Versuch einer Relektüre von Hermann Glasers und Karl Heinz Stahls „Bürgerrecht Kultur“

Mit seinem Lab_Soziokultur versucht die Deutsche Kulturpolitische Gesellschaft (kupoge) gerade eine Wiederbelebung des Diskurses rund um das Thema Soziokultur. Einen wesentlichen Anteil daran hat die Entscheidung der Kulturstaatsministerin Claudia Roth, dem Fonds Soziokultur nach einer Tranche von 11 Mio. Euro im letzten Jahr auf heuer nochmals 17 Mio. zur Förderung von fast 700 Projekten vor allem zur internen Weiterentwicklung zur Verfügung zu stellen (zu den Größenordnungen: Der Fonds war vor dem Ausbruch der Pandemie mit rund 2 Mio. ausgestattet).

Bereits zwischen 2017 und 2019 hat die kupoge eine umfängliche Recherche zu „Neuen Methoden und Formaten der soziokulturellen Projektarbeit“ erarbeitet und ein neues Interesse für das Thema Soziokultur stimuliert.

Bei all diesen Bemühungen um eine diskursive Begleitung fällt auf, dass der Begriff Soziokultur bis heute nur schwer zu fassen ist (vielleicht einer der Gründe, warum er außerhalb Deutschlands, selbst in den deutschsprachigen Nachbarländern Österreich und der Schweiz keinen Eingang in den kulturpolitischen Sprachgebrauch gefunden hat). Geht es nach dem Präsidenten der kupoge Tobias Knoblich, dann ist Soziokultur schlicht „jene aktive Kultur, die von allen gemacht und gestaltet wird“.

In seiner Unbestimmtheit umfasst er eine Vielzahl von institutionellen und auch nicht-institutionellen Bemühungen, das künstlerische Angebot des Kulturbetriebs und die Alltagskultur miteinander zu versöhnen. Und das vor allem im Hinblick auf die Mehrzahl an Menschen, die aufgrund ihrer sozialen Stellung mit der sogenannten Hochkultur nichts am Hut haben.

Diese Allgemeinheit des Begriffs ist für mich Grund genug zu versuchen, noch einmal genauer hinzuschauen. Ausgangspunkt dafür war mir der Band „Bürgerrecht Kultur“, den Karl Heinz Stahl und Hermann Glaser zu Beginn der 1980er Jahre herausgebracht haben, um damit eine „Neue Kulturpolitik“ zu propagieren. Diese programmatische Schrift beruht auf einem bereits zehn Jahre zuvor erschienenen Buch „Die Widergewinnung des Ästhetischen. Perspektiven und Modelle einer neuen Soziokultur“. Während sich Stahl bald nach der Veröffentlichung in die akademische Diskussion um Organisationsentwicklung verabschiedete, gehört der Nürnberger Kulturdezernent Hermann Glaser neben seinem Pendant in Frankfurt Hilmar Hoffmann bis heute zu den Leitsternen einer sozialdemokratischen Kulturpolitik in Deutschland, deren Wirkungen zumindest die kulturpolitische Rhetorik („Kultur für alle“) bis heute prägen.

Bereits bei der Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses wird klar, dass sich hier ein Kulturdezernent einer deutschen Mittelstadt nicht darauf beschränken wollte, von seiner Arbeit zu berichten und daraus allenfalls handlungsleitende Empfehlungen abzuleiten, sondern diese entlang der damals relevanten Kulturtheorien zu verorten, um damit eine insgesamte kulturpolitische Richtung vorzugeben. Er versteht „Kultur als intellektuelle Praxis“, damit als Bemühen, kritisches Denken mit praktischem Handeln zu verbinden.

