Akademischer Unsinn über Covid-19, Episode 5: Jahres-Sterbezahlen.

Corona-Kontaktbeschränkungen und Grundrechtseingriffe bis hin zu Lockdowns incl. aller Kollateralschäden dienen dem Zweck, dem Killervirus möglichst wenige Menschenleben zu opfern. Aber sie können auch ungezählte Existenzen vernichten und gehen jedem mindestens gehörig auf die Nerven.

Zusammengefaßt: Corona ist ganz große Sch****e.

Deshalb werden sämtliche Meinungen und Behauptungen, die irgendwie in Richtung "Alles nicht so schlimm, die Maßnahmen unserer Regierung sind völlig übertrieben" gehen, gierig aufgesaugt. Weil Zuhörer bzw. Leser dabei unbewußt hoffen, es möge doch bitteschön wahr sein, werden die Urheber spontan als sympathisch und ehrlich wahrgenommen.

Das zeigt sich auch hier auf FuF an hohen Blogbewertungen und vielen grünen Daumen z.B. für Verharmlosungen, die bei näherem Hinsehen völliger Unsinn sind.

Besonders leichtgläubig wird das Volk bei Bagatellisierungen der Coronaseuche, wenn sie von einem ein Dr. oder Prof. kommen - denn für viele Zuhörer und Leser schwebt über seinem Kopf ein gefühlter Heiligenschein aus Wissen und Ehrlichkeit. Über solche Fälle schreibe ich in meiner Blogreihe Akademischer Unsinn; heute geht es mal nicht um Ärzte, sondern um Zahlenprofis.

Ende des Vorspanns, nun zum Thema.

Verharmlosungen kann man nur im Vergleich mit der Realität erkennen.

Und die zeigt immer wieder, daß Covid-19 ein potentieller Massenkiller ist. Nicht weil es fast jeden Infizierten tötet wie z.B. Ebola, sondern weil es extrem infektiös ist und damit seine Todesrate (IFR, die nach aktuellem Wissensstand "nur" im Bereich der Grippe liegt) sehr schnell über ganze Völker ausbreiten kann.

Das passierte z.B. in Spanien:

Our World In Data + eigene Ergänzungen

Die streuenden grauen Kurven zwischen Dezember und März zeigen die Toten während der Grippewellen ab 2015 ohne Lockdowns, der rote Berg im Frühjahr zeigt die Opfer der 1.Coronawelle trotz Lockdown.

Auf dem Höhepunkt der 1.Welle in der 14. Woche starben 20.767 Menschen, im Mittel der Jahre 2015 bis 2019 waren es 8.118. Die Übersterblichkeit lag demnach bei 20.767 / 8.118 - 1 = 1,558 bzw. 156%.

Berechnet man die mittlere Übersterblichkeit während der 1.Coronawelle, dann erhält man 135.320 / 86,627 - 1 = 56,2%. Das ist nur rund 1/3 der höchsten Wochen-Übersterblichkeit.

Aber die Wirkungen einer Seuche wie überlaufene Kliniken oder überlastete Leichenbestatter und Krematorien zeigen sich nicht in Durchschnittswerten, sondern in Echtzeit "wenn es brennt".

Stellt man sich vor, daß in Spanien in einer Woche landesweit(!) rund zweieinhalbmal so viele Menschen starben wie normal, dann ahnt man vielleicht die Dramatik dieses Covid-19-Ausbruchs.

Eine extreme Bagatellisierung von Seuchen, die hauptsächlich in kurzen Wellen töten, ist die Jahres-Übersterblichkeit. In Spanien starben bis zur Woche 51 (2020) 482.632 Menschen, im Mittel der Jahre 2015 - 19 waren es 407.818 Tote. Das ergibt eine (Fast-)Jahresübersterblichkeit von 18,3%, also weniger als 1/8 der höchsten Wochen-Übersterblichkeit.

In Österreich und Deutschland konnte man die 1.Coronawelle dank früher Lockdowns so effektiv kastrieren, daß selbst die maximalen Wochen-Übersterblichkeiten niedriger lagen als die o.g. spanische Jahres-Übersterblichkeit. Hier ein Vergleich mit anderen EU-Ländern bis zur Woche 44:

Our World In Data + eigene Ergänzungen

Prompt schrieben einige Sympathie-Sucher schönfärberische "Corona-ist-ja-doch-ganz-harmlos"-Artikel - wie z.B. die Rechenkünstler vom ORF, die anhand der damals vermuteten Jahres-Sterberate feststellten "In Österreich lagen die Bundesländer Wien, Steiermark, Salzburg und Vorarlberg von der Sterblichkeit her im Durchschnitt, die anderen Länder darunter – selbst Tirol, wo in absoluten Zahlen in diesem Zeitraum die meisten Coronavirus-Toten zu verzeichnen waren."

Etwas später haben sich auf Boris Reitschusters Webseite ein Dr. A. Weber und ein Prof. Dr. Thomas Rießinger als Gastautoren über die deutschen 2020er Jahres-Sterbezahlen hergemacht um zu zeigen, daß die Maßnahmen der Regierungen bis hin zu Lockdowns völlig überzogen wären.

Ihre Methode: Sie erfassen den Trend der jährlichen Sterbezahlen von 2006 bis 2019, erstellen daraus eine Hochrechnung (lineare Extrapolation) für 2020 und behaupten, es werde so kommen. Die Kernsätze ihrer Artikel zitiere ich hier.

