heimat.

Nach drei Wochen werde ich freigelassen. Endlich! Es hätten auch vier werden können. Glück gehabt. Allerdings: Sollten Sie eine Kur oder Reha vor sich haben; lassen Sie sich nicht verunsichern. Zu meinem Erstaunen habe ich gemerkt, dass die meisten Leute sehr gerne dort waren. Sie stellen immer wieder Anträge für einen neuerlichen Aufenthalt und genießen es nicht kochen zu müssen und umsorgt zu werden. Das Personal war wirklich in Ordnung. Die meisten Mitarbeiter waren sehr freundlich und bemüht. Wahrscheinlich haben die seltsamen Wahrnehmungen eher etwas mit meinen ganz persönlichen Befindlichkeiten zu tun. Also keine Angst. Sie überleben das. Hab ich ja auch.

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