Morgens um 6 vor dem Pendlerzug: Vier dunkle Polizistengestalten warten auf dem Bahnsteig, vier mit Schulterpolstern ausstaffierte Drohkulissen. Ein Mann ohne den vorgeschriebenen Mund-Nasen-Schutz tritt aus dem Zug und erklärt ihnen ungefragt: „Ich hab‘ ein Attest.“ Vorauseilender Gehorsam? Angst? Aber die vier bulligen Gestalten haben es gar nicht auf ihn abgesehen, sondern auf einen jungen Mann im Kapuzenpulli, der sich aus irgendeinem Grund mit der Schaffnerin angelegt haben muss. Keine Maske? Nicht einmal ein Attest? Die Polizisten durchleuchten seine Hosentaschen und seinen Rucksack. Suchen sie nach Drogen, einem Ausweis oder doch nur nach der fehlenden Maske? Wahrscheinlich haben sie sich die Jagd auf Verbrecher früher auch anders vorgestellt.

Eilmeldung von früher: Der amerikanische Präsident hat Corona! Und alle so: Bloß jetzt keine Schadenfreude! (Überlebt hat er‘s ohnehin.) Warum aber eigentlich nicht? Faschisierung heißt immer auch Verrohung und warum sollte ausgerechnet jemand, dem dieser Prozess nicht schnell genug gehen kann, diese Verrohung weniger spüren als andere? Und überlebt hat er‘s ohnehin.

Vera Lengsfeld, die in allen Parteien, in denen sie Mitglied war (SED, Grüne, CDU), keinen stärkeren Eindruck hinterlassen hat als die Erleichterung bei ihrem Fortgang, berät das deutsche Kapital: „Nicht das Virus, die erratischen Entscheidungen der Politik ruinieren unsere Wirtschaft. Erstaunlich ist nur, wie wenig Widerstand sich dagegen regt. Ist den betroffenen Unternehmen wirklich nicht klar, dass sie spätestens dann ruiniert sind, wenn die staatliche Hilfe ausfällt?“ Vielleicht ist „unserer Wirtschaft“ doch klarer als Lengsfeld, dass die Folgen eines unkontrollierten Ausbruchs immer noch heftiger sein würden als die derzeitigen moderaten Restriktionen resp. die „Beschneidung unserer Bürgerrechte“ (Lengsfeld). Die sind ja alle, trotz Studiums der BWL, nicht komplett blöd. Selbst die Kanzlerin hört auf sie.

Kleine Freuden: Auf dem Weg zum Wochenmarkt die Maske schon etwas eher aufsetzen und damit zwischen Publikum und Podium der örtlichen Querdenken-Demonstration hindurchspazieren. Da nimmt man die bösen Blicke und Beschimpfungen gerne in Kauf.

Schrecklich aber der Musikgeschmack dieser Herrschaften. Deutsche Großmeister des Pop, von denen das Ausland zu Recht keine Kenntnis nehmen möchte, begannen oft mit Novelty Songs („Currywurst“, „Dicke“, „Bodo Ballermann“), bevor sie sich den wichtigen Themen der Menschheit widmeten, so der deutschen Teilung und ihrer Überwindung (Lindenberg), generell dem Thema „Mensch“ (Grönemeyer) oder eben der „Freiheit“ (Müller-Westernhagen), welch letzteres Lied auch auf der örtlichen Querdenken-Demo gespielt wird. Geht es nicht eine Nummer kleiner? Nein? Oder wenigstens leiser?

„Ein bisschen mehr Abstand fände ich gut“. Am Samstag ist ein Feiertag, so dass an diesem Freitagabend der Supermarkt voller als sonst ist. Mit diesem Satz möchte ein Mann mittleren Alters einen anderen Kunden davon abhalten, vor dem Käseregal, dessen Auslagen er ausgiebig mustert, zu nahe zu kommen. Der gibt ihm eine scharfe Antwort, die ich nicht verstehe. Ob die beiden sich jetzt prügeln? Nein, man weicht voreinander zurück und der Mann mittleren Alters kann sich wieder seinem kleinen Sohn widmen, der, übrigens ohne Mund-Nasen-Schutz, seinen eigenen kleinen Einkaufswagen schiebt und pausenlos davon erzählt, was er in den schon alles geladen habe. Das Repertoire der Mikroaggressionen ist also um eine Variante reicher.

Wenn Freiheit in einem Land, in dem darunter auch das oft tödliche Rasen auf der Autobahn oder das lärmende Fahren mit Motorrädern begriffen wird, nichts anderes als den Verzicht auf einen Mund-Nasen-Schutz bedeuten soll, dann hätte Marius Western-Müllerhagen (o.s.ä.) lieber über „Rücksichtslosigkeit“ singen sollen. Aber mach‘ dazu mal einen gescheiten Refrain.

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G. Szekatsch

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rahab

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