Coronamärchen Nr.6: "Übersterblichkeiten gab es nur bei schwerstkranken Greisen in Altenheimen!"

Vorwort

Die deutlichsten Fakten zur Gefährlichkeit von Seuchen sind ihre Todesopfer.

Seit der Verbreitung des Virus SARS-Cov2 Anfang 2020 gibt es weltweit Wellen erhöhter Sterbezahlen - genannt Übersterblichkeiten -, die die Grippewellen der letzten Jahre teilweise regelrecht pulverisieren. Ein Auszug der Webseite Euromomo zeigt Übersterblichkeiten für einen kleinen Teil der betroffenen Länder und Regionen:

Euromomo + eigene Ergänzungen in rot

Beachte: Euromomo's Z-Scores sind kein direktes Vergleichsmaß für die Übersterblichkeit verschiedener Länder!

Wer genauer wissen möchte, was Übersterblichkeit bedeutet, findet hier eine Erklärung.

Übersterblichkeiten basieren auf Zählungen aller Sterbefälle, unabhängig von jeglichen Todesursachen. Für die Erklärung von Übersterblichkeiten sind daher zusätzliche Informationen nötig. Wenn es nur eine naheliegende Erklärung gibt, wird die oft ohne nähere Prüfungen übernommen: z.B. werden deutliche Winter-Übersterblichkeiten seitens der medizinischen Fachwelt seit jeher pauschal der Influenza zugeschrieben. So etwa die ca. 25.000 Toten der Welle 2017 / 18 in Deutschland.

Für zeitliche Vergleiche möchte ich kurz am Beispiel USA anhand der Sterbezahlen der Woche 2/2021 und der hellblauen Ergänzungen zeigen, welche grundlegenden Möglichkeiten der Berechnung es gibt:

https://ourworldindata.org/grapher/excess-mortality-raw-death-count + eigene Ergänzungen

Die Subtraktion von Momentan- und Mittelwert bezeichne ich als Absolute Übersterblichkeit, die Teilungsrechnung als Relative Übersterblichkeit. Da letztere weniger Panik-Potential hat (außer bei sehr niedrigen Daten), arbeite ich lieber mit ihr.

Vorwort 2:

Niemand mag Ausgangssperren, geschlossene Baumärkte und Lieblings-Italiener, Besuchsverbote in Altenheimen, lästige "medizinische Masken" die man auf Bahnreisen stundenlang tragen soll und diverse weitere Grundrechtsbeschränkungen. Als absichtlich Spät-Geimpfter kann ich auch das verbreitete Mißtrauen gegen neuartige Gentechnik-Vakzine, die in Rekordzeit entwickelt wurden und mit massiven Regierungskampagnen ins Volk gebracht werden sollen, gut nachvollziehen.

Aber all das hat einen dramatischen Grund: SARV-Cov2, dessen Massenkiller-Potential die 1.Grafik oben nur andeutet. Wo lokale Lockdowns zu spät kamen, schossen die Wochen-Übersterblichkeiten auf mehrere Hundert % hoch, dazu unten mehr.

Trotzdem wehren sich viele Menschen gegen Grundrechtsbeschränkungen, Lockdowns und gefühlte Impfzwänge aufgrund der Covid-19-Pandemie. Z.B. die "Querdenker"-Bewegung versucht gewöhnlich, den Maßnahmen die faktische Legitimation abzusprechen, indem sie möglichst oft und laut Dinge behauptet wie: "Die veröffentlichten Todeszahlen sind nur Panikmache! Denn SARV-Cov2 ist nicht tödlicher als die normale Influenza, und sämtliche lokalen Übersterblichkeiten haben andere Ursachen!"

Ende der Vorworte.

Schauen wir nun an einen Ort, der oft genannt wird, um das Titelzitat zu belegen: Bergamo, eine Provinz in Norditalien mit rund 1,1 Millionen Einwohnern auf 2.722 km². Dort entstand der erste europäische SARS-Cov2-Hotspot.

