Auch Akademiker reden Unsinn - manche sogar zum Geldverdienen. Episode 1.

Wenn es um die Erklärung wichtiger Themen geht, werden in Deutschland fast immer Doktoren und Professoren interviewt - offenbar weil ein großer Teil des Volkes angesichts ihres vermuteten Wissens innerlich auf die Knie fällt und sie spontan als fachliche Autoritäten anerkennt. Aber damit fällt man manchmal nicht nur auf die Knie, sondern völlig auf den Bauch. So auch beim Thema Covid-19.

Zur Einschätzung der Gefährlichkeit einer Epidemie oder Pandemie ist die erste Frage meistens "Wieviele Menschen sterben daran?"

Antworten jenseits aller komplizierten CFR- und IFR-Hochrechnungen gibt es beim Projekt Euromomo: Dort zählt man für knapp die halbe Bevölkerung Europas (= die teilnehmenden Staaten) ständig die Todesfälle und bereitet sie als Wochenzahlen auf - völlig unabhängig von den Todesursachen.

Ungewöhnlich hohe Todeszahlen können daher jedwede Ursachen haben: z.B. Seuchen, Natur- oder Umweltkatastrophen, heftige Bürgerkriege, Atombombenexplosionen usw. Solange nichts derartiges passiert, werden z.B. jegliche Übersterblichkeiten im Winter traditionell pauschal der Grippe zugeschrieben, was aber strenggenommen nur Vermutungen sind.

Am Anfang der 1. Coronawelle waren Euromomo-Grafiken willkommenes Erklärungs-Material. Z.B. versuchte hier ein Dr. Schiffmann von 2:13 bis 4:37 Minuten zu zeigen, daß Covid-19 die Sterblichkeit in keinem europäischen Land erhöht.

Mitte April 2020 wurden Euromomo-Daten nur noch hergenommen um zu behaupten, die 1.Coronawelle sei nicht tödlicher als die Grippe und wäre nun vorbei: ab 11:15 Minuten in

Sowohl Dr. Schiffmann als auch Prof. Dr. Homburg hatten trotz ihrer akademischen Titel offenbar nicht kapiert, daß die Kurven am rechten Rand solange steigen, bis jeder Todesfall an Euromomo gemeldet und dort in die Daten eingepflegt ist. Was durchaus Wochen dauern kann.

Nachdem auch das letzte Land seine Daten an Euromomo übermittelt hatte, sieht die Grafik "All Ages" (im neuen Design) so aus:

https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps# + eigene Ergänzungen

Die Mini-Grippewelle 2019/20 dauerte nur bis zur 7.KW, in der 8.KW starben 92 Menschen weniger als saisonal üblich. Die daran anschließende Spitze ganz rechts ist nun auf Rekordhöhe gewachsen und zeigt mangels plausiblerer Erklärungen, daß Covid-19 pro Woche trotz aller Lockdowns in den Ländern mehr als doppelt so viele Menschen umgebracht hat wie die aggressivste Grippewelle der letzten Jahre (2016/17) ohne einen einzigen Lockdown.

Aber Europa ist nicht das Zentrum der Erde, und Covid-19 verursacht rund um den Globus Übersterblichkeiten jenseits aller Grippewellen nach der Spanischen Grippe. Dank der Meinung des damaligen Covid-19-Leugners Donald Trump konnte die Welt am Beispiel New York City miterleben, was passiert, wenn Covid-19 ohne rechtzeitigen Lockdown über ein Ballungszentrum mit einer Einwohnerzahl ähnlich der von Österreich herfällt. Auch die folgende Grafik zeigt nach dem Euromomo-Prinzip alle wöchentlichen Toten als Abweichung von der Normalsterblichkeit, unabhängig von den Todesursachen:

https://www.nytimes.com/interactive/2020/04/27/upshot/coronavirus-deaths-new-york-city.html, eigene Ergänzungen in deutsch

Ja, liebe Leser: Der rote Wolkenkratzer ganz rechts bildet die Übersterblichkeit aus 6 von 9 Wochen eines Todessturms ab. Die Spitze in der 15.KW liegt ungefähr bei +5.800 Toten pro Woche, das entspricht gegenüber den üblichen 1.000 Toten einer Übersterblichkeit von ca. 580%. Zum Vergleich: Die beschriftete Hundehütte in 2018 war die schlimmste Grippewelle! Erst nachdem in der 12. KW 2020 mehr als das Doppelte des Maximums jener Grippewelle gestorben waren, kam der Lockdown.

