Avatare - was will uns der User damit sagen?

Inwieweit beeinflussen Avatare das Bild, das wir uns von einer Person machen. Was sagen sie aus, über die Person, die sie wählte. Sind sie Spiegelbild der Persönlichkeit ihres Nutzers, oder eher bewusste Botschaft, womöglich Hochstapelei. Inzwischen gibt es wissenschaftliche Studien zum Thema.

Die Psychologieprofessoren Cade McCall und Benedikt Joos von der University of California in Santa Barbara wiesen nach, dass große Parallelen in unseren Verhaltensweisen und Reaktionen zwischen der virtuellen und der realen Welt bestehen. Das geht so weit, dass Avatare in künstlichen Welten sogar zur Therapie genutzt werden können.

So, wie auch im richtigen Leben die äußere Erscheinung eine wichtige Rolle bei der Einschätzung einer Persönlichkeit spielt, allemal beim ersten Eindruck, so ist auch ein Avatar unvermeidlicher Bestandteil des Bildes, das wir uns von einer Person machen.

Welche Avatar-Typen gibt es überhaupt?

Gleich vorweg: Jeder Avatartyp besitzt sowohl positive als auch negative Eigenschaften, und Ähnlichkeiten mit realexistierenden Personen sind natürlich rein zufällig (unvermeidbar).

Der Kindische: Er nimmt sich nicht so ernst, beweist Humor und Selbstironie. Er sucht den primär unterhaltsamen Austausch mit anderen, ohne dabei als Oberlehrer daherzukommen. Womöglich signalisiert er gar eine gewisse Lernbereitschaft. Ganz auszuschließen ist auch nicht, dass er nur den Naiven spielt, und klammheimlich alle über den Tisch zieht.

Der Lustige: Er wählt einen witzigen Avatar und zeigt damit gleich seine Prioritäten. Keine Botschaft, keine bierernsten Streitgespräche, lieber gibt er den Klassenkasper. Was nicht heißt, dass er nicht ernst sein kann, wenn es darauf ankommt.

Der Listige: Er will mit seinem Avatar falsche Fährten legen, Dinge vortäuschen. Er versucht gezielt, zu täuschen, zu manipulieren, womöglich hochzustapeln. Das ist gar nicht soooo negativ, wie es klingt, denn unbewusst versucht doch jeder Mensch, sein Gegenüber zu manipulieren, für sich zu gewinnen. Und jeder hat - bei Gelegenheit - schon mal ein bisschen hochgestapelt. Der Listige aber tut das bewusst und strategisch. Ob er deshalb ein "fieser Charakter" ist, hängt vom Einzelfall ab, denn oft ist Listigkeit auch nur eine Form von Selbstdarstellung oder wird für die (höheren) Interessen einer Gemeinschaft eingesetzt.

Der Weise: Er kommt mit Symbolen daher, die seine Weisheit und sein Wissen darstellen sollen. Eventuell auch nur seinen Wunsch nach Weisheit und Wissen, also seine Interessenpriorität. Wobei beides miteinander verschwimmt, denn wer viel weiß, oder glaubt viel zu wissen, oder gerne viel wissen möchte, der wähnt sich auch ein bisschen Weise.

Der Ehrliche: Er verwendet einfach irgend ein Bild von sich selbst, das gerade oben in der Schublade lag. Womöglich ein Passfoto. Ob es ihn vorteilhaft präsentiert und von Format und Bildqualität her überhaupt geeignet ist, ist ihm völlig Wurst. Ich bin wie ich bin! Nehmt mich so oder rutscht mir den Buckel runter.

Der Selbstdarsteller: Auch er verwendet Bilder von sich selbst, inszeniert sich aber. Sei es mit mehr oder weniger gekonnten Selfies aus ungewöhnlichen Perspektiven, sei es mit besonders gelungenen Schnappschüssen seiner Person. Ihm ist wichtig, wie er bei anderen rüberkommt. Sehr wahrscheinlich interessiert er sich für Mode, Körperpflege und Stilfragen und achtet auf sein Äußeres. Allemal wird er auch im Privatleben bemüht sein, einen guten Eindruck zu machen bzw. was er dafür hält. Was sich nicht auf's Aussehen reduzieren lässt und deshalb auch nicht auf Eitelkeit reduziert werden kann.

Der Naturliebhaber: Er dokumentiert seine Liebe zur Natur durch Bilder von Pflanzen oder Panoramen. Hier greift die ganze Vielfalt der Psychologie, denn jedes Bild hat seine eigene Aussage. Ist es ein Gänseblümchen oder eine Eiche, ein gewaltiger Berg oder ein ruhiger See? Eine pauschale Klassifizierung, über seine Liebe zur Natur hinaus, ist nicht möglich, vielmehr muss man das konkrete Motiv analysieren.