Keine Kulturpolitik ohne Kulturtheorie

Glaser beginnt mit einer negativen Einschätzung: Er konstatiert eine schlechte kulturpolitische Praxis. Und zwar deswegen, weil die ihr zugrundeliegende Theorie fehlen würde. Dieser Befund gilt heute mehr denn je. Bei der Lektüre wird schmerzlich bewusst, wie sich heute im Vergleich zu vor 40 Jahren Kulturpolitik nach einer kurzen Phase einer breiteren kulturpolitischen Diskussion in den 1970er und 80er Jahren im Zuge ihrer Verpragmatisierung jeglicher konzeptiver Grundlagen entledigt hat. Stattdessen wird anlassbezogen an verschiedenen Förderhähnen gedreht, um in der wachsenden Krisenstimmung den Status quo aufrecht zu erhalten.

Mit jeder neuen Seite wird deutlich, dass Glaser intellektuell wirklich etwas draufhatte; dass er versucht hat, das Kulturgeschehen mit einem kritischen Instrumentarium zu untersuchen und darauf aufbauend, die seiner Analyse folgenden kulturpolitischen Entscheidungen für eine bessere Zukunft zu treffen. Mit Blick auf das heutige kulturpolitische Personal – vor allem in Österreich – wird unmittelbar deutlich, dass sich im Vergleich zu Glasers Beschäftigung mit Theorie (die, zugegeben, das Buch manchmal schwer lesbar macht) mittlerweile eine umfassende Verflachung des Diskurses breit gemacht hat, die wohl mitverantwortlich ist für die zunehmende Randständigkeit dieses Politikfeldes, dessen Vertreter*innen aufgehört haben, sich selbst ernst zu nehmen.

Kulturpolitik ist Kulturvermittlung

Bereits in der Einleitung postuliert zum einen die Notwendigkeit einer konzeptiven Fundierung jeglichen kulturpolitischen Handels aber zum anderen auch einen umfassenden Vermittlungsanspruch, mit dem es gilt, „den Menschen die Bedeutung von Kulturpolitik zu erklären“. Eine solche sollte sich nicht auf die Einladung zum Besuch einer Veranstaltung des Kulturbetriebs beschränken, sondern zuallererst die Lebens- und Arbeitsformen der Menschen in den Blick nehmen. Geht es nach Glaser dann sollte sich “Kulturpolitik nicht länger auf die Pflege und Förderung von Kunst beschränken (so wichtig ihm diese als kritische Instanz war), sondern aktiv Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung nehmen mit dem Ziel der Demokratisierung.”

Diesen Vermittlungsanspruch hat Glaser wörtlich genommen, wenn er in seiner Funktion als Kulturdezernent der Stadt Nürnberg nicht müde wurde, seine kulturpolitischen Anliegen im direkten Auftreten auf unzähligen Tagungen, Symposien, Kongressen, als Hochschullehrer, Organisator öffentlicher Veranstaltungen oder Autor einer unüberblickbar großen Anzahl von Schriften unter Beweis zu stellen.

Inhaltlich kreist Glasers Denken um einen Kulturbegriff, der nicht nur eine bildungsbürgerliche Elite bedient, sondern die gesamte Gesellschaft umfasst. Dabei holt er anhand Thomas Manns „Ansichten eines Unpolitischen“ weit aus, um auf die Pervertierung einer bürgerlichen Kunstauffassung hinzuweisen, die vermeint, sich über die politischen Verhältnisse erheben zu können (Mann selbst hat unter dem Eindruck des Nationalsozialismus und seiner Exilierung in die USA seine Position revidiert und sich als Autor zu einem Fürsprecher demokratischer Errungenschaften weiterentwickelt).

