Glücklich der Insel der grausigen Kirke entronnen, hatten sich die Männer des Odysseus auf die benachbarte Insel Komos geflüchtet. Dort fanden sie freundliche Bewohner vor, die gegen eine geringe Spende davon absahen, sie zu töten und zu berauben, wie es ihr gutes Recht gewesen wäre. Odysseus' Männer konnten so in Ruhe ihr Schiff reparieren und wieder seetüchtig machen.

Als sie sich von ihren Gastgebern verabschiedeten, fragten sie die Leute von Komos nach dem schnellsten Weg nach Ithaka.

Der komische König deutete mit dem Zeigefinger auf einen Olivenhain und meinte: "Dort müßt ihr hin. In dieser Richtung werdet ihr Ithaka finden."

Odysseus bedankte sich freundlich und hinterließ eine zerstrittene Inselbevölkerung. Monatelang noch diskutierten die Bewohner von Komos und ihr König, wo dieses Ithaka nun wirklich läge und ob es eine Stadt sei oder ein Land, ein Berg oder ein Meeresarm.

Odysseus segelte in die angegebene Richtung, ohne daß ihn ein Sturm vom Kurs abgebracht hätte. An einer Flußmündung gingen sie an Land, um Frischwasser und Proviant aufzunehmen.

"Segelt nicht", so rieten ihnen die einheimischen Bewohner dieses Küstenstriches. "Segelt nicht weiter nach Süden. Die Gefahren, welche dort auf euch lauern, sind zu entsetzlich."

Odysseus aber lachte. "Gefahren", meinte er, "schrecken uns nicht. Wir sind Krieger und Seefahrer und fürchten weder Tod noch Teufel."

"Diese Gefahren", sagten die Einheimischen und deuteten mit dem Finger südwärts, "kann man nicht mit dem Schwert bekämpfen."

"Sondern?"

"Gar nicht. Dort an der Küste leben die Sirenen."

"Oh!" sagte Odysseus und erbleichte.

Von den Sirenen hatte er bereits gehört. Es waren dies Zwitterwesen aus Mensch und Tier. Auf einem mächtigen, häßlichen Vogelleib saß der Kopf einer wunderschönen Frau. Die Sirenen lebten auf einer Wiese direkt am Meer. Näherte sich ihnen ein Schiff, begannen sie zu singen. So süß und so kräftig, so lieblich und anrührend sangen sie, daß der Stein, auf dem sie saßen, geschmolzen wäre, hätte er Ohren gehabt. Alle Seeleute, welche den Gesang vernahmen, wurden davon wie von einem Wahn befallen. In besinnungsloser Verzückung drängten sie hin zu den schrecklich-entzückenden Wesen. Die Umsichtigeren unter den Männern lenkten die Schiffe ans Ufer, wo sie von den gräßlichen Vogelfrauen unbarmherzig gefressen wurden, während die Ungeduldigeren vom Boot ins Wasser sprangen und dort von den Krallen der Frauenvögel gepackt wurden, um ihnen ebenfalls zur Nahrung zu dienen.

So unwiderstehlich war die Süße des Sirenengesanges.

Odysseus, der Besorgte, wollte unter keinen Umständen an der gefährlichen Küste der Sirenen entlangfahren, während sich Odysseus, der Neugierige, um jeden Preis ein eigenes Urteil über den Gesang der Sirenen bilden wollte.

Es war Odysseus, der Schlaue, der einen Ausweg aus dem Dilemma fand.

Als die Wiese der Sirenen am südlichen Ende einer Bucht in Sicht kam, rief er seine Männer zusammen. Sie sollten sich, so befahl er ihnen, Bienenwachs in die Ohren stopfen, ganz fest und ganz zart. So sorgfältig sollten sie dabei zu Werke gehen, daß kein Laut mehr von draußen an ihr Ohr dringen könne, womit sie gefeit wären gegen die verlockenden Klänge.

Ihn selber aber sollten sie am Mastbaum festbinden - ohne Wachs in den Ohren. So gründlich und so sachgerecht sollten sie ihn fesseln, daß es ihm unmöglich wäre, sich selbst zu befreien. Um sich auch wirklich zuverlässig vor den Verlockungen der Sirenen zu schützen, erteilte Odysseus seinen Leuten strengsten Befehl, ihn während der Vorüberfahrt an den Sirenen unter gar keinen Umständen zu befreien, was immer sie sehen oder - Zeus verhüte! - hören sollten, unter welchem Vorwand immer er seine Befreiung von ihnen verlangen würde.

So vorbereitet näherten sie sich der Wiese der Sirenen, dort wo sich heute Castellabate, die mittelalterliche Felsenstadt, über dem Meer erhebt.

Leise erst, dann lauter und immer deutlicher, je näher sie kamen, erklang der wunderschönste Gesang, den jemals menschliche Ohren vernommen hatten. Glockenrein perlten die Töne vom Land zum Meer, rührten das empfindsame Gemüt an bis ins Innerste der Seele. Am Strande aber standen flügelschlagend die singenden Sirenen und ließen ihr Haar in der warmen Meeresbrise flattern.

