ein immer noch aktueller text aus 2008, leicht aktualisiert.

Heute vor dreißig Jahren wurden vier Menschen ermordet, in Berlin, in einem Restaurant namens Mykonos. Der Name ‚Mykonos’ wurde danach ziemlich bekannt, und zwar nicht als Urlaubsziel, sondern im Zusammenhang mit einem Strafprozess. Der ging immer wieder durch die Presse – am Ende deshalb, weil das Gericht die ‚islamischer Republik Iran’ als Auftraggeber dieser Morde benannte; so deutlich war bis dahin noch kein Gericht gewesen, wenn es darum ging, Auftraggeber politischer Morde zu benennen.

Aber nicht deshalb gedenke ich. Obwohl es da eine Menge zu bedenken gäbe. Beispielsweise, dass einer der verurteilten Täter im Wege der Ausweisung nach Teheran ausgeflogen wurde. Nicht ganz klammheimlich, weil die Angehörigen der Ermordeten protestierten. Vor allem die in der BR Deutschland lebenden Angehörigen.

Ich gedenke heute eines der Ermordeten besonders. Nicht um die anderen Ermordeten geringer zu achten, weniger wertzuhalten. Das nicht. Sondern weil dieser eine Ermordete bis heute mit der BR Deutschland und vor allem mit Berlin verbunden ist.

Ich – und ganz bestimmt nicht nur ich – gedenke heute eines Mannes. Sein Name ist Nouri Dehkordi.

Zur Person Nouri Dehkordi kann ich nicht viel sagen, das können andere, seine Frau und Witwe und seine Tochter und Waise vor allem, viel besser. Ich kann nur etwas zu dem Nouri Dehkordi sagen, den ich nicht als überaus gewichtigen Exil-Politiker kennen gelernt habe, sondern als den Sozialarbeiter und Rechtsberater für Flüchtlinge/Asylsuchende in Berlin. Natürlich hätte er keine Rechtsberatung im strengen Sinne machen dürfen, aber … Wie das so ist, beim ‚learning by doing’, er lernte, erwarb Erfahrungen, gab die weiter, vermittelte: den Flüchtlingen/Asylsuchenden sein Wissen, seine Erfahrung und die Flüchtlinge/Asylsuchenden und sein Wissen, seine Erfahrung an RechtsanwältInnen, der Ausländerbehörde, dem Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge, der Zentralen Sozialhilfestelle, den VerwaltungsrichterInnen manchmal auch, welche Wege außer den bekannten untauglichen Trampelpfaden zu einem lebbaren Ergebnis führen könnten und wo die Grenzen ihrer Macht liegen. Immer war ihm das wichtig, was früher ‚Hilfe zur Selbsthilfe’ hieß und heute ‚Empowerment’.

Nouri Dehkordi war ein Mensch, mit dem und von dem gut zusammen lernen und arbeiten war.

Nouri Dehkordi hat als Sozialarbeiter und Rechtsberater aktiv Exil gelebt, Exil gestaltet. Er hat sich selbst und andere (egal, woher sie kamen) ermutigt, dies Exil selbst zu gestalten, die rechtlichen Bedingungen dieses Exils kennenzulernen, auszuschöpfen, zu verändern, umzugestalten. Und den deutschen Gestaltern des Exils etwas abzuverlangen, die Menschenrechte ernst zu nehmen, wie unvollständig auch immer sie erst noch formuliert, positiviert, kodifiziert und ratifiziert sein mögen.

Mag sein, dass anderen Nouri Dehkordi als Exil-Politiker im üblichen Sinne und das auch zu Recht wichtiger war. Mir war und ist er als der Exil-Politiker im un-üblichen Sinne wichtig gewesen und geblieben. Von ihm habe ich gelernt (neu und erneut), dass Exil nicht nur bedeutet, nicht in seinem Herkunftsstaat/land leben zu können und dies zu bedauern. Sondern Exil bedeutet auch, mich auf das einzulassen, wo ich bin, da zu leben und zu arbeiten und mitzugestalten, sich nicht ausschließen zu lassen und vor allem sich selbst nicht auszuschließen. Denn bekanntlich gibt es immer genug andere, die das Geschäft für eine/n selbst übernehmen – und manche ja auch sehr gern.

Was Nouri Dehkordi heute denken und sagen und tun würde, weiß ich natürlich nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass er mit vielem nicht einverstanden und dass etliches ihm ein Graus wäre.

Gegen einen Oberstaatsanwalt Reusch (heute AfD) als Chef einer Abteilung ‚Intensivtäter’ hätte er gearbeitet, genauso wie gegen die ganze Abteilung. Weil er diese in ihrer Form für völlig falsch gehalten hätte und an den materiellen Lebensbedingungen dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen völlig vorbei. Daran vorbei deshalb, weil Nouri Dehkordi gesehen und erklärt hätte, dass diese materiellen Lebensbedingungen keine selbstgewählten sondern von deutschen Behörden verordnete sind, nicht geeignete Bedingungen für Integration sondern geeignete und als solche gewollte Bedingungen zum Zweck der Exklusion.

Gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde hätte Nouri Dehkordi genauso gearbeitet wie dagegen, dass die Kinder von Menschen ohne Paß oder sonstige amtliche Personaldokumente ihrer Herkunftsländer in Berlin ab kurz nach Beginn dieses Jahrtausends keine Geburtsurkunden mehr ausgestellt erhielten – zu ähnlich nicht-existierenden Menschen gemacht wurden wie manche/viele Kurden in Syrien (beispielsweise). Aber das eben nicht in der arabischen Republik Syrien sondern hier, in Berlin, Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland im dritten Jahrtausend nach Christi Geburt. Das hätte ihn allerdings aufgeregt. Und zwar für Menschen aus Kurdistan wie aus Nigeria wie aus Rumänien gleichermaßen.

Ich will es dabei bewenden lassen. Und hoffe, für die, die Nouri Dehkordi kannten, wie auch für die, die ihn nicht kannten, ist dieser Mensch Nouri Dehkordi noch einmal lebendig geworden. Wir haben ihn nicht verloren, er wurde uns geraubt. Und deshalb lebt er in unserem Gedenken weiter.

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Kai-Uwe Lensky

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Charley

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