Nachdem in #Limburg vor ein paar Tagen ein Mann mit tunesischen Wurzeln seine Ex-Frau überfahren und sie danach öffentlich enthauptet hatte, herrschte in den Medien betretenes Schweigen. Im Gegensatz zu Medien aus dem Orient wurde der Hintergrund des Täters in Deutschland vielfach verschwiegen. Auch von vielen Feministinnen, die sich wochenlang über den stumpfen Herrenwitz des ehemaligen Wirtschaftsministers Brüderle empört hatten, hörte man nichts. Neben dem Mord an sich, ist es ein Skandal, dass so etwas in Deutschland immer noch ein #Tabuthema ist. Denn eigentlich müsste jeder dieser Morde Anlass genug sein, Ursachenforschung zu betreiben und eine breite Debatte anzustoßen.

Natürlich geschehen Morde auch unter Deutschen. Der Unterschied ist aber, dass solche Morde von der Mehrheitsgesellschaft auf breiter Basis geächtet werden. In der Gegengesellschaft gibt es dafür dagegen Verständnis und nicht selten sogar Applaus. Oft geschehen sie unter dem Mitwissen der Angehörigen oder werden gar von ihnen in Auftrag gegeben.

Unzählige Frauen und Mädchen in den Gegengesellschaften auch in Deutschland führen kein freies und selbst bestimmtes Leben. Die so genannte „Familienehre“ hängt an ihrem Körper und ihrer Jungfräulichkeit. Während der Freibadbesuch, das Treffen mit Freunden, Party, der kurze Rock im Sommer, die freie Wahl des Partners, Kino und Sex vor der Ehe für junge Frauen aus unserer Gesellschaft vollkommen normal sind, sind all diese Dinge für (zu) viele muslimische Frauen und Mädchen undenkbar. Sie stehen unter großem Druck und Beobachtung ihrer Familie bzw. ihres Clans, diese Dinge nicht zu tun. Andernfalls werden sie bestraft, wobei die Strafen bis hin zu so genannten „Ehrenmorden“ reichen. Emanzipation und Selbstbestimmung können lebensgefährlich sein.

Wenn man sich dazu kritisch äußert, dass in einem Land, in dem die Würde des Menschen unantastbar ist, Mädchen in Unfreiheit leben und bedroht werden, wird man schnell mit dem Vorwurf konfrontiert, ein „Islamhasser“, „Nazi“ oder „Rassist“ zu sein. Wissenschaftliche Erhebungen zu „Ehrenmorden“ und zu den entsprechenden Einstellungen, die diesen Verbrechen zugrunde liegen, gibt es wenig bis keine. Sie sind nicht gewollt und könnten ja den Falschen in die Hände spielen. Dabei spielt es doch gerade den Extremisten in die Hände, wenn die Probleme nicht benannt und gelöst werden.

Ahmad Mansour stellt hier völlig zu Recht fest: „Wird die Debatte weiter verweigert, kostet das weiterhin Frauen in diesen Milieus ihr Leben oder ihre Freiheit. Wir machen uns also mitschuldig, indem wir uns dem Thema verweigern, es verharmlosen oder kulturrelativistisch argumentieren. (...) Häufig werden Ehrenmorde mit Familiendramen unter Deutschen an Weihnachten gleichgestellt, wie das bspw. der Kabarettist Hagen Rether in einem seiner beliebten Sketche als Beweis für die ungerechte Behandlung von Muslimen in Deutschland anführt. (...) Welten liegen zwischen den Beziehungstaten in deutschen Familien und den „Ehrverbrechen“ in patriarchalischen Familien. Ein Erwin oder Dieter, der am ersten Weihnachtstag seine Frau ermordet, weil sie sich von ihm trennen wollte, handelt meist allein. Auf Unterstützung aus seiner Familie kann er so wenig zählen wie auf den Beifall aus der Familie der Frau. Auch wird eine deutsche Familie eine geschiedene und alleinstehende Frau heute nicht mehr als gesellschaftliche Bedrohung oder Schande wahrnehmen. Und die Polizei wird während der Ermittlungen nicht auf Anrufe stoßen, in denen Vater oder Bruder den Täter implizit zum Töten anstiften, indem sie ihn auffordern, eine unhaltbare Situation „in Ordnung zu bringen“. Unter deutschen Schülern wird man kaum welche finden, die sich in einer Diskussion über Frauenrechte dazu bekennen, eine solche tragische Tat gutzuheißen oder selber so handeln zu wollen. Zudem würde hier niemand behaupten, dass „die Religion“ den Mord vorschreibe! All diese Argumente höre ich jedoch bei meiner Aufklärungsarbeit mit muslimischen Jugendlichen regelmäßig von vielen, sehr vielen.“

Diese „Ehrenmorde“ geschehen in einem patriarchalen und reaktionären Umfeld. Ein Umfeld, das selbst einen nackten Arm oder offenes Haar einer Frau als Schande ansieht; ein Umfeld, in dem Frauen Männern untergeordnet werden; ein Umfeld, das kollektivistisch und autoritär geprägt ist; ein Umfeld, für das Sex einer Frau vor der Ehe schlimmer ist als Mord; ein Umfeld, in dem Frauen sich ihren Partner nicht selbst aussuchen dürfen; ein Umfeld, in dem Frauen einen fremden Mann nicht mal anlächeln oder ihm die Hand geben dürfen; ein Umfeld, das Dinge als Schande ansieht, die für uns vollkommen normal und gesellschaftlich legtimiert sind. Und nein, auch wenn es Sexismus in der Mehrheitsgesellschaft ebenfalls gibt, finden sich solche Ansichten in der Qualität und Quantität dort nicht: ich kenne sehr viele Leute, habe aber noch nie auch nur einen Deutschen kennen gelernt, der es als Schande ansieht, wenn seine Schwester im Bikini schwimmen geht oder zur Party ein ärmelloses Top trägt. Unter Muslimen denkt zwar auch nicht jeder so, diese Ansichten sind aber in der islamischen Gegengesellschaft sehr verbreitet - und genau diese Sichtweisen befeuern Verbrechen wie in Limburg.

Der Mörder von Limburg, der Sohn tunesischer Gastarbeiter ist, mag einen deutschen Pass haben, doch angekommen ist er in unserer Gesellschaft nie. Werte wie Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Aufklärung sind ihm fremd. Er lebte ungestört in seiner Parallelwelt aus radikalen Moscheen, Geschlechter-Apartheid und einem zutiefst reaktionären Weltbild - eine Welt, die sich aus falscher Toleranz, Unwissenheit, Naivität und Angst vor der Nazikeule heute in jeder mittelgroßen Stadt in Deutschland findet.

Wir sollten uns einerseits davor hüten, Muslime unter Generalverdacht zu stellen und zu pauschalisieren; wir müssen aber andererseits diese Dinge anprangern und ohne Tabus benennen. Denn es ist einfach heuchlerisch, eine #Metoo-Debatte zu führen, bei jedem schlechten Herrenwitz eine wochenlange Debatte loszutreten, jeden Satz peinlich genau zu gendern und gleichzeitig diese krassen Formen der Unterdrückung, die mitten in Deutschland tagtäglich geschehen, bei Kritik außen vor zu lassen.

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