Vor etwa 13 Jahren bot sich mir die Gelegenheit, die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger kennen zu lernen.

Sie forschte damals zu Kitsch in der Literatur, mit besonderem Augenmerk auf Nazi-Kitsch. Nicht gerade ein Thema, über das wir als angehende Germanist_innen an der Uni Göttingen häufig etwas hörten. Von Ruth Klüger allerdings hatte ich bereits mehr als nur gehört. Ich betrachtete mich zu diesem Zeitpunkt schon als heimliches Fangirl, bereitete sogar einen der drei oder vier Texte für das geplante Hauptseminar vor (das war einer mehr als sonst), und zwängte mich pünktlich mit etwa 40 anderen in einen Raum unseres Verfügungsgebäudes - ein Bau, der bedauerlicherweise den Charme eines alten Bahnhofsklos besitzt.

An das Gespräch über die verschiedenen durchaus interessanten Texte kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Aber an einen Moment erinnere ich mich so eindrücklich, als wäre es gestern gewesen. Wir brüteten über irgend einen Gedanken, warfen unterschiedliche Ideen dazu ein. Frau Klüger saß an einem kleinen Tisch eher in unserer Mitte als vorne, dachte über einen Einwurf nach, wiegte den Kopf ein wenig und strich sich die Ärmel des Strickpullovers über die Ellenbogen. Ich saß seitlich und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die große sechsstellige Nummer, die deutlich lesbar über ihren Unterarm verlief. Natürlich wusste ich - wie so ziemlich jeder im Raum -, dass ich an diesem Tag eine Holocaust-Überlebende kennengelernt hatte. Um ganz genau zu sein: Die jüngste Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz. Aber zwischen Wissen und selbst Sehen liegt ein wichtiger Unterschied, der auch vor kurzem wieder im Kontext der Bilder des geflüchteten, ertrunkenen Jungen intensiv diskutiert wurde - sicher erinnert Ihr Euch. In der ethischen Grundsatzdiskussion ging es darum, ob die Bilder des toten Kindes öffentlich gezeigt werden sollten. Ein wichtiges Argument für das Veröffentlichen der Bilder war die Tatsache, dass das Foto eines Schicksals stellvertretend für so viele andere Schicksale mehr Macht über unser Verhalten besitzt als lediglich das Wissen, dass viele Geflüchtete ertrinken. Denn Wissen selbst ist abstrakt: Zahlen und Wörter, die wir lesen und verarbeiten. Eine Visualisierung dagegen schafft plötzlich eine Verbindung zwischen dem abstrakten Wissen und der eigenen Erfahrungswelt. Genauso ging es mir mit der eintätowierten Nummer von Frau Klüger. Ich konnte und kann nicht ermessen, wie es gewesen sein muss, als junges Mädchen deportiert zu werden, in einem Lager zu (über)leben, und nur knapp und durch glückliche Zufälle dem eigenen Tod zu entkommen. Genauso wenig können wir durch den bloßen Anblick eines toten Jungen ermessen, was Flucht, Krieg, Hunger und Todesangst bedeuten. Aber im Augenblick der Betrachtung passiert etwas - in uns und mit uns. Die Nummer auf dem blassen Unterarm dieser klugen Frau, und alles aus sicherer Distanz Erlernte hatte plötzlich ein Gesicht. Das Bild eines kleinen Kindes, nach einem Schiffsunglück am Strand angeschwemmt - und das kollektive Schicksal vieler Geflüchteter hat einen Namen.

Am Ende der Stunde schrieb ich das Fazit Ruth Klügers zu unserer Diskussion mit. Ich zitiere es hier frei:

„Um am Leben zu bleiben, müssen wir uns täglich neu dem Risiko des Betrugs aussetzen. Obwohl wir wissen, dass es Betrug gibt, und Lügen, und Kitsch, ist die Basis unseres gemeinsamen Zusammenlebens das Vertrauen. Alles andere wäre paranoid.“

Eine Lektion in Vertrauen, von einer Überlebenden des Holocaust.

Obwohl Frau Klüger in einer prägenden Zeit ihres Lebens keinerlei Grund hatte, an das Menschliche zu glauben und in die Menschen zu vertrauen, sprach sie vom Vertrauen als Basis allen Zusammenlebens. Wider ihrer traumatischen Erfahrungen. Bis heute macht mich das sehr nachdenklich.

Vertrauen in andere Menschen, oder auch: grundsätzliches Vertrauen in die Menschlichkeit, sind keine Werte, die in unserer modernen Welt hoch im Kurs stehen. Zwar leben wir heute aller Statistik nach zur sichersten Zeit in einem der sichersten Länder, aber Echtzeit-Berichterstattung, Sensationslust und Empörungskultur generieren Unsicherheit und Angst. Schlechte Nachrichten lassen uns das Vertrauen in die Menschen um uns herum verlieren - manchmal sogar trotz gegenteiliger persönlicher Erfahrungen. Wir glauben, die Systeme, in die wir eingebunden sind, können die Unsicherheit auffangen und uns vor den Gefahren, die wir oft vollkommen falsch einschätzen, beschützen. Von Hetze und Misstrauen lassen wir uns in Lager spalten, zwischen denen kein Vertrauen mehr herrschen kann. Zudem besteht kein Interesse daran, Vertrauen in andere Menschen als Kompetenz zu stärken. In einer leistungsorientierten Gesellschaft befinden wir uns in Konkurrenz zu einander, und möglicherweise - so denken wir häufig - steht uns unser Nächster nur so nah, weil er sich auf unsere Kosten bereichern will. Wir sind, im Sinne des freien Zitats, paranoid, obwohl wir häufig nicht einmal einen Grund dazu haben.

Heute fiel mir ein Artikel in der Huffington Post auf. In diesem ging es um eine muslimische Gemeinde in England, die Mitglieder einer rechtsextremistischen Partei zum Abendessen einlud, um mit ihnen über ihre verschiedenen Ansichten zu sprechen und Bedenken auszuräumen. Wie viel Vertrauen in die Menschen hinter einer solchen Einladung stecken muss! Die muslimische Gemeinde setzt sich ja nicht nur der Möglichkeit eines Betrugs oder einer Lüge aus, sondern auch einer ganz konkreten, körperlichen Gefahr. Sie entscheiden sich damit gegen die Angst, gegen die Paranoia, und für das grundsätzliche Vertrauen in die Menschlichkeit.

Als hätten sie damals mit mir in diesem Seminar gesessen.

Kurz-Zusammenfassung: Vertrauen in die Menschen um uns herum muss wieder die Basis unseres Zusammenlebens werden. Und wir sollten mehr von Ruth Klüger lesen.

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