Die erste autorisierte Biografie von Václav Havel (nach seiner fulminanten Wahl zum ersten frei gewählten Präsidenten der Tschechoslowakei) ist bereit 1991, also vor nun 35 Jahren im Rowohlt Verlag auf Deutsch erschienen. Sein Versuch, einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus einzuschlagen, ist leider gescheitert. Allzu schnell kamen NATO-Beitritt und EU-Beitritt; somit die bedingungslose Anpassung an den "Ersten Weg" (Kapitalismus + Wahldemokratie). Der "Zweite Weg" (Kommunismus + Wahldemokratie) hat sich selbst das Grab geschaufelt.

Rowohlt Verlag https://ethos.at/buecher/kriseova-eda-vaclav-havel/

Eda Kriseova: Vaclav Havel. Dichter und Präsident

Rowohlt Verlag, Berlin 1991

„Eine Panne. Wir haben keinen Lebenslauf von dir“, sagt die Autorin des Buches unmittelbar nach Amtseinführung des Präsidenten Václav Havel. „Dann zieh dich für eine Weile zurück und schreib einen.“ So konnte nur ein Jahr nach dem Systemwechsel die erste autorisierte Biografie Havels erschien.

„Husák stürzte, und es erhob sich die Frage, wer wird Präsident. Ich weiß, dass ich nicht die erste war, die es Václav sagte, … ‚Olga [Havels Frau] ist auch dagegen‘, sagte er. ‚Sie hat gesagt, sie würde sich scheiden lassen.‘ … Ich habe mir das auch nicht so vorgestellt. Daß alles so schnell gehen und sich nicht anders entwickeln würde. Und ich erinnerte mich, wie mir Václav im Sommer die Lage der politischen Kräfte aufgezeichnet hatte und ihm dabei überhaupt nicht in den Sinn gekommen war, daß die Charta den Sieg davontragen könne. Und jetzt sah man überall in den Straßen Plakate ‚Havel auf die Burg‘- Die Menschenmassen skandierten es auf allen Plätzen.“ (S. 264)

Tschechoslowakei nach 1945 – das ist die Übernahme der Alleinherrschaft durch die Kommunisten 1948 (Kohout schreibt von der einzigen kommunistischen Machtübernahme durch eine Wahl, Kriseová schreibt von einem Putsch), der Prager Frühling und seine Niederschlagung im August 1968, die Charta 77 (eine Deklaration, die sich auf die Schlussakte von Helsinki 1975 berufen konnte und die dort vereinbarten Menschenrechte für die Bürger der ČSSR einforderte, aus der sich die Bürgerbewegung entwickelte, die zu den Ereignissen 1989 führten) und nicht zuletzt die samtene Revolution 1989 und das Gesicht dieser gewaltfreien Wende, Václav Havel.

Nach der kommunistischen Machtübernahme wurde die Familie Havel für ihre Herkunft bestraft. Der Großvater mütterlicherseits, Hugo Vavrečka (1880 – 1952), war technisch und politisch begabt, er „schrieb mit Esprit und war ein eigenwüchsiger Philosoph.“ (39) Sein Hauptwerk hatte den gewichtigen Titel „Über Anfang und Ende der Welt“. Die Vorfahren väterlicherseits waren erfolgreiche Bauunternehmer, „Anfang der sechziger Jahre war der Besitz der Familie Havel liquidiert“. (36)

1976 schreibt Havel: „Der scheinbar sehr ungünstigen Verbindung der bürgerlichen Herkunft mit dem Leben in einem kommunistischen Staate verdanke ich es, daß ich von Anfang an die Möglichkeit hatte, die Welt von unten zu sehen, das heißt so, wie sie wirklich ist, und das trug dazu bei, daß ich mich vor den verschiedenen möglichen Illusionen oder mystifizierten Vorstellungen hütete.“ (45)

„Das Erleben der Absurdität bereits in früher Kindheit hat ihn womöglich prädestiniert, absurde Stücke zu schreiben, und vielleicht auch sein Interesse für die Probleme der Welt vorbestimmt“, meint die Biografin. Unterstützung fand Havel im Westen, wo seine Werke seit den 1950er Jahren aufgeführt wurden. Positiver Nebeneffekt: Tantiemen aus dem Westen haben den Autor wirtschaftlich über Wasser gehalten. In Prag wurde das „Theater am Geländer“ seine erste Wirkungsstätte; offizielle als „Bühnentechniker“ angestellt, gemeinsam mit seiner Frau Olga, die dort als „Platzanweiserin“ fungierte.

