Wer in der DDR aufgewachsen ist, erinnert sich noch: Nichts blieb unpolitisch, überall war der richtige Klassenstandpunkt gefragt. In Film und Fernsehen war das sozialistische Menschenbild allgegenwärtig. Hier schlugen sich die Helden mit kleinen oder großen Problemen herum, aber im immer zum Wohle des Sozialismus und immer erfolgreich, das heißt weit von der Realität entfernt. In der Landwirtschaft wurden Ernteschlachten geschlagen, in den Betrieben die Pläne übererfüllt und dennoch waren die Regale in den Läden oft genug leer. Neuerer machten unzählige Vorschläge zur Optimierung der Produktion, Kinder sammelten Altstoffe für den Sozialismus oder die Freiheit von Angela Davis, je nach Bedarf. Arbeiter unterstützten den Sozialistischen Frühling auf dem Lande (im Westen bös Zwangskollektivierung genannt) oder wurden Schriftsteller („Greif zur Feder Kumpel, die sozialistische Nationalliteratur braucht dich“). Die DDR war ein buntes Traumwunderland, die Welt war noch in Ordnung, man eilte von Erfolg zu Erfolg, bis plötzlich aus heiterem Himmel im Herbst 1989 Schluss war mit allem. Manch einer versteht heute noch nicht, warum der Sozialismus in seinem Lauf von Ochs und Esel aufgehalten wurde.

Ich weiß nicht, aber das Deutschland des Jahres 2017 erinnert mich zunehmend an die DDR. Wir erleben ein Verdrängen der Realität, ein Hineinregieren in die Privatsphäre der Menschen vermeintlich hehrer Ziele zuliebe. All dies hat längst ein beängstigendes Ausmaß angenommen. Viel beängstigender ist jedoch, dass die Menschen eben dies scheinbar widerspruchslos hinnehmen.

Nein, wir sehen heute im Kino keinen Brigadier, der mit seinem Kollektiv darüber diskutiert wie die "immer bessere Befriedigung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Werktätigen" gelingen kann. Statt dessen kommt gefühlt kein Tatort, keine Folge der Lindenstraße, kein Kinofilm mehr ohne einen Flüchtling, vorzugsweise aus Syrien aus. Nie machen diese Flüchtlinge Probleme, immer sind sie taff und super integriert und zeigen uns Deutschen wo der Hammer hängt.

In „Willkommen bei den Hartmanns“ nimmt eine deutsche Familie einen Flüchtling auf – vorbildlich und natürlich zur Nachahmung empfohlen. Dafür ordnet er deren Familienleben und bringt alle wieder auf den Pfad der Tugend zurück. Gemeinsam besteht man den Kampf gegen christliche Fundamentalisten ebenso wie gegen die böse PEGIDA, denn natürlich lauert nur von dort wirkliche Gefahr. Damit auch die Jüngsten „im Film sind“ und frühzeitig erkennen, was gut und richtig ist, gibt es auch für sie die entsprechenden Filme. So z. B. Teil 4 von "Bibi und Tina", gerade in die Kinos gekommen. Hier wird wirkliches alles aufgeboten, was das Thema hergibt. So begegnen Bibi und Tina einem syrischen Flüchtlingsjungen, der in Wahrheit ein albanisches Mädchen ist, das der Zwangsheirat in der Heimat entgehen will, einer tollen Musikertruppe aus Mali, einem bösen Immobilienspekulanten mit komischer Frisur und dem Namen Dirk Trumpf (genialer Einfall!), der eine Mauer bauen will, und zwei wirklichen syrischen Flüchtlingsjungs, mit deren Hilfe es gelingt den bösen Trumpf von Grundstück des Grafen Falko zu vertreiben. Und natürlich entpuppt sich einer der jungen Syrer als Architekturgenie, so dass die Sanierung der Burg ohne den bösen Trumpf, aber mit Hilfe syrischer Fachkräfte gelingt. Ein Stück wie aus dem wahren Leben, oder? Das hätte nicht mal die DEFA so hinbekommen.

