Menschliche Gesellschaften befinden sich in stetiger sozialpolitischer Entwicklung. Weite Teile der Welt haben in den letzten Jahrhunderten die Versklavung von Menschen überwunden. Rassismus und Sexismus wurden als Chauvinismen erkannt und bekämpft. Dieser Kampf dauert noch an; allerdings hat man erfreuliche und beträchtliche Fortschritte erzielt. Als eine Vorkämpferin des Feminismus namens Mary Wollstonecraft 1792 eine Schrift mit dem Titel Eine Verteidigung der Rechte von Frauenveröffentlichte, wurde ihre Argumentation belächelt. Der Philosoph Thomas Taylor persiflierte sie in seiner Satire Eine Verteidigung der Rechte des Viehzeugs. Er verwendete ähnliche Begründungsmuster wie Wollstonecraft und wendete sie auf Tiere an. Damals wurde es allerdings als völlig absurd angesehen, Tieren Rechte zuzugestehen. Seine Absicht war es, im Umkehrschluss die Absurdität von Frauenrechten aufzuzeigen.

Machen wir uns nichts vor: Wir sind heute auf demselben Niveau der Diskussion. Einzig die Themen haben sich gewandelt, und die Fronten haben sich zugunsten derjenigen, die gegen ungerechtfertigte Diskriminierung kämpfen, etwas verschoben. Wir können und dürfen mit unserer Gesellschaft nicht zufrieden sein, wenn wir weitere Fortschritte erzielen wollen. Unsere Generation erlebt beispielsweise gerade den Anfang einer Entwicklung, die eine breite Ablehnung des Speziesismus zur Folge haben könnte. Fragen der Moral und der Gesellschaftsphilosophie sollten einen höheren Stellenwert erhalten, insbesondere in der Erziehung. Nur dadurch können die Thomas Taylors der Zukunft verhindert werden. Nur dadurch ist es überhaupt möglich, dass der Mensch auch jene seiner Vorurteile als solche erkennt, die ihm anerzogen wurden oder aus anderen Gründen tief in ihm vergraben sind.

Eine dieser Fronten ist auch im Jahr 2015 immer noch jene um die Rechte Homosexueller. Nicht minder bedeutend ist dieses Thema für die Lebenspraxis und für das persönliche Glück zahlreicher Menschen. In Österreich ist es für homosexuelle Paare nicht möglich, zu heiraten. Gleichzeitig erkennen immer mehr Staaten auf der ganzen Welt dieses Unrecht und eröffnen die Ehe für alle. Doch die Konservative ist stark in unserem Land. Sie ist jene Kraft, die sich dem Kampf gegen ungerechtfertigte Diskriminierungen unermüdlich entgegenstellt, und das nicht nur in dieser Angelegenheit. Das Verständnis dafür ist endenwollend. Es kann nämlich gar nicht von einer Debatte um das Eherecht in Österreich die Rede sein, da eine Debatte diskussionswürdige Argumente auf beiden Seiten voraussetzt. Von der Konservativen wird allerdings in diesem Belang nichts vorgebracht, über das sich sinnvoll sprechen ließe. Ich liste im Folgenden die verzweifelten Versuche auf, die Diskriminierung Homosexueller im Eherecht als gerechtfertigt zu begründen.

1.) Die Ehe ist gesetzlich als Vereinigung von Mann und Frau definiert.Das ist kein Argument. Das ist die völlig belanglose Feststellung, dass jenes Gesetz, dessen Änderung Gegenstand der Diskussion ist, zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht geändert ist.2.) Die Ehe ist gottgewollt als Vereinigung von Mann und Frau.Dieses Argument mag bei der Diskussion des Eherechts innerhalb der jeweiligen religiösen Gemeinde eine Rolle spielen. Wenn es aber um das Institut der Ehe in einem säkularen Staat geht, ist es absolut bedeutungslos.3.) Eine Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare mindert die Bedeutung der Ehe Heterosexueller als Grundlage für die Familiengründung.Die Ehe ist nüchtern betrachtet nichts anderes als ein rechtliches Abkommen zwischen zwei erwachsenen Menschen. Darüber hinaus die Bedeutung der Ehe für alle verheirateten Paare auf einen Grund zu reduzieren, ist eine unfassbare Anmaßung. Jedes Paar hat seine eigenen Gründe, eine Ehe zu schließen. Jedem Paar steht es zu, die Bedeutung und die Symbolik ihrer Ehe nach eigenem Empfinden festzulegen. Auch heterosexuelle Eheleute dürfen selbst entscheiden, ob sie Kinder haben möchten. In einer Welt, in der jeder Mensch die Möglichkeit individueller Entfaltung haben soll, muss das auch so bleiben. Darüber hinaus wird gewiss kein heterosexuelles Paar wegen des Umstandes kinderlos bleiben, dass auch Homosexuelle heiraten dürfen.4.) Eine Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare kann zur Öffnung der Ehe für Sodomisten und Pädophile führen.Hier sind wir am Bodensatz angekommen. Eine Ehe zwischen Homosexuellen ist im Gegensatz zu den anderen Beispielen eine Vereinigung von zwei mündigen Erwachsenen. Wer tatsächlich nicht in der Lage ist, diesen Unterschied ohne fremde Hilfe festzustellen, sollte sich an sozialpolitischen Diskussionen generell lieber nicht beteiligen.

Mit solcherart Unsinn stellt man sich in unserem Land erfolgreich dem Glück anderer Menschen in den Weg. Eigentlich sollte uns das viel mehr bestürzen. Es veraunschaulicht nämlich die Art und Weise, wie in Österreich Politik gemacht wird. Mit einer vernünftigen Abwägung der Qualität befürwortender und ablehnender Stimmen hat das offenbar wenig zu tun. Anders ist nicht zu erklären, warum die Änderung dieses Gesetzes soviel Zeit in Anspruch nimmt, weshalb derart gezögert wird im Umgang mit einer Frage, die ein rationaler Mensch nur auf eine einzige Art und Weise beantworten kann.

Solange die Ehe nicht für alle offen ist, leben wir in einer Gesellschaft der Missgunst, die dominiert wird von jenen Menschen, für die das Normale das Eigene und das Eigene das Normale bedeutet, für die es allein das Maß aller Dinge ist, die in den engen Grenzen ihrer einfachen Gedankenwelt und Gewohnheit leben und die nichts davon verstehen und nichts davon verstehen wollen, was in fremden Köpfen und in fremden Herzen vor sich geht.Dies ist ein Umfeld, in dem die grundlose Geringschätzung von Liebe und Zufriedenheit eine Maxime ist und daher jeden treffen kann. Wie soll irgendjemand mit einer solchen Gesellschaft zufrieden sein?

Liebe GrüßeMahiat (https://nachtliteratur.wordpress.com/)

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