Kultur als Medium der Demokratisierung und Humanisierung

Im Gegensatz zu Mann versteht Glaser Kultur als gesellschaftspolitisches Anliegen zur Demokratisierung und Humanisierung. Dementsprechend hatte er wenig Berührungsängste, wenn er immer wieder die sozialpolitische Dimension kulturpolitischen Handelns betonte: Kulturpolitik sei zuallererst eine sozialstaatliche Verpflichtung, jedem Menschen die volle Entfaltung seiner Persönlichkeit zu ermöglichen. Im Zentrum seines kulturpolitischen Auftrags verstand er die Verbesserung der Lebensqualität der Menschen als Voraussetzung ihrer Emanzipation im Rahmen eines breiten Sets an kulturellen Aktivitäten. Im Sinne seiner Gerechtigkeitsvorstellungen sollten diese möglichst für alle in gleichem Maße zugänglich sein.

Glaser rekurriert in seinen Überlegungen auf einen bürgerlichen Kulturbegriff, dessen ursprünglich aufklärerischer Impetus für ihn bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts verloren gegangen bzw. in den autoritären Herrschaftsformen des Nationalsozialismus aufgegangen ist. In diesem Zusammenhang konstatiert er eine „Kultur der Fassade“, hinter der sich die Machtinteressen einer Elite verbergen würden, die mit ihrer „Spießerideologie“ die emanzipatorischen Ansprüche des deutschen Idealismus in ihr Gegenteil verkehrt hätte. Besonders ausgiebig beschäftigt sich Glaser mit den theoretischen Überlegungen Herbert Marcuses zu einer „affirmativen Kultur“, die hinter dem Schein ihrer Hervorbringungen die bestehenden gesellschaftlichen Fehlentwicklungen kaschieren würde.

Sein Diktum lautete: „Die Wahrheit ist konkret“, um damit ein zentrales Thema zu berühren, das uns heute in der Verweigerung, die gesellschafts-politischen Implikationen des Kulturbetriebes hinreichend zu reflektieren, völlig abhandengekommen ist. Daran ändert der Aufschrei der Szene während der Pandemie, als Teil des Freizeitangebotes verhandelt zu werden, nur wenig. Das politische Bewusstsein, dass weite Teile des Angebotes des etablierten Kulturbetriebs als Ausdruck eben dieser „affirmativen Kultur“ zur Konservierung der bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse beitragen, scheint völlig in Vergessenheit geraten zu sein. Die Vermutung Glasers, es fehle insbesondere im etablierten Kulturbetrieb an entsprechendem politischem Willen, aber auch an Instinkt bei der Einschätzung der eigenen gesellschafts-politischen Wirksamkeit, gilt heute mehr denn je.

Eben dieser „Kultur als Fassade“ zur Repräsentation konservativer Hegemonie (mit leichten liberalen Ausfransungen, auf dass man sie nicht als solche erkenne) setzte er das normative Prinzip von „Soziokultur“ entgegen, um so eine „Erdung“ von Kultur entlang der Alltagspraxis der großen Mehrheit der Menschen zu versuchen. Dabei negiert Glaser in keiner Weise die Bedeutung des künstlerischen Schaffens: Kunst schaffe eine kreative und kritische Unruhe, die helfe, das Bestehende zu überwinden, um so die Gesellschaft weiterzubringen. Und schon damals thematisierte er die bis heute herrschende Produktionslastigkeit von Kulturpolitik, der ein zumindest gleichwertiges Interesse der Nutzer*innen gegenübergestellt werden müsste, ohne damit die Qualitätsansprüche des Künstlerischen zu negieren. Seine immer wiederkehrende Frage: „Kann man Kunst vom Kopf auf die Füße stellen, ohne dass sie parterre wird?“

Die Kulturverwaltung als Garant der bestehenden Verhältnisse

Auf der Grundlage eines derartig demokratisierten Kulturbegriffs, der möglichst alle Menschen betreffen sollte, sprach sich Glaser für die Konzeption einer „Neuen Kulturpolitik“ aus. Um diese nicht nur zu planen, sondern auch umzusetzen, sah er einen Erneuerungsbedarf auch im Bereich der Kulturverwaltung. Diese sollte sich nicht darauf beschränken, bewährte Verfahren zu perpetuieren sondern ihre Tätigkeit selbst zu problematisieren und damit entlang der neuen kulturpolitischen Anforderungen weiterzuentwickeln (An diese Forderung könnten wir uns heute in besonderer Weise erinnern, wenn in Österreich im Rahmen der Entwicklung einer neuen Kunst- und Kulturstrategie neue Bezahlsysteme („Fair Pay“) diskutiert werden, die Kulturverwaltung dieses Ansinnen aber als eine bürokratische Zumutung interpretiert und ihm nach dem Motto: „Was sollen wir noch alles tun“ beträchtlichen Widerstand entgegenbringt.

