Im Schatten der Freiheit: Wenn Extremisten einander die Argumente liefern

Jedes Mal, wenn die Nachrichten von extremistischen Taten oder konfusen Funden bei Attentätern berichten – wie jüngst dem gleichzeitigen Auftauchen von weltanschaulichen Schriften wie „Mein Kampf“, religiösen Texten und fundamentalistischen Manifesten –, zucken viele ratlos zusammen. Wie passt das zusammen? Wie kann jemand gleichzeitig faschistisches Gedankengut und radikal-religiöse Dogmen anhäufen?

Die Antwort darauf liegt oft nicht in einem durchdachten, strategischen Bündnis, sondern in einer viel heimtäuscherischen Dynamik: Dem stillen, destruktiven Zusammenspiel verschiedener Fundamentalismen.

Die Schnittmenge: Der Hass auf die freie Gesellschaft

Betrachtet man die ideologischen Ränder, fällt auf, dass sie auf den ersten Blick zwar erbitterte Feinde zu sein scheinen, im Grunde aber von derselben tiefen Sehnsucht angetrieben werden: der Verachtung für die offene, liberale und pluralistische Gesellschaft.

Ob faschistischer Rassenwahn, islamistischer Extremismus oder christlicher Fundamentalismus – sie alle teilen eine autoritäre Grundstruktur:

Sie lehnen individuelle Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung ab.

Sie verabscheuen die Vielfalt und Toleranz moderner Demokratien.

Sie sehnen sich nach starren Hierarchien, Unterordnung und einem vermeintlichen "Heil", das mit eiserner Hand durchgesetzt werden soll.

Im Hintergrund zieht sich so durch alle diese Strömungen derselbe ideologische Nenner: Sie wollen das freie, selbstbestimmte Zusammenleben zerstören.

Das perfide Spiel: Warum Extremisten insgeheim froh über die anderen sind

Genau hier beginnt das gefährliche Ping-Pong-Spiel der Extremisten. Sie spielen sich gegenseitig den Ball zu – und das oft ganz bewusst oder zumindest billigend in Kauf nehmend.

Jede Seite schaut insgeheim mit einer Portion Erleichterung auf die Verfehlungen, Anschläge und Radikalisierungen der anderen Seite. Warum? Weil die Taten der Extremisten im jeweils anderen Lager das perfekte Geschenk für die eigene Propaganda sind:

Der ersehnte Beweis: Wenn ein islamistischer Terroranschlag passiert, jubeln rechtsextreme und christlich-fundamentalistische Hardliner (natürlich verdeckt oder in ihren Echokammern) förmlich auf. Sie haben nun ihren „Beweis“ dafür, dass ihre Feindbilder real sind, und nutzen die Tat, um pauschal zu hetzen.

Die Rechtfertigung für eigene Gewalt: Umgekehrt dient rechtsextremer oder fundamentalistischer Terror den islamistischen Extremisten als willkommener Nährboden, um zu behaupten, der „Westen“ oder Andersgläubige befänden sich in einem unversöhnlichen Krieg gegen sie.

Die Spirale der Radikalisierung: Jede Gewalttat der einen Seite liefert der anderen Seite die moralische Legitimation, nun ihrerseits „zurückzuschlagen“ – sei es durch physische Gewalt, hasserfüllte Hetze im Netz oder die Einschränkung von Grundrechten.

Der Nährboden für die Spirale der Angst

Am Ende nähren sich diese unterschiedlichen Strömungen aus demselben Sumpf. Sie leben von der Polarisierung. Eine friedliche, funktionierende freie Gesellschaft ist ihr gemeinsamer Albtraum, denn sie zeigt, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Lebensentwürfe friedlich und frei miteinander leben können.

Wenn also bei Törnern oder Extremisten ein wilder Mix aus Hass-Schriften gefunden wird, zeigt uns das vor allem eines: Der Feind im Hintergrund ist nicht nur die einzelne Ideologie, sondern die fundamentale Unfähigkeit, Freiheit auszuhalten. Die verschiedenen Extremismen mögen sich auf den Tod nicht ausstehen – aber wenn es darum geht, die Grundpfeiler unserer freien Gesellschaft ins Wanken zu bringen, arbeiten sie Hand in Hand, indem sie sich gegenseitig die Munition liefern.

https://www.n-tv.de/politik/Mein-Kampf-Koran-und-Bibel-bei-Pariser-Attentaeter-gefunden-id31455006.html

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