Doch wir benötigen auch auf anderen Gebieten noch viel mehr Wegweisung. Beim anstehenden Karneval zum Beispiel. Durch die Wahl eines wirklich unpassenden Kostüms kann man nämlich schnell in den Geruch eines üblen Rassisten, Machos oder Homophoben geraten. So macht die Kampagne "Ich bin kein Kostüm" schon mal deutlich, was gar nicht geht im Karneval, z. B. sich als Indianer, Scheich, Geisha, Schwarzer oder als Frau zu verkleiden. Denn diese "Kostüme stärken rassistische und stereotype Bilder. Europäer_innen benutz(t)en diese Bilder, um Ausbeutung und Unterdrückung von bestimmten Menschengruppen zu rechtfertigen." Alles klar. Irgendwie bleibt da jedoch nicht mehr viel übrig, vielleicht sollte man angesichts dessen besser ganz aufs Feiern verzichten. Bestimmt findet sich auch dafür ein triftiger Grund.

Wichtig ist es, das als politisch korrekt Erkannte auf allen Gebieten durchzusetzen, notfalls durch Konfrontation und Stigmatisierung. Einen sehr hoffnungsvollen Ansatz dazu hat kürzlich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks mit ihrer Bauernregel-Kampagne gestartet. Da hat sie den tumben Bauern aber mal so richtig einen eingeschenkt. Allerdings hat eine Protestwelle dafür gesorgt, dass die Ministerin erstmal zurückgerudert ist. Aber keine Sorge, in ein paar Jahren geht so was anstandslos durch. Waren doch auch toll die Regeln, wie z. B. diese: „Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.“ Das ist doch mal was. Dass die Bundesregierung bis 2014 den Bau von Biogasanlagen und die Nutzung nachwachsender Rohstoffe wie Mais zur Biogasgewinnung über das EEG kräftig gefördert hat und somit eine Mitschuld an der „Vermaisung“ der Landschaft hat, Schwamm drüber!

Auch das Neuererwesen der DDR – oft dem Mangel und Spardiktat geschuldet – feiert eine fröhliche Wiedergeburt, z. B. im Kampf um den Titel „Energiesparmeister“. Alle Schulen sind aufgerufen, Wege zum Energiesparen zu finden, um den Klimawandel von Deutschland aus weltweit endlich zu stoppen. Auch dies ist eine tolle Aktion des Bundesumweltministeriums. Die Landessieger 2017 stehen schon fest. Super z. B. der Landessieger in Baden-Württemberg. Dort hat man an der Steinbeis-Schule in Tuttlingen das Wahlpflichtfach „Energie sparen“ für die 12. Klassen eingeführt. Wer es belegt, wird belohnt, nicht mit CO2-Zertifikaten, wohl aber indem für alle Teilnehmer wahlweise eine mündliche oder schriftliche Abiprüfung erlassen wird. Das spart nun doch wirklich Energie (beim Abitur) und sicher jede Menge CO2.

Apropos Kinder, deren Erziehung und Betreuung ist zwar noch formal Sache der Eltern, aber immer wichtiger wird auch hier der gesellschaftliche Einfluss. Das war schließlich auch in der DDR schon so und auch im vereinten Deutschland ist längst anerkannt, dass Kinder in die KiTa gehören und nicht etwa zu Hause betreut. Leider werden die Kleinen auch mal krank und können dann nicht in die KiTa. Dann steht die Frage der Betreuung an. Und hier, das ist ganz wichtig, müssen auch die Väter ihren Mann stehen. Laut neuesten Erhebungen betreuen immer mehr Väter ihre kranken Kinder. Das ist politisch gewollt, wo kämen wir denn hin, wenn darüber allein in der Familie entschieden würde? Sehr schön hat das die Mitteldeutsche Zeitung formuliert: "Gerechtigkeit herstellen können nur die Väter, indem sie mehr Verantwortung übernehmen." Also Schluss mit der Verantwortungslosigkeit der Männer, die denken, nur weil sie meist noch die Hauptverdiener sind, auch weil viele Frauen sich bewusst für Teilzeit entscheiden, ist es praktischer, wenn Frau beim kranken Kind bleibt. Überhaupt, Kinder sind, da titelt die MZ sehr treffend, eine wahre "Last".

Es ließen sich noch viele weitere Beispiele dafür finden, wie wir Bürger von Politik und Medien, mal zart, mal hart, auf den Pfad der Tugend geführt werden sollen. Böse Menschen könnten behaupten, wir erleben einen Tugendterror, eine Ideologisierung des Alltags. Die kennzeichnet eigentlich Gesellschaften in der Krise, die unfähig sind, sich dieser zu stellen. Nun, davon sind wir natürlich weit entfernt. Uns geht es doch gut!

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