„Václav Havel war in den sechziger Jahren nicht nur ein erfolgreicher Bühnenautor und Dramaturg des Theaters am Geländer. 1965 wurde er Mitglied es Redaktionsrates der vom Schriftstellerverband herausgegebenen literarischen Monatsschrift Tvár (Gestalt, Antlitz). In der politischen Auseinandersetzung mit denen, die krampfhaft verhindern wollten, daß Andersdenkende zu Wort kamen, hat er dort viel gelernt“. (69)

Prager Frühling: Über die Monate des Aufbruchs schreibt Kriseová nur wenige Seiten; sie erinnert an die Tage vor dem Einmarsch: „Havel schrieb täglich Kommentare, und [Der Schauspieler Jan] Tříska verlas sie im Lokalfunk. … Václav schrieb Reden für den Vorsitzenden des Nationalausschusses, entwarf Proklamationen für die Kreisleitungen der Kommunistischen Partei und der Nationalen Front, die Nationalausschüsse des Ortes [Reichenberg].“ (85 f) Es folgten 20 Jahre der „Normalisierung“. Kriseova gelingt es, diese Periode in einem einzigen Satz auf den Punkt zu bringen: „Die Regierung ist zufrieden, daß sich die Menschen nur für sich selbst interessieren und sich um die geistige, politische und moralische Vergewaltigung des Landes nicht kümmern.“ (100) Die Charta 77 war der nächste Meilenstein für den Widerstand. Beim Versuch, Briefe an potenzielle Unterstützer zu senden, wurden Havel, Landovský und Vaculík verhaftet und nach 48 Stunden wieder frei gelassen. Für Havel beginnt die Zeit des Katz- und Mausspiels. Er wurde mehrmals verhaftet und verbrachte bis 1989 insgesamt etwa fünf Jahre in Gefängnissen.

„Im Oktober 1978 schrieb Havel in Hrádeček einen umfangreichen Essay, den er dem Andenken Jan Patočkas widmete: ‚Versuch, in der Wahrheit zu leben‘. Er wurde bald überall in der Welt publiziert, bei uns kursierte er nur in Abschriften.“ Bei Rowohlt, wo seine Theaterstücke erschienen, ist der Band allerdingst erst im Februar 1989 erschienen. Der Originaltitel von Havels Essay, der bereits 1978 erschienen ist, lautet übrigens „Moc bezmocnych“ was wörtlich übersetzt „Die Macht der Machtlosen“ heißt.

Ein Dialog des Schauprozesses gegen ein Dutzend Dissidenten, bei dem neben 150 Freunden der Angeklagten auch ausländische Diplomaten und Journalisten teilnehmen wollten (aber nicht konnten, weil der Saal nur Platz für 12 Besucher hatte) vermittelt, wie die Machtlosen ihre Macht ausspielen können:

Senatsvorsitzender: „Das Gericht ist nicht für Diskussionen da, es ist hier, um Ihre Straftaten zu beurteilen.“

Petr Uhl: „Ich halte Sie überhaupt nicht für eine Gericht, das über mich Recht sprechen könnte. Ich weiß, daß Sie, Herr Vorsitzender, kein Urteil fällen werden, denn das ist bereits an anderer Stelle gefällt worden.“ (186 f)

Die Macht des Westens: „Am 22. Januar 1986 veröffentlichte die Stiftung des Erasmus-Preises die Nachricht, daß Václav Havel de Erasmus-Preis erhalten sollte. … Die Sprecher der Charta 77 schickten der Stiftung einen Dankesbrief, denn der Preis war zugleich der Charta in Würdigung ihrer Arbeit zugesprochen worden. Am 13. November 1986 fand in Rotterdam die feierliche Preisverleihung statt. … Außenminister und andere politische Persönlichkeiten westlicher Staaten kamen nach Prag und trafen mit den offiziellen Vertretern der Staatsmacht zusammen, aber auch mit Havel, dem Sprecher und Vertreter der Charta, also mit der Opposition.“ (S 224 f)

1986 war die Welt noch in Ordnung; es herrschte ein Gleichgewicht des Schreckens. hier demokratischer Kapitalismus, dort diktatorischer Kommunismus. Wer im Osten für eine bessere Welt kämpfte, hatte dabei eine bessere Alternative vor Augen und – im Fall der Tschechoslowakei buchstäblich vor der Tür – nämlich die Welt im Westen. Viele der Dissidenten konnten in den Westen reisen und wurden dort mit offenen Armen empfangen. Pavel Kohout hat diesen Weg 1978 gewählt und wurde danach zwangsweise ausgebürgert. Ebenso Pavel Landovský uvm. Václav Havel blieb stur zu Hause und wurde dafür mehrfach inhaftiert – immer unter großer medialer und politischer Aufmerksamkeit des Westens.

Die Problematik für Dissidenten des 21. Jahrhunderts besteht darin, dass die Diktatur des Kapitalismus weltumspannend ist – es herrscht das Ungleichgewicht des Schreckens. Havel schreibt in seinem zitierten Essay über den Kampf gegen die Lüge, die Macht der Dissidenten (obwohl der den Begriff ablehnt) und über den Dritten Weg. Die Diskussion wurde leider nach der Einverleibung des Zweiten Weges (Kapitalismus = Demokratie) nicht mehr fortgeführt. Es wäre dringend notwendig, heute, 2026, diese Diskussion wieder aufzunehmen. Wohin führt der Dritte Weg?

Vaclav Havel (* 5. Oktober 1936 in Prag; † 18. Dezember 2011 in Vlčice-Hrádeček)

SIEHE AUCH: Pavel Kohout: Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel

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