Die gesellschaftlichen Problemlagen sind nicht neu

Als äußerst hellsichtig erweist sich Glaser in seiner Gesellschaftskritik, wenn er sich bereits in seinen damaligen Überlegungen auf die „Grenzen des Wachstums“ bezieht und daraus die Notwendigkeit neuer wirtschaftlicher Verkehrsformen betont. Ja, auch er setzt bereits große Hoffnung auf den Begriff der Kreativität, aber nicht in erster Linie, um damit der Wirtschaft neue Impulse zu verleihen, sondern als eine Ermutigung zur individuellen Emanzipation: „Kreativität ist Mut zu sich selbst“.

Dabei bleibt er als gestandener Sozialdemokrat der Moderne verpflichtet, alle Versuche, diesbezügliche Vorstellungen den Versuchungen eines postmodernen Anything-Goes (Paul Feyerabend) zu opfern sind ihm suspekt. Dementsprechend deutlich fällt die Kritik an naiven (grünen) Alternativen aus, die sich nicht mehr den Mühen der Moderne aussetzen wollten. Zu beherrschend wohl auch noch die persönlichen Erinnerungen an Teile der Jugendbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, die mit ihrem Anspruch alternativer Lebensformen schnurstracks in den Faschismus gemündet sind.

Gehen die meisten Analysen der Kulturpolitik der 1970er Jahre davon aus, dass es damals einen starken Sog zur Vermittelständigung und damit zu einer wachsenden kulturellen Vergemeinschaftung gekommen wäre, so fällt auf, dass Glaser in dieser Zeit bereits eine Vorahnung des zunehmenden Auseinanderbrechens und damit verbundener Diversifizierung hatte. Er spricht von einer „zerklüfteten Gesellschaft“ mit wachsenden Verständigungsproblemen. Umso notwendiger wäre die Organisation von Verständigungsprozessen, die der grassierenden Denkträgheit eindimensionalen Fortschrittsdenkens etwas entgegensetzen könnten.

Es liegt in der Charakteristik einer damals von Glaser als fortschrittlich eingeschätzten Kulturpolitik, von einer antikapitalistischen Grundhaltung geprägt zu sein. Da ist es nur folgerichtig, wenn Glasers kulturpolitische Vorstellungen sich unmittelbar gegen eine umfassende Ökonomisierung der Gesellschaft wendeten. Kultur sollte sich nicht als ein nicht vermarktbares Nischengeschehen verstehen, sondern als eine entscheidende Triebkraft, um allen Menschen die umfassende Mitwirkung am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und sich nicht den Marktzwängen zu unterwerfen. Dementsprechend deutlich seine Kritik an einer Kulturindustrie, lange bevor diese seitens der EU zu einer entscheidenden Prosperitätsgarantie am europäischen Markt hochstilisiert worden ist.

Intensiv setzt sich Glaser mit dem Thema Öffentlichkeit auseinander. Auch hier sieht er große Bedrohungen durch ihre marktwirtschaftliche Durchdringung, die diese zu einer Werbeplattform verkommen habe lassen. Wohl unter dem Eindruck von Jürgen Habermas‘ „Theorie des kommunikativen Handelns“ erschien ihm die Arbeit am Konzept einer „kritischen Öffentlichkeit“ eine zentrale Voraussetzung, um kommunikative Akte der Politisierung zu ermöglichen. Dass Glaser in diesem frühen Stadium bereits das Thema Informatisierung („Der verkabelte Mensch“) verhandelt, zeugt von seiner beeindruckenden Voraussicht.