Weber: "Der Verlauf von 2020 ist bis jetzt also als mild bis statistisch unauffällig einzustufen." Mit dem "bis jetzt" hat sich der Autor noch ein Hintertürchen für steigende Todeszahlen in der 2. Coronawelle offengehalten.

Rießinger: "Wie man auch rechnet, es ergibt sich, dass im Jahre 2020 eine zwischen 957000 und 967000 liegende Zahl von Sterbefällen in Deutschland völlig im Rahmen der Sterbedaten der Jahre 2006 bis 2019 liegen würde."

Mit den maximal 967.000 Toten hatte er ein Normalitätsfenster bis 1,0% über dem reinen Extrapolationswert für 2020 (957.006) definiert, mußte aber 3 Wochen später anhand der neueren Destatis-Daten feststellen, daß er das Killerpotential von Covid-19 weit unterschätzt hatte, Zitat:"Es wird also mehr Sterbefälle geben, als meine einfache Beispielrechnung erwarten ließ." Kurz bevor die Sterbezahlen der letzten Jahreswoche veröffentlicht wurden, hat er sein Normalitätsfenster mit maximal 978.600 Toten (= 2,3% mehr als 957.006) hastig mehr als verdoppelt!

Tatsächlich zeigen die aktuellen Destatis-Sterbedaten mit 972.155 Toten bis einschl. Woche 52, daß die Linear-Prognose für ganz Deutschland einigermaßen gut paßt:

eigene Auswertung

Das funktioniert aber nur, weil ca. die Hälfte der Opfer der ebenfalls relativ milden 2. Coronawelle erst in 2021 sterben wird und die minimale Grippewelle bis zur 11. Woche eine "Untersterblichkeit" von rund 11.000 Fällen hinterließ . . .

Destatis + eigene Ergänzungen

. . . die von der (lockdown-kastrierten!) 1.Coronawelle mit ca. 10.000 Toten ungefähr ausgeglichen wurde, ohne daß schon im Frühjahr eine deutliche Jahres-Übersterblichkeit entstand.

Da Herrn Rießingers professorale Hochrechnung an keine speziellen Voraussetzungen geknüpft ist, müßte sie überall funktionieren.

Aber schon in Sachsen wird klar, daß sie auch mit 2,3% Toleranzreserve (das wären 57.541 Tote in 2020) an der Realität scheitert:

eigene Auswertung

Die tatsächliche Sterbezahl von 60.855 liegt 8,2 % über dem linearen Extrapolationswert von 56.248 Sterbefällen.

Wer sich in Österreich noch an der Jahressterblichkeit festklammert, muß inzwischen erkennen, daß die Sterbezahlen den ORF-Unsinnsbericht weit überholt haben. Auch hier scheitert Prof. Dr. Rießingers Linearprognose krachend:

eigene Auswertung

Die 2020er Sterbezahl liegt um 9,4% über dem Linearmodell.

Wie zu erwarten, versagt Prof. Dr. Rießingers Prognose in Spanien noch heftiger (OWiD = Our World in Data):

eigene Auswertung

Die 2020er Sterbezahl liegt um 14,8% über dem Linearmodell.

Angesichts dieser Rohrkrepierer (außer in ganz Deutschland) wird klar:

Sterbezahl-Tricksereien, die im Zusammenhang mit Covid-19 eine Normalität vorgaukeln, kann man nur als ignoranten und gefährlichen Unsinn bezeichnen.

Ignorant, weil er "übersieht", daß niedrige Übersterblichkeiten wie in Österreich und Deutschland nur die Folge der rechtzeitigen Lockdowns sind (siehe die 2.Grafik oben)

Gefährlich, weil er leichtgläubige Menschen verleiten kann, die Coronaregeln zu ignorieren und damit das Killervirus in seiner Paradedisziplin "Rasend schnelle Verbreitung" noch weiter anzuschieben.

Alle oben verlinkten Artikel von ORF, Dr. Weber und Prof. Dr. Rießinger verteilen zudem die (Corona-)Toten aus einer kurzen Zeit rechnerisch auf ein Jahr. Die ganze Hinterfotzigkeit dieses Taschenspielertricks zeigt sich, wenn man ihn z.B. auf die fast 3.000 Todesopfer der 9/11-Terroranschläge in New York City anwendet. Dort sterben pro Jahr normalerweise rund 55.000 Menschen (wegen des niedrigeren Altersdurchschnitts weniger als in Österreich mit fast gleicher Bevölkerungszahl); daher könnten Schlaumeier wie Dr. Weber oder Prof. Dr. Rießinger mathematisch korrekt feststellen:

"Die Toten von 9/11 haben die jährliche Sterblichkeit in NYC um 5,5% erhöht, das ist statistisch kaum relevant. Islamistische Terroristen sind also nicht besonders gefährlich, solange sie nur Flugzeuge in Wolkenkratzer steuern."

.

Lust auf mehr Corona-Unsinn von der Universität?

Medikamentenstudien mit 2.515 Teilnehmern töten über 170.000 Menschen

Todeszahlen beachte ich nur, solange sie mir in den Kram passen

und die Sammelsurien des Professorenpaares Reiss / Bhakdi.

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