Der Wiener kennt für nahezu jedes gesellschaftliche Phänomen einen passenden Ausdruck. Einer der treffenderen ist die Schastrommel: laut, ausdauernd und vor allem damit beschäftigt, Negatives über andere in die Welt zu tragen.
Die moderne Schastrommel braucht dafür nicht einmal mehr ein Wirtshaus. Ein Internetzugang genügt.
Ihr besonderes Talent ist die oberflächliche Betrachtung. Wo andere versuchen, einen Sachverhalt zu verstehen, hat die Schastrommel längst ein Urteil gefällt. Details stören dabei nur. Zusammenhänge ebenso. Denn wer sich ernsthaft mit einer Sache beschäftigt, läuft Gefahr, am Ende feststellen zu müssen, dass sie komplizierter ist als gedacht.
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Viel angenehmer ist das Quertreiben. Eine sachliche Diskussion wird ins Lächerliche gezogen, Argumente werden auf Pointen reduziert und aus einer Ungenauigkeit wird mit etwas gutem Willen gleich eine ganze Charakterstudie des Gegenübers.
Das Interessante dabei: Was angeblich so lächerlich, unwichtig und keiner ernsthaften Beschäftigung würdig ist, wird erstaunlich aufmerksam verfolgt. Man liest alles. Wirklich alles. Nur kommentiert wird vorzugsweise woanders. Dort lässt sich dann erzählen, was jemand angeblich gesagt, gemeint oder getan hat. Dass das mit dem Original gelegentlich nur mehr entfernte Ähnlichkeit besitzt, ist kein Hindernis. Im Gegenteil: Eine gute Schastrommel lässt sich doch nicht von Tatsachen die Pointe verderben.
Der eigentliche Zweck ist ohnehin selten die Sache. Es geht um die kleine Erhöhung der eigenen Person durch die Verkleinerung anderer. Wer ständig jemanden findet, auf den er hinuntertreten kann, muss sich schließlich nie die unangenehme Frage stellen, wie hoch er selbst eigentlich steht.
Und erstaunlicherweise funktioniert das hervorragend. Die Schastrommel hat Publikum. Oft sogar ausgesprochen viele Fans. Denn Häme besitzt hohen Unterhaltungswert – solange sie jemand anderen trifft.
Man lacht über die Person, die gerade vorgeführt wird. Man applaudiert dem nächsten Seitenhieb. Man findet die Bosheit erfrischend direkt und den Spott herrlich lustig.
Bis man eines Tages selbst das Thema ist.
Dann stellt sich mitunter heraus, dass die Schastrommel gar nicht so lustig war.
Sie war nur laut.