Vom Primat der Politik zum Primat des Marktes

Hinter all diesen Kritikpunkten verbirgt sich unschwer ein damals noch ungebrochener sozialdemokratischer Glaube, mit Hilfe geeigneter Reformmaßnahmen, die kapitalistische Dynamik aus Ausbeutung und Entfremdung wenn schon nicht brechen, so doch zähmen bzw. einhegen zu können, um so den ihn leitenden kulturellen Werten der Demokratisierung und Humanisierung zum Durchbruch zu verhelfen. Sein Ziel war die Politisierung der Gesellschaft durch Kultur und damit die Selbstbestimmung des Einzelnen durch Mitbestimmung in der Gemeinschaft. Als langjähriger Kulturdezernent der Stadt Nürnberg war ihm folglich die Suche nach der nachökonomischen Stadt ein ganz besonderes Anliegen.

Die darauf bezogene staatliche Verantwortung für Kulturpolitik bestünde darin, eine nicht-affirmative Kultur als eine demokratische Kultur in all ihren Erscheinungsformen zu ermöglichen. Eine solche wäre vorrangig im neu zu schaffenden Bereich der Soziokultur zu verorten, in der Kommunikation und Sozialisation abseits der enthumanisierenden Marktkräfte das Zusammenleben bestimmen würden. In einem solchen Setting käme die sozialstaatliche Bedeutung des Schönen zu sich. In diesem Kontext waren ihm Kultureinrichtungen zentrale Orte, wo es gelingen kann Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenzubringen, zum Austausch anzuregen und für gemeinsame Aktionsformen zu gewinnen. In ihnen könnten die Lernziele Solidarität und Beweglichkeit exemplarisch eingeübt werden.

Wir wissen heute, dass es spätestens mit dem „economic turn“ der damaligen sozialdemokratischen Leitfiguren Gerhard Schröder und Tony Blaír der späten 1990er und frühen 2000er Jahren ganz anders gekommen ist. Mit der weitgehenden Preisgabe des eigenen kritischen Gesellschaftsverständnisses zugunsten der Eingliederung in eine neoliberale Alternativlosigkeit wurde Glasers „Neuer Kulturpolitik“ weitgehend der politische Boden entzogen.

Seine antikapitalistische Grundhaltung Glasers hinderte ihn als Kunsthistoriker nicht daran, sich als einer der ersten mit dem Thema Industriekultur und damit den repräsentativen Kulturorte derer, die bislang ausgeschlossen waren, auseinander zu setzen. Auch diese Beschäftigung mit der kulturellen Dimension dieser Nutzbauten war für ihn aufs Engste mit der sozialen Frage verbunden. Immerhin sah er darin die Arbeit- und Alltagskultur samt dem Werteverständnis breiter Teile der Bevölkerung repräsentiert.

In „Bürgerrecht Kultur“ tritt Glaser als ein vehementer Kritiker der traditionellen Museen auf. In der Regel nur einem kleinen Teil einer ohnehin schon privilegierten Bevölkerung zugänglich sah er in ihnen zuallererst die Errichtung von Potemkinschen Dörfern, in der eine romantisierte Welt der Vergangenheit als schöne Fassade gegen die hässlichen Abgründe der Moderne zur Schau gestellt wird.

Soziokultur kann überall stattfinden

In einem Kapital gegen Ende des Bandes diskutiert Glaser konkrete Möglichkeiten, Soziokultur institutionell zu verorten. Praktischer Ausdruck ist ihm der “Kulturladen” (ein Name, der zur damaligen Zeit Schwellenängste gar nicht erst aufkommen lassen sollte): „Der Kulturladen ist stadtteil- bzw distriktbezogen einzurichten: als Kommunikationsort und Informationsstätte. (…) Ein solches kulturtopographisches Konzept hat einen wichtigen Stadtentwicklungsaspekt. Punktsanierung bedeutet nicht nur, Gebäude von ihrer Bausubstanz her aufzuwerten, sondern sie auch zu Zentren kultureller Aktivitäten zu machen, um über solche Aktivität das ganze Gebiet zu ‘veredeln'”.