Der Tierliebhaber: Er verwendet Schnappschüsse von seinem Dackel, oder irgendeinem wildlebenden Tier. Auch hier ist, über die Liebe zum Tier hinaus, keine pauschale Aussage zu machen. Entscheidend ist das Tier. Ist es ein Basset oder ein Kampfhund, eine Maus oder ein Tiger?

Der Verrückte - Er dokumentiert schon durch seinen Avatar: Ich bin anders. Ich bin verhaltensauffällig. Und ich verstecke mich deshalb nicht, sondern will wahrgenommen werden. Er ist der Klassenkasper in der Schule, der Partyschreck und Hochzeitscrasher, der Provokateur in der Politik. Oder auch einfach nur jemand, der das gerne wäre.

Da es wiederholt Beschwerden wegen meines Avatars gab, einige fühlten sich davon angeschrien, einige gar bedroht, habe ich ihm nun einen Maulkorb verpasst. Jetzt ist er GANZ ungefährlich, ehrlich. Ganz nebenbei ist das nun auch ein Symbol für Maulkorb, für Zensur, für das alles erstickende Korsett der politischen Korrektheit, also dem Hauptanliegen meines Internetwirkens seit Piratenzeiten.

Wie aussagefähig sind Avatare nun wirklich?

Die Psychologen Katrina Fong und Raymond Mar von der York University in Toronto haben Online-Avatare in dieser Hinsicht unter die Lupe genommen: Welche Persönlichkeitsmerkmale werden über diese Figuren kommuniziert? Und entspricht das auf diese Weise vermittelte Bild der Realität?

Die Ergebnisse zusammengefasst: Es scheint tatsächlich möglich zu sein, von einem Avatar konkrete Informationen über die wahre Persönlichkeit seines Nutzers abzuleiten. Allerdings funktioniert das nicht für alle Charakterzüge gleichermaßen gut. Eigenschaften des Gefühlslebens, also wie aufgeschlossen oder eben introvertiert eine Persönlichkeit ist, lassen sich aus den Avataren besser ablesen als intellektuelle Eigenschaften, z. B. wie offen jemand für neue Erfahrungen ist, oder wie gewissenhaft er ist.

Inwieweit ein Avatar überhaupt versucht, ehrlich zu sein, hängt ebenfalls stark von der Persönlichkeit des Nutzers ab. Wer offen und kontaktfreudig ist, wählt eher einen Avatar, der seine eigene Persönlichkeit widerspiegelt. Verschlossene Menschen und solche mit geringem Selbstwertgefühl neigen eher dazu, Figuren zu gestalten, die ihnen nicht ähneln.

Schließlich zeigte sich, genau wie im richtigen Leben, dass Avatare mit offenem Blick, die lächeln oder grinsen, als am sympatischsten empfunden werden.

Und wieviel wird gelogen, bei Avataren?

Eine Studie von R.A. Dunn & R.E. Guadagno (My avatar and me – Gender and personality predictors of avatar-self discrepancy. Computers in Human Behavior) bestätigt im Wesentlichen die oben angeführten Ergebnisse, geht aber mehr auf die Frage ein, wieviel bei Avataren geschummelt wird.

Am wenigsten ist dies offenbar beim Geschlecht der Fall. Die Mehrzahl der User bleibt beim eigenen Geschlecht. Bei den konkreten Eigenschaften des Avatars wird allerdings kräftig hochgestapelt, und zwar meist im sozialadäquaten Sinne. Insbesondere Personen, die auch im realen Leben als aufgeschlossen, kontaktfreudig und umgänglich bezeichnet werden können, wählen Avatare, die diese Eigenschaften vermitteln, nur halt noch eine Schippe drauf, soll heißen, man macht sich schöner und besser, als man real ist. Gewissermaßen so, wie man gerne sein möchte.

Die größten Differenzen zwischen dem Avatar und dem Selbst zeigten sich bei Persönlichkeiten mit ausgeprägterer Introversion und ausgeprägterem Neurotizismus (stärkeres Erleben negativer Emotionen). Sie neigen dazu, Idealbilder zu erschaffen, die mit den eigenen Wesenszügen und auch Optik nur noch wenig zu tun haben. Psychologisch leicht durchschaubar, wenn ein Foto (womöglich Fake), eine Kurzbiographie etc. allzu perfekt und beeindruckend daherkommen.

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