Um verstehen, was dort in jener Zeit passierte, braucht man Daten mit Sterbezahlen. Übrigens: Auch ein mathematisch fitter Leugner der Corona-Pandemie bescheinigt rohen Sterbedaten in seinem Video bei 13:20 Minuten die Note 1+, weil es "die validesten Daten sind, die wir zur Verfügung haben".

Tägliche Rohdaten von Bergamo (incl. der Nachbarprovinz Brescia) sehen so aus:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7520169/

Der Anstieg von ca. 30 bis über 300 deutet eine maximale Tages- Übersterblichkeit jenseits von 900% an!

In Bergamo verlegte man (aus anfänglichem Unwissen über die Eigenschaften des Virus und Verzweiflung angesichts der hochschießenden Todeszahlen) massenhaft Patienten aus den heillos überlasteten Krankenhäusern in Altenheime und trieb auch dort die Todeszahlen auf traurige Rekordwerte, Zitat: "Dort breitete sich das Virus dann unter den besonders gefährdeten Senioren buchstäblich wie ein Massenkiller aus . . . So gut wie nirgendwo gelang es, das Eindringen des Virus in Alten- und Pflegeheime zu verhindern . . ."

Zur Berechnung von (Corona-)Übersterblichkeiten werden auch Referenzdaten aus der Zeit vor Corona benötigt. Die fand ich in der .xlsx dieses Downloads in Form monatlicher Sterbezahlen der Gemeinden Italiens: Mittelwerte aus 2015 - 2019 plus die Daten für 2020 und 2021, jeweils für Januar bis Juni. Ein kumuliertes Diagramm für alle 243 Gemeindeviertel der Provinz Bergamo sieht so aus:

eigene Auswertung

Der fast völlig gradlinige und deckungsgleiche Verlauf der Linien 2015-2019 und 2021 zeigt die verläßliche Normalität leicht fallender Sterbezahlen zum Sommer hin - solange nicht Covid-19 oder andere Massenkiller zuschlagen. Aus den März-Zahlen ergibt sich für 2020 gegenüber dem Mittel 2015-2019 eine

Monats-Übersterblichkeit von 576%.

Spätestens jetzt werden Querdenker und Co. in etwa losbrüllen: "Die Zahlen sind gefaked! Und überhaupt, das waren doch nur Greise in Altenheimen, die wegen massiver Vor-Erkrankungen sowieso schon auf dem Sterbebett lagen!"

Nachdem ich Derartiges oft genug gehört und gelesen hatte, wollte ich nun die Übersterblichkeit in Bergamo außerhalb der Heime berechnen, um eine Ahnung zu bekommen, was ohne die o.a. Fehler passiert wäre.

Dafür bräuchte man Daten zur normalen Sterbezahl in den Heimen, aber so etwas scheint es in Italien als explizite Daten nicht zu geben: "We do not have any figure on deaths from the same period in previous year to investigate excess mortality." Zitat Ende. Auch im nächsten Nachbarland - der Schweiz - finde ich keine normalen Sterbezahlen in den Heimen.

Auf der Suche nach verwertbaren Daten fand ich für Mailand (eine der direkten Nachbarprovinzen Bergamos) dies hier: "Im Einzugsgebiet Mailands waren nach Abflachen der ersten großen Infektionswelle Ende April von insgesamt 13.645 Heimbewohnern 2.219 Personen mit Covid-19 (871) oder ungetestet mit Covid-19-ähnlichen Symptomen (1.348) gestorben. Das ist jeder sechste Heimbewohner. . . .Insgesamt starben von Ende Februar bis Ende April 27 Prozent der Mailänder Heimbewohner - anstatt der üblichen zehn bis zwölf Prozent in früheren Vergleichszeiträumen."

Daraus und aus dem o.g. Download von istat.it lassen sich weitere Daten ableiten (wer ein Stück mit viel Rechnerei überspringen will, kann bis !!!... runterscrollen):

1) Für die Provinz Mailand ergibt die Addition aller März+April-Sterbefälle im Mittel der Jahre 2015 - 2019: 5.170 Tote; in 2020 waren es 11.069 Tote - also 2,14-mal so viele wie saisonal üblich.