Überregional bekannt ist vor allem das “KOMM” geworden. 1973 als jugendliches Kommunikationszentrum auf der Basis von Selbstverwaltung entstanden, hat es für 40 Gruppen die unterschiedlichsten Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Von der Stadt mit erheblichen Finanzmitteln getragen, besuchten das “KOMM” wöchentlich bis zu 3.000 junge Menschen im Alter von 18 bis 22 Jahren. Dieses Experiment war erfolgreich und mutig, aber nicht risikolos. Im März 1981 kam es zu einem Eklat, der bundesweit Aufsehen erregte. Bei einer Demonstration in der Innenstadt, die sich nach einem Film über niederländische Hausbesetzer spontan formiert hatte, wurden verschiedene, relativ geringfügige Sachbeschädigungen verübt. Die rigoros einschreitende Polizei verhaftete danach 172 Jugendliche und fünf Erwachsene, gegen 141 Personen wurden anschließend Haftbefehle erlassen. “Etwa ein Jahr nach der Massenverhaftung wurde das Verfahren eingestellt, einige Zeit später den Festgenommenen Schadenersatz zuerkannt.”

KOMM als ein Ort der Soziokultur im Sinne Glasers machte also die unmittelbare gesellschafts-politischen Relevanz dieser Einrichtungen deutlich. Darüber hinaus diskutiert Glaser weitere, auch unkonventionelle Kulturorte wie den Kinderspielplatz und den Altentreff als Integrationsstätten, Festivals als Orte des spielenden Lernens, Volkshochschulen als Zukunftswerkstätten, Bibliotheken als Begegnungs- und Informationsbearbeitungsstätte oder – siehe oben – das Museum Industriekultur als Ort der Spurensicherung. Diese kursorische Aufzählung einzelner Kultureinrichtungen sollte deutlich machen, dass das Prinzip Soziokultur sich nicht in der Errichtung einer eigens dafür geschaffenen Infrastruktur wiederfinden kann, sondern jeder Ort bei entsprechender kultur-politischer Aufladung zu einem soziokulturellen Zentrum werden kann, weil er künstlerische Selbstentfaltung ermöglicht. Also auch die Wiener Staatsoper, selbst wenn man das dort bis heute wohl nicht so gerne hört.

Dass vor allem dezentrale Kulturorte in den großen Wohnquartieren abseits der städtischen Zentren notwendig sind und zum Großteil neu errichtet werden müssen, um dort künstlerisches Tun und Alltagshandeln in einer bevölkerungsnahen Umgebung miteinander zu verbinden versteht sich fast von selbst. Die aktuellen Bemühungen der Wiener Kulturpolitik, etwa im Rahmen des Wiener Kultursommers, ein dezentrales Kulturangebot in den Alltag der lokalen Bevölkerung einzubetten, geht in diese Richtung.

Liest man Glasers wegweisenden Text 50 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, dann fällt vor allem auf, dass sich die gesellschaftlichen Grundbedingungen fundamental verändert haben. Wenn Glaser noch auf den Primat der Politik vertrauen konnte (und damit der Bereitschaft des Staates, viel Geld für die Kulturpolitik in die Hand zu nehmen), so erscheint heute der Primat der Wirtschaft auch im Bereich der Kulturpolitik alternativlos. Dementsprechend schwach ist die Hoffnung geworden, mit Hilfe des Mediums Kultur überzeugende alternative Gesellschaftsentwürfen näher zu kommen, die auf den Prinzipien der Demokratisierung und Humanisierung beruhen. Und nicht unzufällig wurde beim oben erwähnten ersten Lab_Soziokultur Kultur zu aller erst als ökonomisch relevanter „Innovationstreiber“ verhandelt, damit Soziokultur und Kulturindustrie weitgehend ununterscheidbar auf einen gemeinsamen Nenner gebracht.