Wäre Covid-19 so (un)gefährlich wie eine Grippe, dann würde man am rechten Rand nur weitere Hundehütten statt des Wolkenkratzers sehen!

Auch in europäischen Metropolen stieg die Übersterblichkeit im Frühjahr 2020 weit über normale Grippewellen - z.B. in London und Stockholm auf 225% bzw. 154%.

Ich finde es schon dreist, wie Prof.Dr.rer.nat.Reiss diese und weitere Fakten in ihrem Vortrag vom September 2020 (also 3 Monate nach der 1.Coronawelle in Europa und den USA!) völlig ignoriert:

Ab 4:20 Minuten spricht sie über die relativ wenigen Covid-19-Toten in China und "vergißt" zu erwähnen, daß China brutale Quarantänemaßnahmen auffuhr, um das Virus zu stoppen. Meine laienhafte Diagnose: Präventionsparadoxon.

Ab 9:00 Minuten behandelt sie die angeblich unsinnig hohen Testzahlen und präsentiert auf der Leinwand eine technische Absurdität - trotz ihres Doktortitels in Naturwissenschaften:

https://www.youtube.com/watch?v=8mD2BPTp12k

Wenn ein System rauscht, überdeckt das Rauschen (hier: 2%) alles Niedrigere, und es wird immer mindestens das Rauschen gemessen. Daher kann die gemessene graue Kurve (= Positivquote der PCR-Tests) unmöglich dauerhaft unter die rote Linie fallen! Auflösung: Das PCR-Testrauschen liegt nicht bei 2%, sondern höchstens bei ca. 0,6% - das ist die niedrigste Positivquote der wöchentlichen RKI-Daten.

Ab 19:25 Minuten vermutet sie, daß "die Todesrate" bei Covid-19 nur bei ca. 0,4% liegt, nahe einer Grippe. Und "vergißt" mal wieder, die 2.Komponente der Tödlichkeit zu erwähnen: nämlich die Infektiosität, mit der man bildlich-simpel die Todesrate multiplizieren muß, um die Gefährlichkeit eines Virus einzuschätzen. Und genau weil Covid-19 hochansteckend ist, hatten z.B. einige Euromomo-Länder (und generell auch dicht bevölkerte Metropolen) trotz relativ geringer "Todesrate" viel mehr Covid-19-Todesopfer als während den schlimmsten Grippewellen der letzten Jahre:

https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps#

Die hohe Spitze am rechten Rand der 1.Grafik oben entsteht größtenteils aus den Spitzen dieser Einzelkurven. Geht Frau Prof.Dr. Reiss auf diese Daten ein? Nein, mit keinem Wort.

Ab 20:00 Minuten wärmt sie die Thesen des Hamburger Pathologen Klaus Püschel auf ( sinngemäß: "Die meisten starben nicht an Covid-19, sondern nur mit Covid-19" ), die schon ca. 2 Wochen vorher widerlegt wurden. Konkret starben 86% der obduzierten Coronatoten an Covid-19:

https://www.pathologie.de/?eID=downloadtool&uid=2019

Ab 29:30 Minuten reitet sie nochmal ganz ungeniert auf dem Präventionsparadoxon, indem sie statt der europaweiten Frühjahrs-Übersterblichkeit in der Grafik oben nur die deutschen Todes- und Infektionszahlen betrachtet und mit keinem Wort den Lockdown erwähnt, der diese relativ entspannte Situation erst geschaffen hat.

Ab 35:00 Minuten versucht sie anhand des weitgehend nutzlosen R-Wertes zu zeigen, daß der Lockdown erst kam, als schon keine Gefahr mehr bestand.