Der entsprechende Vergleich für Bergamo im März ergibt 6.091 / 902 = 6,75-mal so viele Tote wie saisonal üblich. Bergamo wurde also im März 6,75 / 2,14 = 3,16-mal so schlimm getroffen wie Mailand im März und April.

2) 2.219 Tote mit Covid-19 oder ungetestet mit Covid-19-ähnlichen Symptomen sind 16,3% der 13.645 Heimbewohner. Die Differenz der Sterbequoten 27% und 11% im o.a Zitat sind ebenfalls 16%. Daraus folgt: SARS-Cov2 war höchstwahrscheinlich der alleinige Auslöser der Übersterblichkeit in den Mailänder Heimen.

3) Wenn von Ende Februar bis Ende April üblicherweise 10-12% der 13.645 Heimbewohner sterben, dann sind das (mit dem Mittelwert 11% gerechnet) konkret 1.501 Tote in den Heimen.

4) Wenn in 2020 von Ende Februar bis Ende April 27% der 13.645 Heimbewohner sterben, dann sind das konkret 3.684 Tote in den Heimen.

5) 1.501 / 5.170 ergibt einen üblichen Sterblichkeits-Anteil der Mailänder Heime an Mailands Gesamtsterbezahl von 29%. Diese Größenordnung ist plausibel zu Daten von Statistik Austria für 2019: in Österreich passierten landesweit 25,3% aller Sterbefälle in Heimen.

6) Für März+April 2020 berechnet sich der Anteil der Heim-Toten an Mailands Gesamtsterbezahl zu 3.684 / 11.069 = 33.3%.

Die Steigerung des Sterbe-Anteils in den Heimen entspricht also einem Faktor von 33% / 29% = 1,138. Um das auf Bergamo umzurechnen, verwende ich den Faktor 3,16 aus 1): 1,138 * 3,16 = 3,60 mal so viele Heim-Sterbefälle wie saisonal üblich.

Um die Übersterblichkeit außerhalb der Heime in Bergamo zu berechnen, übertrage ich die Ergebnisse aus 5) und 6) auf Bergamo:

a) 29% Heim-Anteil von 902 März-"Normaltoten" in Bergamo abzüglich ergeben 262 normale Sterbefälle in den Heimen und 640 außerhalb der Heime.

b) Berechnung für März 2020: 262 * 3,60 = 943 Tote in den Heimen. Außerhalb der Heime verbleiben also 6.091 - 943 = 5.148 Tote.

c) Die Daten 5.148 und 640 ergeben eine

!!! März-Übersterblichkeit von 704% außerhalb der Heime in Bergamo. Damit ist bewiesen: SARS-Cov2 killt auch massenhaft außerhalb der Altenheime!

Jetzt würden Querdenker und Co. wohl nachlegen: "Aber das war doch nur in einer der 88 Provinzen Italiens! Solche lokalen Auffälligkeiten sind statistisch überhaupt nicht relevant!"

Seltsamerweise demontieren sie genau dieses Argument mittlerweile jedes Mal selbst, wenn sie im Zusammenhang mit dem angeblichen Scheitern der Impfungen u.a. auf Gibraltar verweisen: 33.700 Einwohner auf 6,8 km²! Die Einwohner entsprechen 3% der Provinz Bergamo, und die Fläche würde dort 400mal hineinpassen.

Zurück nach Bergamo:

Eine Monats-Übersterblichkeit von 576% ist ein Todessturm, der mit den üblichen saisonalen Grippewellen nichts mehr zu tun hat.

Dabei darf man nicht vergessen: Wenn seuchenbedingte Übersterblichkeiten die Leichenbestatter und Krematorien überlasten, dann gilt grundsätzlich das Gleiche auch für Ärzte bzw. Kliniken angesichts der Zahl der Kranken bis zum Tod oder ihrer Genesung!

