Wir haben ihn längst - den Aufstand der Anständigen

Ein Kommentar zum Kommentar von Rainald Becker

In einem sehr hörenswerten Beitrag für die ARD kommentierte Rainald Becker jüngst die Forderung der AfD, gegen Flüchtlinge an der Grenze mit Schusswaffen vorzugehen. Dabei verglich er diese Art der polarisierenden Meinungsäußerung im Ton und Inhalt mit der NSDAP. „Gerade dieses Land sollte sich einig sein, und nie mehr über Schüsse oder einen Schießbefehl an seiner Grenze reden wollen“, sagte Becker. Weiter stellte er klar:

„Schusswaffengebrauch gegen Flüchtlinge an der deutschen Grenze, das ist krank, gewissenlos, abscheulich.“

Uns alle forderte er dazu auf, das Verhalten dieser „geistigen Brandstifter als zutiefst undemokratisch und verfassungsfeindlich zu entlarven“ und den längst überfälligen „Aufstand der Anständigen“ zu proben. Der Appell geht zurück auf Gerhard Schröder, der mit der Forderung eines Aufstandes der Anständigen auf den Brandanschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge im Jahr 2000 reagierte. Seitdem haben sich Politiker, Schriftstellerinnen und Journalisten in wechselnden Kontexten der Forderung angeschlossen. Auch jetzt diskutiert ein deutlicher Teil meines eigenen Online-Netzwerkes, wie ein solcher Aufstand aussehen solle, was wir selbst dabei tun könnten, und wie wir auf die jüngsten Ereignisse reagieren sollten. Dabei ist der Aufstand der Anständigen längst da. Er trägt nur keine vier Meter großen Fahnen mit sich, oder organisiert Großdemonstrationen mit tausenden Teilnehmenden. Er schwingt selten politische Reden (obwohl das vorkommt), er druckt keine Flyer, er zieht nicht von Haus zu Haus. Aus einem sehr, sehr einfachen Grund:

Er ist beschäftigt. Er hilft in Landeserstaufnahmen, lässt sich mithilfe von Spendengeldern nach Lesbos fliegen, sammelt Kleidung, Stofftiere, Essen, verteilt Nahrungsmittel, Pflaster und tröstende Worte vor dem LaGeSo in Berlin. Ab und zu twittert und bloggt er darüber. Der Aufstand nimmt Familien auf, organisiert Hebammen für Flüchtlingslager, verteilt gespendete Jacken. Manchmal reicht die Zeit für ein Interview im Lokalfernsehen. Er malt große Plakate mit Refugees Welcome und hängt sie sich ans Haus, damit alle, die vorübergehen, sie sehen können. Er kauft Wasser und Schuhe und Decken und macht sich auf die Reise nach Slowenien. Er spendet Geld. Er spendet alles, was er spenden kann. Der Aufstand gibt Deutschkurse, betreut Kinder und vermittelt Pflegefamilien für unbegleitete Flüchtlinge. Nebenbei unterschreibt er Petitionen oder nimmt an Mitgliederversammlungen seiner Partei teil. Er geht auf Demos gegen Rechts, zündet Kerzen an und singt. Er redet mit den Nachbarn, die bei der letzten Wahl die AfD gewählt haben. Er arbeitet bis zum Umfallen. Und steht am nächsten Tag wieder auf.

Jetzt, wo ich das aufschreibe, muss ich mich korrigieren. Das, was ich jeden Tag in meinen Netzwerken, vor meiner Haustür und auch hin und wieder in den Nachrichten sehe, ist kein Aufstand der Anständigen. Es ist eine Revolution der Anständigen. Sie kommt genau zur richtigen Zeit, und sie ist riesig.

Rainald Beck fordert einen Aufstand, der längst passiert. Wir sehen ihn nur viel zu selten. Er hat nämlich keine Zeit, stundenlang ins Internet zu schreiben, in Talkshows zu sitzen oder Leserbriefe an Zeitungen zu verfassen. Das Problem ist nicht, dass es die Menschen nicht gibt, sondern dass immer noch viel zu wenige Menschen von ihnen berichten. Die Revolution braucht noch ein paar Storyteller, eine ansteckende PR, eine solide Öffentlichkeitsarbeit. Aber die hat der Aufstand nicht. Er ist zu leise. Er ist nämlich anständig.

Wie soll er auch die ganzen lauten Marktschreier in allen Medien übertönen, wenn ihm doch bereits jetzt die Zeit fehlt? Wenn er Medikamente heranschaffen muss, Unternehmen als Sponsoren gewinnen will, mit den Handwerksbetrieben über die Anstellung von Geflüchteten spricht? Kindern vorliest? Mit welcher Hand und welchem Kopf und welchen Worten soll er sie denn niederbrüllen, wenn er neben dem ganzen anständigen Aufstand auch noch abends für seine Familie kocht?

Der Aufstand ist hier. Wo ich auch hinsehe, schütteln die Menschen die Köpfe über „Parteien“ wie die AfD. Dann müssen sie allerdings los. Einige von ihnen richten heute das Frühstück, andere sind für die Kinderbetreuung eingeteilt. Eine Gruppe ist im Bundestag eingeladen, um dort die lokalen Initiativen vorzustellen. Abends sitzen sie zusammen, essen syrisches Essen, hören afrikanische Musik und planen eine gemeinsame Zukunft. Wenige von ihnen schreiben ab und zu einen Artikel. Die Zeit reicht einfach nicht. Aber der Wille, der Wille ist da, und er versetzt jeden einzelnen Tag gewaltige Berge. Seht Euch nur um.

Dürfte ich Rainald Becker etwas raten, dann würde ich ihm sagen: Fordere keinen Aufstand der Anständigen. Fordere Sichtbarkeit für den Aufstand. Fordere die Armeen der Schreiberlinge da draußen auf, noch viel mehr von dieser Arbeit zu dokumentieren und weiterzutragen. Wir brauchen Beiträge über gelungene Integration in allen Medien, Berichte über die Arbeit der vielen Initiativen, Fotos von Menschenketten, glücklichen Kinderaugen, Erfolgsstories! Der Aufstand braucht eine schöne, laute PR. Dann fallen die geistigen Brandstifter auch weniger auf.

Kurz-Zusammenfassung: Der Aufstand ist längst hier, und wir können ihn unterstützen, indem wir ihm mehr Sichtbarkeit verleihen.

shutterstock/Photographee.eu

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