Zugleich können wir feststellen, dass die ehernen Grenzziehungen zwischen den etablierten Orten affirmativer Kultur und ihren soziokulturellen Pendants zumindest relativiert haben. Da ist eine neue Durchlässigkeit festzustellen, die wohl auch damit zu tun hat, dass der Kunstbetrieb auf die Ressource Alltagskultur zunehmend angewiesen ist, um sich so auf immer neue Weise Marktrelevanz zu sichern. Diese Annäherung hat freilich auch mit sich gebracht, dass der Kunstbegriff, der bei Glaser noch empathisch als Medium der Gesellschaftsentwicklung verhandelt wurde, auf seinen schieren Marktwert verkürzt wurde, von dem keine utopischen Momente mehr ausgehen.

Wenn heute versucht wird, Kulturpolitik nach 50 Jahren neuer Kulturpolitik auf eine neue konzeptionelle Grundlage zu stellen, so wohl auch deshalb, weil ein gemeinsam verbindliches künstlerisches Qualitätsverständnis abhandengekommen ist. Angetrieben von einer Kunsttheorie diverser Avantgarden, der zu Folge im Prinzip alles Kunst sein kann, hat sich gegen Glasers Absichten ein umfassendes Anything-Goes durchgesetzt, als dessen einzig verbliebendes Qualitätskriterium sich der Erfolg am Kunstmarkt erweist. Umso wichtiger werden außerkünstlerische Kriterien wie Diversitätsaspekte, das Publikum und sein geändertes kulturelles Verhalten aber auch zunehmende Ununterscheidbarkeit von realen und digitalen Räumen.

Ihre Berücksichtigung könnten den Ausgangspunkt bilden, um mithilfe neuer künstlerischer Konzepte Kunst und Leben noch einmal enger miteinander in Beziehung zu setzen, um so dem kulturpolitischen Konstrukt der Soziokultur noch einmal neues Leben einzuhauchen.

Es lohnt, noch einmal einen Blick in „Bürgerrecht Kultur“ zu werfen

Zusammengefasst lässt sich sagen, es lohnt sich, „Bürgerrecht Kultur“ nochmals in die Hand zu nehmen. Und sei es, um festzustellen, wie weit die kulturpolitische Diskussion schon einmal war. Darüber hinaus aber finden sich in diesem Band aber auch Potentiale, die bis heute auf ihre Einlösung warten, selbst wenn sich der gesellschaftliche Kontext mittlerweile grundlegend geändert hat. Immerhin könnte es ja sein, dass irgendwann das Pendel zugunsten einer stärkeren Politisierung der Gesellschaft wieder zurückschlägt.

In Österreich hat sich zuletzt eine Regionalstelle der Deutschen Kulturpolitischen Gesellschaft gegründet. Die wäre ein möglicher Ort, um sich noch einmal auf eine soziokulturelle Spurensuche zu begeben, die mehr will, als das Überleben einzelner Kulturinitiativen am Rand der Gesellschaft zu sichern.

Den Anfang der kupoge Österreich macht eine Begegnung mit der Buchhändlerin Ulla Harms. In ihrem Geschäft kann man nicht nur Bücher kaufen, man kann dort auch Kaffee trinken, Menschen treffen, Zeit verbringen, sich austauschen, schlicht, sich in Geselligkeit üben. Und bereichert nicht nur mit dem einen oder anderen Buch nach Hause gehen. Sich, wenn auch bescheiden, in Soziokultur üben.

Das Treffen findet am 29. Juni um 18:00 Uhr in 1150 Wien, Kriemhildplatz 1 statt.

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