Odysseus wurde - wie noch jeder Seemann vor ihm - von namenloser Sehnsucht erfüllt. Hin wollte er, hin mußte er, hin zu den singenden Sirenen. Kein Platz auf Erden dünkte ihm mehr wert, dort zu leben, als dieses Kap der Sirenen. Von süßem Wahnsinn erfaßt, bäumte er sich in seinen Fesseln auf, riß und rüttelte an den Seilen, die ihn an den Mastbaum zwangen und all seinen Bemühungen zum Trotz keinen Zentimeter nachgaben.

"Laßt mich!" brüllte er wie von Sinnen, "laßt mich hin zu diesen Wesen. So bindet mich doch endlich los!"

Die Mannschaft des Schiffes aber ruderte und hörte nichts von dem zauberischen Wohlklange. Was die Männer sahen, war der gefesselte, wie wahnsinnig sich gebärdende Odysseus, aus dessen weit geöffnetem Munde unhörbare Schreie kamen: Sehnsuchtsseufzer, Flüche und an die Mannschaft gerichtete Befehle.

Keiner aber, kein einziger aus der Mannschaft wagte es, Odysseus loszubinden oder sich selbst das Wachs aus den Ohren zu nehmen. Einer der Ruderer jedoch, ein gewisser Ebros Pirkäos, ein großes, dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut, fühlte sich durch das stete und gleichförmige Rudern sowohl gelangweilt als auch rhythmisch angeregt.

Ebros fühlte die Musik in sich und er begann zu singen. Den Anfang machten die alten, wunderschönen Schweinelieder seiner Kindheit und Jugend, das albern verspielte "Es ritten drei Schweine zum Tore hinaus..." und das saustolze "Schwein, Schwein, nur du allein, sollst stets das Tier meiner Träume sein."

Der an den Mastbaum gefesselte Odysseus raste vor Wut. Einmal im Leben - ein einziges Mal in seinem Leben! - hatte er Gelegenheit, dem Gesang der Sirenen zu lauschen. Und gerade jetzt plärrte ihm dieses dumme Schwein mit seinen schwachsinnigen Liedern dazwischen!

Odysseus tobte und schrie und schließlich flehte er schluchzend, es möge das Schwein Ebros endlich aufhören mit seinem Gesange. Ebros Pirkäos aber, das weiche Wachs fest in die Ohren gepfropft, hörte das Gebrüll von Odysseus so wenig wie die lockenden Gesänge der Sirenen.

Er sang mit seiner wundervoll samtenen Schweinestimme, zart und doch fest und noch in den höchsten Höhen und tiefsten Tiefen von makelloser Reinheit. Und es ging eine das Gemüt wohlig salbende Kraft von diesen Tönen aus, daß die Planken des Schiffs vor Glück zersprungen wären, hätten sie Ohren gehabt.

Über das etwas frivole "Ob blond, ob braun, ich liebe alle Sau'n, mein Herz ist weit" kam Ebros nun zum melancholischen Lied von der Vergänglichkeit des Lebens: "Es wird ein Schwein sein und mir wern nimmer sein, s'wird rosa Ferkel geb'n und mir wern nimmer leb'n." Die Töne drangen nicht nur in Odysseus' Ohr, sondern erreichten auch sein wütend' Herz und machten es weich und sanft - und schließlich wieder wütend.

"Verdammt!" brüllte er zu den singenden Sirenen hinüber. "So hört doch endlich auf mit eurem Geleier, ihr jodelnden Schicksen! Man hört doch das Schwein nicht mehr."

Die über alle Maßen verblüfften Sirenen, die dergleichen noch nie erlebt hatten, hielten wirklich in ihrem honigsüßen Gesange inne. Gerade rechtzeitig, um noch ungestört den brausenden, laut zum Himmel steigenden Schweinehymnus mitzubekommen

"Ein Schwein, ein dickes Schwein, / Das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt, / Ein Schwein bleibt immer Schwein, / Auch wenn die ganze Welt zusammenfällt. / Drum sei doch nicht betrübt, / Wenn dein Schatz dich nicht mehr liebt. / Ein Schwein, ein dickes Schwein, / Das ist das Schönste, was es gibt."

Fassungslos lauschten die Mädels dem Gesang dieses dicken, rosaroten Schweins mit dem schwarzen Hut. Als die wirklich guten Sängerinnen, die sie waren, beurteilten sie das Gehörte gnadenlos. Sie selbst, so erkannten sie, würden diese Vollendung des Gesanges niemals auch nur annähernd erreichen können.

Sie rauften sich die langen, schönen Haare, sie seufzten und stöhnten über ihre eigene Unvollkommenheit. Mit verzweifeltem Aufschrei stürzten sie sich schließlich ins brausende Meer, wo sie sofort ertranken.

Die Sirenen sind seither verschwunden. Der Zauber der Bucht von Castellabate aber ist noch heute zu spüren.

1
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

Persephone

Persephone bewertete diesen Eintrag 10.10.2019 06:42:47

Noch keine Kommentare

Mehr von Theodor Rieh