Nein, leiden lasse ich dich nicht

Vor neun Jahren habe ich dich von der Züchterin abgeholt. Du warst ein weiches, kleines Dickerl. Als sie dich in meine Hand gelegt hat, hat sie geweint. Sie wusste ja nicht, wie es dir ergehen würde. Du warst so selbstbewusst, als wir dich im Auto nach Hause brachten. Geschlafen hast du, und wohlig gegrunzt. Im Garten setzten wir dich zu Pierro in die Wiese. Ihr habt euch beschnuppert. Das war der Beginn einer innigen Freundschaft. Du, die gelassene Bulldogge und Pierro, der aufgekratzte Bullterrrier. Das hätte schwierig werden können, wurde es aber nicht. Ihr habt euch ergänzt. Nichts konnte dich aus der Ruhe bringen.

Ich habe nie einen ausgeglicheneren Hund gehabt. Du hast auf der Couch gedöst, bist durch den Garten gewandert und hast dich gerne in die pralle Sonne gelegt. Geschlafen hast du – natürlich – zwischen Fraudi und Herrchen im Ehebett. Ich habe deinen warmen Körper im Halbschlaf gestreichelt, dein Schnarchen genossen und deine Blähungen – nun gut, die hab ich ertragen. Als Pierro plötzlich starb, zog der Willi bei uns ein. Ein Bordeauxdoggenbaby. Du hast ihm alles gezeigt, ihn eigentlich erzogen. Er war nie so selbstsicher wie du und konnte sich bei dir anlehnen. Oft habt ihr, ineinander verschlungen, geschlafen. Ein Bild des Friedens war das. Bulldoggen haben Eigenheiten. Sie haben einen starken eigenen Willen. Blinder gehorsam ist ihre Sache nicht. Das mochte ich immer sehr an dir. Warmes Wetter hast du zwar gemocht, man musste dir aber die Möglichkeit geben, dich zu schonen. Ein Schläfchen im Garten, wenn es zu heiß wurde ein schattiger Platz – das hat dir gefallen. Manchmal hast du aber auch ein Sonnenbad genommen. Unsere täglichen Waldspaziergänge legten wir in die kühleren Tageszeiten. Oft wanderten wir um 6 Uhr in den Sonnenaufgang. Wenn es dir zu beschwerlich wurde, setzte ich dich in den Bollerwagen und zog dich. Das mochtest du aber gar nicht besonders. Ich glaub, es war zu würdelos für einen großen Geist.

Seit einiger Zeit tatest du dir merklich schwerer. Unsere Runden wurden kürzer. „Jetzt wird er halt langsam ein alter Herr, unser Ozzy“ sagten wir. Allerdings hast du in den letzten Wochen deutlich abgebaut. Und plötzlich begann das Würgen. Du strecktest den Kopf vor und erbrachst dich. Zunächst selten, dann öfter. Beim Tierarzt wurdest du untersucht. Eigentlich war aber alles ganz in Ordnung. Vielleicht ist ja dein Magen im Alter sensibel geworden. Wir stellten dein Futter um. Möglichst weich sollte es sein.