Als absolute Krönung entlarvt sie bei 29:37 Minuten ihre gezielte Manipulation, indem sie zwecks Fake-Beweis "es gibt keine relevante Covid-19-Übersterblichkeit" die deutschen Jahres-Todeskurven von 2018 und 2020 vergleicht.

Liebe böse Frau Schwindelprofessorin: Übersterblichkeiten werden aus dem Vergleich mit dem langjährigen Durchschnitt ermittelt, statt anhand eines willkürlich gewählten Referenzjahres, das Ihnen grade in den Kram paßt!

Nimmt man z.B. die gemittelten letzten 4 Jahre als Referenz, dann erkennt man in Deutschland für 2020 prompt eine eindeutige Frühjahrs-Übersterblichkeit . . .

https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Corona/Gesellschaft/bevoelkerung-sterbefaelle.html + eigene Ergänzungen

. . . die nicht nur auffällig mit den Covid-19-Toten laut RKI-Daten übereinstimmt, sondern auch ab 3 Wochen nach dem Lockdown zu sinken begann. Warum? Weil Covid-19-Todesopfer sich im Mittel 3 Wochen vorher infiziert hatten (siehe Abschnitt i hier) und bis 3 Wochen nach einem Lockdown noch der erregerspezifische Anteil derer stirbt, die sich vor dem Lockdown infizierten! Damit sollte auch klar sein, daß der deutsche Frühjahrs-Lockdown alles andere als wirkungslos war.

Wie die 2.Grafik oben zeigt, folgte sogar der Lockdown im Katastrophengebiet New York City der 3-Wochen-Regel: nach der 15.KW begannen die Todeszahlen zu sinken. So liegt es auf der Hand, daß die Übersterblichkeit ohne Lockdown noch weiter "durch die Decke geschossen" wäre! Wer das alles als bloßen Zufall abtut, der möge hier weiterlesen.

Bezeichnend für den Vortrag der Frau Reiss (ab jetzt nenne ich ihre Titel nicht mehr): Obwohl er zum großen Teil aus einseitig verharmlosender Desinformation besteht, warnt sie ab 7:15 Minuten allen Ernstes vor Fakenews und läßt sich bei 16:09 Minuten für das Wort "Volksverdummung" applaudieren!

Und wo bleiben nun ein Dr. Schiffmann, Prof.Dr. Homburg oder auch das Mediensternchen Prof.Dr.Sucharit Bhakdi (der zugleich der Ehemann der Frau Reiss ist), wenn es darum geht, die Frühjahrs-Übersterblichkeiten 2020 in den Grafiken oben plausibel zu erklären? Sie ducken sich weg und lassen Euromomo fallen wie eine heiße Kartoffel, um nicht mit der Wahrheit herausrücken zu müssen:

Covid-19 wird zum Massenkiller, sobald man ihn zu lange ohne jegliche Eindämmungsstrategien auf eine ungeschützte Bevölkerung losläßt, deren Häuser (und Arbeitsplätze etc.) nicht infektionssicher-weit auseinander liegen!

Warum aber verbreitet Frau Reiss den oben aufgezeigten Unsinn? Der Anfang ihres Videos zeigt auf der Leinwand eine Antwort namens "Corona Fehlalarm". Das ist ganz zufällig der Titel eines Buches, das sie und ihr Mann Prof.Dr.Sucharit Bhakdi geschrieben haben.

Daher sehe ich ihren Vortrag hauptsächlich als Werbeveranstaltung zugunsten ihres eigenen Kontos. Psychologisch durchaus geschickt eingefädelt, denn: Auch wenn sie größtenteils Unsinn erzählen, wirken Überbringer gut klingender Nachrichten ( "Seht her, es ist alles gar nicht so schlimm, wie die böse Regierung Euch weismachen will!" ) spontan sympathischer als Warner wie z.B. Prof. Drosten. Und breite Sympathie für die Autoren hat noch nie den Verkaufszahlen eines Buches geschadet.

Siehe auch hier.

Weiter mit Episode 2.

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