Die 1.Grafik oben zeigt, wie weit schon die landesweite Wochen-Übersterblichkeit der 1. Coronawelle in Spanien mit "nur" max. 158% über allen Grippewellen der letzten Jahre lag. Ein Download einer anderen Quelle zeigt, daß in der Region Madrid mit bis zu 452% Wochen-Übersterblichkeit . . .

https://www.ons.gov.uk/peoplepopulationandcommunity/birthsdeathsandmarriages/deaths/articles/comparisonsofallcausemortalitybetweeneuropeancountriesandregions/2020

. . . katastrophale Zustände herrschten:

"In Madrid ist die Lage besonders dramatisch . . . Um der Lage Herr zu werden, hat die Verwaltung der Stadt beschlossen, ein Angebot der Eissporthalle Palacio de Hielo („Eispalast“) anzunehmen, sie als Leichenschauhaus einzurichten, berichtet „El Pais“ . . . Anfang der Woche waren schockierende Bilder aus Krankenhäusern der spanischen Hauptstadt publik geworden, wo Patienten auf dem Fußboden lagen. Einige der Patienten husteten stark, einige waren an Sauerstofftanks angeschlossen." Zitat Ende.

Zurück in die Provinz Bergamo. Der Verlauf der altersstandardisierten Wochen-Übersterblichkeit (incl. der Toten in den Heimen) aus der gleichen Quelle sieht so aus:

https://www.ons.gov.uk/peoplepopulationandcommunity/birthsdeathsandmarriages/deaths/articles/comparisonsofallcausemortalitybetweeneuropeancountriesandregions/2020

Wieviel schlimmer es dort gegenüber Madrid mit max. 452% zuging, möge sich jeder selbst vorzustellen versuchen.

Falls jemand etwas Ähnliches aus den Grippewellen der letzten Jahrzehnte kennt: bitte die Quelle nennen bzw. verlinken!

.

Zum Schluß komme ich wieder auf die Ursachen der Übersterblichkeit zurück. Neben Covid-19 ist mir keine andere Erklärung für die März-Übersterblichkeit von 576% ersichtlich (z.B. vergiftetes Trinkwasser, Hitzewellen, Terroranschläge, Naturkatastrophen usw.).

Nun verbeißen sich Manche in den Vor-Erkrankungen vieler Gestorbener und verweisen z.B. auf "Table 2" in diesem Download: Demnach hatten nur 3% der Toten keine Komorbiditäten, d.h. 97% könnten auch an etwas Anderem gestorben sein, während SARS-Cov2 gerade zufällig dabei war.

Allerdings enthält Table 2 nur Komorbiditäten, die schon seit mindestens 40 Jahren (HIV) weltweit bekannt sind. Hätte Covid-19 nichts mit der Bergamo-Übersterblichkeit zu tun, dann hätte es auch schon früher (in Bergamo oder anderswo) ähnliche Todeswellen geben müssen. Aber die 1. Grafik ganz oben deutet bereits an, daß es seit der Spanischen Grippe vor ~ 100 Jahren nicht Derartiges mehr gab.

Weil die Hoffnung auf eine Einigung mit den "Querdenkern" zuletzt stirbt, frage ich hier:

Was war in Bergamo im März 2020 dermaßen anders, daß plötzlich ca. 5,7 mal mehr Menschen starben als saisonal üblich?

Vermutlich werden einige meine o.a. Berechnungen verreißen, weil ich Daten aus Mailand auf Bergamo übertragen habe. Aber das ist der beste mir ersichtliche Ansatz um zu klären, was in Bergamo ohne die Fehler in den Heimen passiert wäre.

Wer ebenfalls an einer Antwort auf diese Frage interessiert ist, sollte nicht auf Kleinkinderniveau nur meckern, sondern es besser machen - oder wenigstens valide Daten für Bergamo liefern, die die Daten aus Mailand ersetzen können.

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