Leider wurde Dein Zustand aber nicht besser. Auch deutlich abgenommen hast du. Am Freitag waren wir wieder beim Tierarzt. Deine Schleimhäute sind viel zu hell. Du bist anämisch. Das Herz hört sich aber gut an. Auch am Röntgen ergeben sich keine Auffälligkeiten. Das Ultraschall lässt keine Flüssigkeiten im Bauchraum erkennen. Allerdings zeigt es einen Herzbeutelerguss. Der ist aber nicht so stark, dass er die Anämie erklären könnte. Heute waren wir wiederbestellt. Der Blutbefund ist da. Du hast einen dramatisch niedrigen Hämatokrit-Wert. Der sollte bei mindestens 37 liegen. 20 hat die Untersuchung bei dir ergeben. Er ist allerdings regenerativ. Du produzierst zwar, verlierst aber das Blut – irgendwo. Wir werden sofort zu einem Spezialisten geschickt. Ich habe inzwischen ein wirklich ungutes Gefühl. Eigentlich habe ich große Angst um dich. In den letzten Tagen habe ich mir, soweit das einem Laien möglich ist, Wissen angelesen. Ich hoffe auf einen „idiopathischen Perikarderguss“. Den kann man absaugen und es könnte dir – schon nach Minuten – besser gehen. Aber ich habe so ein Gefühl. Ein ganz schlechtes. Ich lege dich auf den Untersuchungstisch. Der Arzt beginnt mit der Ultraschalluntersuchung. Nach wenigen Minuten hält er inne „Da. Eindeutig. Ein zitronengroßer Tumor am Magenausgang, eigentlich am Beginn des Darmes.“ Ich falle innerlich zusammen. „Der Tumor verhindert bereits den ungehinderten Transport der Nahrung. Die Anämie erklärt sich durch ständiges Bluten aus dem Geschwür. Eine Operation ist angesichts deines Alters und Zustandes und auf Grund der Lage und Größe des Tumors ausgeschlossen. Wahrscheinlich würde Ozzy schon die Narkose nicht überleben. Der Spezialist informiert telefonisch meinen Tierarzt. Der ersucht mich gleich wieder zu ihm zu kommen. Weil der Ozzy schon recht schwach ist, trage ich ihn bis zur Praxis. Der Doktor begrüßt mich und bittet uns ihn einen Nebenraum. Nein, geheilt kann mein Freund nicht werden. Es geht nur mehr um Schmerzfreiheit und ein würdiges Lebensende. Ich frage – obwohl ich weiß, dass das eine dumme Frage ist – wie viel Zeit uns noch bleibt. Aber was soll er mir schon sagen. Er ist ja kein Hellseher. Er sagt aber doch, dass ich über jeden Tag froh sein muss, der uns noch bleibt. Kleine Portionen soll ich Ozzy geben. Breiiges. Vielleicht pürierte Hühnersuppe. „Wie wird das Ende sein? Wird er Schmerzen haben? Das darf nicht sein.“ Nein“ sagt unser Arzt. „Er wird irgendwann den Blutverlust nicht mehr ausgleichen können und müde werden. Wahrscheinlich wird er nicht mehr aufstehen. Es wird eher ein Dämmern sein.“ Ich fühle mich innerlich Wund. Mein Kehlkopf drückt beim Schlucken gegen einen unerträglichen, tiefen, alles verschlingenden Schmerz. „Wenn es so weit ist….“ beginne ich die Frage, kann aber nicht weiter sprechen. Aber ich muss für meinen Freund stark sein. Er vertraut mir. Ich bin es ihm schuldig stark zu bleiben: „Wenn es so weit ist, kommen Sie dann zu uns? Ich will, dass er in seiner geliebten Umgebung die Augen schließen kann.“ Weiter komme ich nicht mehr. Eine Welle des Schmerzes und der Trauer begräbt mich unter sich. Er nickt: „Selbstverständlich.“ Ozzy bekommt noch eine Injektion. Das Kortison hemmt manchmal die Blutung und Novalgin sollte es ihm auch leichter machen. Er gibt mir noch breiige Aufbaunahrung für Ozzy mit. Auch Hühnersuppe mit Nudeln, gut püriert, sollte an dem Tumor vorbei kommen.

Wir sind jetzt wieder daheim. Ozzy schläft neben mir. Ich habe alle Termine der nächsten Zeit abgesagt. Im Garten habe ich einen Platz ausgewählt. Neben seinem Freund, dem Pierro. Unsere Bordeauxdogge „Willi“ beschnuppert ihn ganz vorsichtig. Ich fürchte das, was uns bevor steht. Schreckliche, trostlose Tage. Und am Ende, werde ich eine Entscheidung treffen müssen. Eine, die nur dein Wohl im Auge haben darf. Nicht meinen Egoismus. Es wird aber eine sein, die mich mein Leben lang quälen wird. Mein treuer Freund. Ich danke dir für deine Freundschaft und deine Liebe. Es wäre schön, wenn du mich dort, wo du jetzt hingehen wirst, erwarten kannst. Mit dem Pierro, dem Balu und dem Bärli. Ich bring euch einen Sack Leckerlis und eure liebsten Spielis mit.

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